von THORSTEN DAMBECK
Es war wie ein himmlisches Geschenk, das pünktlich auf dem Mars abgeliefert wurde: Am Heiligen Abend 2021 schlug in Amazonis Planitia ein Meteorit ein. Die ausgedehnte Tiefebene liegt westlich des riesigen Vulkans Olympus Mons und gehört zu den topografisch glattesten Regionen auf dem Planeten überhaupt. Zwar ist der neue Meteoritenkrater nur einer unter zahllosen weiteren. Für die Marsforscher war der Einschlag jedoch ein unverhofftes Weihnachtspräsent. Denn er war heftig genug, um noch 3.460 Kilometer entfernt Erschütterungen auszulösen.
Dort stand mit SEIS (Seismic Experiment for Interior Structure) der planetenweit einzige funktionsfähige Bebenmesser. Unter französischer Leitung gebaut, gehört er zur NASA-Sonde InSight, die im November 2018 gelandet war. Das weihnachtliche Wackeln an der Landestelle entsprach einem Beben der Stärke 4 auf der logarithmischen Momenten-Magnituden-Skala (ein zusätzlicher Punkt dort bedeutet eine Zunahme um den Faktor 31,6). Somit verursachte der Einschlag eines der stärksten seismischen Ereignisse, das bis dahin auf dem Mars gemessen worden war.
Eis nah am Äquator
Die Auswertung der SEIS-Messungen half auch den neuen Amazonis-Krater zu lokalisieren und ihn mit Satelliten ins Visier zu nehmen. Dabei sind die Fotos des Mars Reconnaissance Orbiter der NASA besonders aufschlussreich. Sie zeigen, dass nicht nur ein 150 Meter großer Einschlagskrater entstand, sondern dabei auch Eis ausgeworfen wurde. Es muss aus oberflächennahen Schichten stammen, da der Krater nur 21 Meter tief ist.
Zwar wurde Wassereis im Umfeld frischer Impaktkrater auch schon vorher entdeckt, jedoch nie in Breiten von nur 35 Grad wie in diesem Fall. Dass relativ nah am Äquator und dicht unter der Oberfläche gefrorenes Wasser existiert, ist für künftige bemannte Marslandungen ermutigend, denn Astronauten können es dann als Ressource nutzen: Treibstoff, Trinkwasser und Atemluft lassen sich daraus gewinnen.
Bei der Suche nach möglichen Lebensformen, vergangenen oder gegenwärtigen, folgen die Marsforscher ebenfalls der Wasserspur. James Dickson vom California Institute of Technology in Pasadena und sein Team veröffentlichten beispielsweise vor kurzem in der Fachzeitschrift Science die Ergebnisse einer aufschlussreichen Studie. Den Wissenschaftlern ging es um die Gullys genannten Hangrinnen auf der Marsoberfläche. Geologen kennen Ähnliches auch von alpinen oder polaren Regionen auf der Erde.
Bei uns entstehen solche Rinnen, wenn eine Mixtur aus Sand, Geröll und Wasser zu Tal stürzt. Auf dem Mars hatte der NASA-Satellit Global Surveyor bereits vor über zwei Jahrzehnten etwas Ähnliches entdeckt. Vor allem an Kraterwällen und Berghängen, sogar auf Dünen, wurden Zehntausende Gullys aufgespürt. Viele wirkten so frisch, als wären sie vor geologisch kurzer Zeit entstanden (bdw 9/2004, „Überraschend junge Wasserspuren“).





