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Der schönste Berg der Welt
Archäologie

Der schönste Berg der Welt

Der Künstler Katsushika Hokusai konnte sich an Japans heiligstem Berg kaum sattsehen: Dieses Blatt stammt aus seiner berühmten Farbholzschnittserie „36 Ansichten des Berges Fuji“ (1829–1833). bpk / GrandPalaisRmn / Thierry Ollivier

Japaner nennen den Fuji einzigartig, und auch im Ausland gilt er als ausnehmend schön. Doch es dauerte Jahrhunderte, bis der ikonische Berg für weitere Kreise zugänglich wurde. Aus wenigen Besuchern wurden viele. Einige taten sich als Pioniere hervor. Jeder von ihnen verfolgte ein anderes Ziel.
Autor
Redaktion
20. März 2026
Lesezeit
10 Minuten
Rubrik
Archäologie
Japaner nennen den Fuji einzigartig, und auch im Ausland gilt er als ausnehmend schön. Doch es dauerte Jahrhunderte, bis der ikonische Berg für weitere Kreise zugänglich wurde. Aus wenigen Besuchern wurden viele. Einige taten sich als Pioniere hervor. Jeder von ihnen verfolgte ein anderes Ziel.

Engelbert Kaempfer, Arzt in Diensten der Vereinigten Ostindischen Kompanie und Verfasser eines berühmten Buches über Japan, reiste im Jahr 1691 von Nagasaki an den Hof des Shoguns in Edo, dem heutigen Tokio. Kurz vor dem Ziel sah er einen Berg von einzigartiger Schönheit: so ebenmäßig und so prachtvoll, dass man ihn den schönsten Berg der Welt nennen könne. Sein Name sei: Fusi no Jamma, Fujiyama. In dieser Form blieb er im europäischen Weltbild haften. In Japan wird sie von niemandem gebraucht. Dort heißt der Berg – vornehmer und höflicher – Fuji-san. Er ist der heiligste aller heiligen Berge in Japan.

In der Tat ist der Anblick erhaben. Ein Kegel von 3776 Metern Höhe ragt freistehend aus dem Meer. In Japan wird seine Gestalt mit der eines umgekehrten Fächers verglichen. Sogar dessen Rippen könne man aus der Ferne erkennen. Die kreisrunde Basis hat einen Durchmesser von 40 bis 50 Kilometern, die stumpfe Spitze wird von einem Krater von 3,5 Kilometern Umfang gebildet. Tritt man dem Fuji näher, verliert er ein wenig von seiner Schönheit. Denn es handelt sich um einen Vulkan, bestehend aus Lava, Geröll und Asche. Die Baumgrenze liegt bei 2400 bis 2800 Metern. Jenseits der Wolken, die im Sommer den Gipfel verhüllen und von oben wie ein „Meer aus Baumwolle“ (Lafcadio Hearn) aussehen, wirkt die Landschaft gespenstisch. Wasser gibt es nur wenig.

Eigentlich sollte man von drei Vulkanen sprechen. Doch der jüngste hat die beiden anderen mit seinem Auswurf überdeckt. Der letzte Ausbruch ereignete sich vor mehr als 300 Jahren und hat die südöstliche Flanke mit einem weiteren, kleinen Krater geschmückt. Seitdem gilt der Fuji als ruhend, nicht als erloschen. Er könnte jederzeit wieder ausbrechen.

Jeder Japaner und jede Japanerin sollte einmal im Leben den Fuji besucht und auf dem Gipfel die aufgehende Sonne begrüßt haben. Denn der Berg hatte sich seit dem 12. Jahrhundert zu einem herausragenden Pilgerziel, dann zu einem nationalen Symbol entwickelt, das die Dichter feierten und die Maler in all seiner Schönheit wiedergaben. Zuerst Hokusais (1829–1833), dann Hiroshiges (1858) „36 Ansichten des Berges Fuji“ machten ihn auch im Westen bekannt. Nicht jeder Japaner hält sich an die Regel. Viele geben sich mit einem Besuch der fünften, mit Auto oder Bus zu erreichenden Pilgerstation zufrieden. Doch auch sie sind Teil einer Geschichte, zu der Millionen und Abermillionen beitrugen.

