Das Gespräch führte SUSANNE DONNER
Prof. Dingermann, bekommen wir bald eine Spritze und dann nie wieder Krebs?
So funktioniert es leider definitiv nicht. Woran Firmen und Forscher arbeiten, und womit ich fest rechne, ist das therapeutische Impfen gegen Krebs: Krebskranke erhalten mehrere Spritzen, die deren Immunsystem für einen Angriff auf ihren persönlichen Tumor aktivieren. Dadurch bezwingt die eigene Körperabwehr letztlich die Krebserkrankung – in Kombination mit anderen Therapien.
Warum gibt es denn keine präventive Anti-Krebs-Spritze für alle?
Jede Krebserkrankung ist einzigartig. Zwei Personen mit, sagen wir, Brustkrebs haben ganz unterschiedliche Krebszellen mit unterschiedlichen Mutationen im Erbgut. Es gibt keine zwei Patienten mit dem gleichen Tumor. Deshalb kann es auch nicht einen einzigen Impfstoff dagegen geben.
Wie kann eine therapeutische Impfung bei solch einer Vielfalt funktionieren?
Indem sie genau das ausnutzt: Die Impfstoffe, die sich aktuell in klinischen Studien befinden, sind jeweils individuell zusammengesetzt, abhängig von den Mutationen im Tumor des jeweiligen Patienten. Jeder Krebserkrankte bekommt folglich einen anderen Impfstoff – eben gegen seinen persönlichen Krebs –, der gezielt für ihn hergestellt wurde.
Wenn wir in die Apotheke gehen, bekommen wir alle dasselbe Medikament gegen Migräne, Schmerzen oder einen grippalen Infekt. Eine Krebsimpfung nur für einen einzigen krebskranken Menschen – wo setzt die an?
Damit wir die neuen Impfstoffe gegen Krebs verstehen, müssen wir erst einmal wissen, wie das Immunsystem sich auf natürliche Weise gegen Krebs wappnet: Im Erbgut der Krebszellen gibt es Mutationen. Etliche dieser Mutationen sorgen für neue Krebseiweißstoffe, die in den Krebszellen entstehen. Sie werden wie jedes Protein in der Zelle geschreddert – in kleine Bruchstücke. Gegen diese kleinen Bruchstücke kann sich das Immunsystem richten. Dafür wird das Bruchstück auf ein sogenanntes HLA-Molekül, ein Humanes Leukozyten-Antigen, an der Oberfläche der Zelle geladen und den Immunzellen, die sich im Umfeld befinden, gezeigt. Der springende Punkt ist aber: Jeder Mensch hat nur etwa 20 unterschiedliche HLAs in seinen Körperzellen. Und das, obwohl es Millionen unterschiedliche HLAs bei Menschen gibt. Und nicht jedes Peptidbruchstück passt zu jedem HLA. Eine Immunantwort kann also überhaupt nur ausgelöst werden, wenn ein passendes HLA für das jeweilige Krebsproteinfragment da ist.





