Ein fast surrealer Anblick bot sich Wissenschaftlern um Fumio Inagaki vom Japanischen Institut für Meeresforschung (JAMSTEC) im Tauchboot Shinkai 6500 vor der Küste Südkoreas im Okinawa-Trog: Die Forscher entdeckten in 1.400 Metern Tiefe einen See aus flüssigem Kohlendioxid auf dem Meeresboden.
Eigentlich hat flüssiges Kohlendioxid bei dem Druck, der in 1.400 Metern Wassertiefe herrscht, eine geringere Dichte als Wasser ? ein solcher See dürfte daher eigentlich gar nicht existieren. Allerdings deckte eine zehn Zentimeter dicke Schicht aus Kohlendioxid-Hydrat, einer Art Eis aus Kohlendioxid und Wasser, den See ab, so dass das flüssige Kohlendioxid nicht entweichen konnte. Wie die Forscher berichten, ist der Kohlendioxid-See keine besonders lebensfreundliche Umgebung: Die Zahl der Mikroben sank an der Grenze zwischen der Hydratschicht und dem flüssigen Kohlendioxid von etwa einer Milliarde Zellen pro Milliliter auf zehn Millionen Zellen pro Milliliter ab.
Da flüssiges Kohlendioxid wie ein Lösungsmittel wirkt, fühlen sich viele Mikroben darin offenbar nicht besonders wohl. Einige Einzeller überlebten dennoch in der Brühe: Die Forscher entdeckten sulfidoxidierende Mikroorganismen und solche, die sich von Methan ernähren. Womöglich existieren auch noch völlig unbekannte Mikroben, die in den bisherigen Tests nur noch nicht entdeckt wurden. Das Methan und das Kohlendioxid entstehen tiefer im Meeresboden in einem nahegelegenen Hydrothermalfeld. Die Gase bahnen sich ihren Weg von dort bis kurz unter den Meeresboden, wo sie vermutlich im Kontakt mit dem kalten Meerwasser zu Gashydrat werden.
Der Kohlendioxid-See ist auch deswegen interessant, weil es Überlegungen gibt, Überschüsse des Treibhausgases im Meer zu versenken. Allerdings macht gelöstes Kohlendioxid das Meerwasser saurer, was auf Dauer die Kalkschalen vieler Meeresbewohner auflösen könnte. Nun können die Forscher die Auswirkungen von flüssigem Kohlendioxid auf das Tiefseeökosystem genau studieren. Antje Boetius vom Max-Planck-Institut für marine Mikrobiologie ist von dem Fund jedenfalls begeistert: “Als Wissenschaftler denkt man immer, man hätte schon alles gesehen, und dann findet man durch Zufall dieses Wunder in der Tiefsee.”
Fumio Inagaki (Japanische Agentur für Meeresforschung, JAMSTEC): PNAS, Online-Vorabveröffentlichung, DOI: 10.1073/pnas.0606083103 Kenneth Nealson (Universität von Südkalifornien): PNAS, Online-Vorabveröffentlichung, DOI: 10.1073/pnas.0606709103 Ute Kehse