Die Anfänge des Fuji-Kults führen ins Reich der Legenden

Kein Geringerer als Prinz Shotoku, der Erneuerer des japanischen Reiches im 7. Jahrhundert, soll als Erster eine Art „Besteigung“ des Fuji in Angriff genommen haben. Mit einem schwarzen Ross sei er über den Gipfel geflogen. Ein Asket namens En no Ozunu (oder En no Gyoja: En „der Asket“) tat es ihm nach. Denn auch er soll magische Fähigkeiten besessen und Dämonen in seinen Dienst gezwungen haben. Deshalb sei er auf eine abgelegene Insel verbannt worden, nachts aber heimlich zum Fuji geflogen, um dort buddhistische Rituale durchzuführen. Er gilt als der Begründer der asketischen Praktiken auf dem heiligen Berg.

Doch das alles sind Legenden. Asketen mag es wie in China und im frühchristlichen Europa auch an den Hängen des Fuji gegeben haben. Indem sie der Welt entflohen, sich den Launen der Natur aussetzten und beständig magische Formeln rezitierten, meinten sie, En no Ozunus Beispiel zu folgen. Die Anfänge des Kults umgibt ein mystisches Dunkel.

Erst im 12. Jahrhundert kann einer dieser Asketen mit Namen benannt und als bedeutende historische Persönlichkeit identifiziert werden: Matsudai war ein Mönch und Priester, der Buddhas „Reines Land“ zuerst in Wäldern, dann bei einem anderen Berg und schließlich auf dem Fuji suchte. Mehrere hundert Mal soll er den Gipfel erklommen haben. Das ist sicher übertrieben, selbst im Fall eines frommen Asketen. Aber Matsudai erwarb so große Verdienste, dass er den Beinamen eines „heiligen Mannes“ (Shonin) erhielt und nach seinem Tod als erleuchtet, als Buddha verehrt wurde.

Als Erstes erkannte er, dass die alten japanischen Götter (kami) den Erscheinungsformen Buddhas entsprachen und die naturreligiösen Traditionen des Berges leicht in die buddhistische Lehre überführt werden konnten. Zu diesem Zweck errichtete er – 1149 – auf dem Gipfel einen kleinen Tempel zu Ehren Dainichis, des Sonnen-Buddhas in der Mitte des Universums. Damit legte er den Grund für eine spezifische Spiritualität, die sich durch die Verbindung shintoistischer, buddhistischer, taoistischer und sogar konfuzianischer Elemente auszeichnet.

Da aber der Gipfel des Fuji von normalen Sterblichen nur in den Sommermonaten bestiegen werden kann, legte Matsudai eine feste Station am Fuß des Bergs an, von der aus die Besucher unterstützt und betreut werden konnten. Eine Vision schließlich führte ihn zu einer Stelle, an der er einen Quarzblock in der Gestalt des Fuji entdeckte. Er nutzte ihn als Symbol, das die Verehrung des Bergs nicht nur vor Ort, sondern auch anderswo, in ganz Japan, möglich machte.

Schon im 18. und frühen 19. Jahrhundert ging die Zahl der Pilger Jahr für Jahr in die Tausende. Das heißt nicht, dass jeder Mann auf den Berg gelassen wurde (wer unzüchtig geträumt hatte, musste tausend Mal in kaltes Wasser tauchen), jede Frau schon gar nicht. Denn Frauen galten als unrein. Das aber vertrug sich nicht mit den asketischen Traditionen des Fuji. Das „Reine Land“ sollte rein bleiben. An den vier Aufgängen, die mittlerweile zum Gipfel führten, achteten Priester und Aufseher streng darauf, dass keine Frau über eine bestimmte Höhenlinie hinauskam. Wer trotzdem darauf bestand, wurde auf die vielen Miniaturkopien hingewiesen, die in und bei Edo aufgerichtet worden waren, um allen, die den wirklichen Fuji nicht besteigen konnten oder durften, ein vergleichbares Erlebnis zu bieten. Zehn bis 15 Meter ragen sie in die Höhe. Mehr als 60 sind bis heute erhalten.

