“Das mittlere und späte Kambrium sind wie ein leeres Kapitel in der Geschichte des Lebens”, sagt der Paläobiologe Arnie Miller von der University of Cincinnati in Ohio. “Es gibt eine überraschende Menge an Unfruchtbarkeit und Ödnis.” Paläontologen nahmen lange an, dass es in dieser zweiten Hälfte des Kambriums womöglich zu einem Massensterben kam. Inzwischen ist aber klar, dass einfach zu wenig neue Arten entstanden. Weil mehr Tierarten ausstarben als neue dazukamen, sank die Zahl der Gattungen von 600 im mittleren Kambrium auf 450 gegen Ende der Periode.
Doch mit dem Beginn des Ordoviziums nahm die Evolution wieder an Fahrt auf. Zunächst kam es zu riesigen Algenblüten, wodurch filtrierende Lebewesen wie Schwämme, Korallen und sogenannte Armfüßer, die äußerlich Muscheln ähneln, zu einer neuen Blüte erwachten. Nach einer längeren Flaute bildeten sich wieder Riffe, die schnell zu Brennpunkten der Biodiversität wurden. Die ökologische Komplexität nahm deutlich zu: Die Welt des Kambriums war noch eine zweidimensionale Welt, in der die meisten Tiere direkt auf dem Meeresboden lebten. Doch nun gruben sie sich tief in den Schlamm, bauten in Riffen unterschiedliche Stockwerke oder wagten sich ins offene Wasser vor: Gegen Mitte des Ordoviziums entwickelten mehrere Tierarten unabhängig voneinander bewegliche Larven ? womöglich, um den neu erworbenen Tentakeln der Filtrierer zu entkommen.
Das Leben begann zudem, erste, vorsichtige Schritte an Land zu machen. Einige einfache Pflanzen drangen auf die Kontinente vor, und skorpionähnliche Wesen krochen ab und zu an den Stränden herum. Viele Tiere, die heute an den Küsten leben, tauchten erstmals während der Blütezeit des Ordoviziums auf, zum Beispiel Austern, Seesterne, Seegurken oder Jakobsmuscheln.
Aus Sicht der Paläontologen ist eine solche plötzliche Entfaltung ohne vorhergehendes Massensterben ungewöhnlich. “Das ist ein echtes Rätsel und einzigartig in der Geschichte des Lebens”, sagte die Paläbiologin Mary Droser dem New Scientist. Eine mögliche Erklärung besteht darin, dass die Fauna des Kambriums so armselig war, dass es genug leere ökologische Nischen zu füllen gab. Ein stabiles, warmes Klima, ein extrem hoher Meeresspiegel und die ausgedehnten Flachmeere sowie starke Erosion in dieser Zeit könnten die Entstehung neuer Arten begünstigt haben.
Vielleicht brauchte die Evolution aber auch eine gewisse Herausforderung: Einige Forscher spekulieren, dass ein ausgeprägter Meteoritenhagel, der vor etwa 467 Jahren einsetzte, so viel Selektionsdruck aufbaute, dass eine Vielfalt entstand, die weitere 200 Millionen Jahre nicht übertroffen wurde.





