von THORSTEN DAMBECK
Clustril, Drunlo, Limtoc, Flimnap – merkwürdig benannte Krater bedecken den Marsmond Phobos. Vertrauter klingt Gulliver, der Name eines größeren Exemplars mit fast sechs Kilometer Durchmesser. Er gibt einen Hinweis auf die seltsame Nomenklatur: Die Namen stammen von Bewohnern des Zwergenlandes Liliput, wohin es den Helden in „Gullivers Reisen“ verschlagen hat. Doch was hat Astronomen bewogen, sich bei einer Geschichte zu bedienen, die sich Jonathan Swift im frühen 18. Jahrhundert ausgedacht hatte? Die Antwort: eine seltsame Koinzidenz.
Der irische Autor schrieb nämlich, dass Sternkundige der Insel Laputa zwei kleine Monde entdeckt hätten, die den Mars auf engen Bahnen umwandern. Die Orbits und Umlaufzeiten der fiktiven Trabanten ähneln tatsächlich denjenigen der realen Marsmonde. Diese wurden allerdings erst 1877 von dem US-amerikanischen Astronomen Asaph Hall beobachtet. Er benannte sie nach den Söhnen des Ares, dem griechischen Pendant des römischen Kriegsgottes Mars: Furcht (Phobos) und Schrecken (Deimos). Wie konnte Swift, zumal als astronomischer Laie, anderthalb Jahrhunderte zuvor so detaillierte Angaben machen?
Neuer Anlauf zu Phobos
Seit Halls Entdeckung sind fast 150 Jahre vergangen. Man weiß heute, dass die beiden Trabanten tatsächlich zwergenhaft sind. Die größte Ausdehnung von Phobos beträgt kaum 26 Kilometer, bei Deimos sind es nur 16 Kilometer. Beide haben keine Kugel-, sondern eine Kartoffelform – ähnlich wie viele Kleinplaneten. Für eine sphärische Gestalt wie beim Erdmond (3475 Kilometer im mittleren Durchmesser) sind sie viel zu winzig.
Auch ihre Umlaufbahnen wurden genau vermessen. Dabei fällt besonders die extrem kurze Orbitaldauer von Phobos auf. Er umkreist Mars in nur 7 Stunden, 39 Minuten und 12 Sekunden. Deimos zieht weiter außen seine Bahn. Er braucht etwas mehr als 30 Stunden. Swift hatte übrigens 10 und 21,5 Stunden genannt.
Erfolgreiche Landungen auf den beiden Winzlingen hat es bislang nicht gegeben; russische Versuche scheiterten in den Jahren 1989 und 2011. Nun will es die japanische Raumfahrtbehörde JAXA versuchen. Sie hat bereits zweimal Bodenproben von erdnahen Planetoiden zur Erde gebracht (bdw 3/2023, „Kleinplaneten unter der Lupe“).
Die Erfolgsserie soll im Mars-System fortgesetzt werden, wenn dort nach rund einem Jahr Anreise 2027 die MMX-Sonde eintrifft – das Kürzel steht für Martian Moons eXploration. Die Sonde wird auf Phobos landen, Bodenproben nehmen und diese zur Erde bringen. Zuvor soll, als eine Art Scout, ein vierrädriges, in Deutschland und Frankreich gebautes Gefährt namens Idefix die Landestelle erkunden.