Eine junge Frau widersetzt sich dem Verbot und besteigt den Berg

Immerhin gab es Kritik am Ausschluss aller Frauen. Man verwies auf die Tatsache, dass die Hauptgottheiten des Berges als weiblich gedacht wurden. Schon Matsudai Shonin soll sich darüber den Kopf zerbrochen haben. Oder man machte geltend, dass es doch auf das Miteinander des männlichen und des weiblichen Prinzips, auf die Balance von Yin und Yang, ankam. Wie konnte man da die eine Hälfte radikal ausschließen? Unreinheit durch die Monatsblutung oder nach einer Geburt könne kein Argument sein, denn die Existenz der Menschheit sei den Frauen zu verdanken.

Es kam also darauf an, dass eine Frau das Verbot ignorierte und dadurch dessen Sinnlosigkeit bewies. Ein erster Versuch scheiterte, weil der Zeitplan durcheinandergeriet. Doch im Herbst 1832 war es so weit. Eine 19 Jahre junge Frau namens Takayama Tatsu aus Edo bestieg zusammen mit vier Männern und zwei Trägern heimlich und als Mann verkleidet den Berg. Man hatte sich für Oktober entschieden, weil in Eis und Schnee sonst niemand unterwegs war und man weniger befürchten musste, dass Tatsus Inkognito aufflog.

Am zweiten Tag erreichte die Gruppe den Gipfel. Kurz vorher soll Tatsu erklärt haben: „Ich will den Gipfel erklimmen, selbst wenn ich in dem Moment sterben sollte, in dem ich ihn erreiche. Wenn ich nach Hause zurückkehren kann, werde ich davon vielen Frauen erzählen und sie alle ermutigen, diesen Berg zu besteigen.“

Fürs Erste hielten die Behörden am bestehenden Regelwerk fest und bestanden darauf, dass Frauen der Zugang verwehrt blieb. Doch die Entwicklung ließ sich nicht mehr aufhalten. Viele Frauen waren begierig, ganz oben auf dem Fuji zu beten. Und alle, die von dem Geschäft mit den Pilgern profitierten, erhofften sich dadurch eine Steigerung ihres Gewinns. 1860 wurde das Verbot vorübergehend suspendiert, 1872 schließlich ganz aufgehoben. Takayama Tatsu hatte dazu mit ihrem heimlichen Aufstieg den ersten und entscheidenden Anstoß gegeben.

Auch Ausländer hatten auf dem heiligen Berg nichts zu suchen. An shintoistischen Riten durften sie nicht teilnehmen, die Lehre Buddhas ging sie nichts an, die asketischen Praktiken sollten geheimnisvoll bleiben. Dem stand der Wortlaut der Verträge entgegen, welche die westlichen Mächte seit 1854 mit Japan geschlossen hatten. Darin war Bewegungsfreiheit für das diplomatische Personal vereinbart worden.

Rutherford Alcock, erster britischer Generalkonsul in Edo, bestand darauf, auch den Fuji besteigen zu dürfen. Seine japanischen Gesprächspartner rieten ihm jedoch dringend davon ab. Die Lage im Land sei gerade für Ausländer alles andere als sicher.

Damit hatten sie recht. Um 1860 spitzte sich die politische Situation dramatisch zu. Die Regierung in Edo wurde kritisiert, weil sie mit der Bedrohung aus dem Ausland nicht fertig wurde und so die Unabhängigkeit Japans riskierte. Herrenlose Samurai zogen durch das Land und wollten die Fremden vertreiben. Sie nannten sich shishi, „Männer mit hohen Zielen“, und verstanden sich als loyale Patrioten. Mehrere Ausländer wurden auf offener Straße mit scharfen Samurai-Schwertern in Stücke gehauen. Sogar das britische Generalkonsulat wurde zweimal nachts attackiert.

Mit Terrier Toby und großer Eskorte: Ein Brite wagt sich auf den Fuji

Alcock wusste also, was ihm drohte. Trotzdem wollte er unbedingt auf den Fuji. Alle Warnungen hielt er für Ausflüchte. Eine genügend große Begleitung sollte für seine Sicherheit sorgen. Im September 1860 machte er sich mit mehr als 100 Personen auf den Weg – auch ein Botaniker, ein Offizier, der sich mit Vermessungsinstrumenten auskannte, sowie sein Scottish Terrier Toby gehörten dazu. Überall war die Aufnahme freundlich, Neugier trieb die Leute auf die Straße. Den Anblick des Bergs fand Alcock so grandios, wie ihn Kaempfer beschrieben hatte, wenn auch nicht so einzigartig, wie die Japaner behaupteten. Sie seien eben keine Kosmopoliten.

Der Aufstieg erwies sich als mühsam. Asche und Geröll gaben dem Fuß keinen Halt. Immer wieder musste man pausieren. Die dünner werdende Luft machte sich bemerkbar. Wasser (für den Tee?) kam erst bei 184 Grad Fahrenheit zum Kochen. Unterwegs begegnete man weißgekleideten Pilgern mit Muscheln auf den Ärmeln. Alcock erinnerte sich an die Santiago- Pilger in Europa und fand das eine „seltsame Übereinstimmung“.

Auf dem Gipfel wurde die britische Flagge gehisst, Champagner getrunken und lauthals „God save the Queen“ gesungen. Alcock schoss mit seinem Revolver in den Krater. Ein solches „religiöses Zeremoniell“ hatten die Japaner noch nie gesehen, wie Alcock vermerkte. Der Abstieg ging viel schneller. Am Ende ging es durch „schottischen Nebel“, Regen kam auf, ein schwerer Taifun folgte. Die Engländer hatten Glück gehabt. Doch in der Bevölkerung gab es Stimmen, die das Unwetter als Strafe der Götter interpretierten. Vor allem das Verhalten der Engländer auf dem Gipfel wurde als respektlos empfunden.

Vordergründig war die Expedition gelungen. Das Wetter hatte mitgespielt, alle Messungen waren erfolgreich, keiner der Reisenden hatte Schaden genommen. Nur Toby, der Scottish Terrier, war ums Lebens gekommen. Er hatte sich auf eine heiße Quelle gesetzt, die plötzlich emporgeschossen war. Wahrscheinlich war er der erste Hund auf dem Gipfel des Fuji.

Auch Alcocks Nachfolger ließ sich den Fuji nicht entgehen. Harry Parkes, britischer Geschäftsträger seit 1865, nahm sogar seine Frau mit, als er mit acht Diplomaten, 40 japanischen Offiziellen, 30 Samurai, 100 Lastenträgern und einer Unmenge Gepäck den Gipfel erstürmte. Lady Fanny Parkes war somit die erste Ausländerin auf dem Fuji. Unter ihren Landsleuten erregte sie damit mehr Aufsehen als bei den Japanern. Von ihren Reisegefährten erhielt sie ein goldenes Armband geschenkt, das sie zeitlebens an diese sportliche Leistung erinnerte. Wind und Wetter habe sie mannhaft ertragen.

Viel mehr weiß man von der nächsten ausländischen Frau auf dem Fuji. Mabel Loomis Todd stammte aus Massachusetts und war eine vielseitig begabte Schriftstellerin, Musikerin und Philologin. 1879 heiratete sie einen jungen Astronomen und begleitete ihren Mann auf seinen Expeditionen nach Russland, Chile und Südostasien, 1887 auf den Fuji.

Sie legte Wert darauf, nicht als Pilgerin, Dichterin oder gar als Touristin unterwegs zu sein. Davon gab es mittlerweile genügend. Der Fuji gehörte inzwischen zu den Highlights einer Reise nach Japan. Ausschließlich zu wissenschaftlichen Zwecken, um nämlich die Sterne in glasklarer Luft beobachten zu können, zog es sie mit ihrem Mann dorthin. Dazu schleppte man die schweren Geräte nach oben. Sie notierte die allmähliche Veränderung der Vegetation und hielt genau fest, wie ihr Körper auf die Anstrengung reagierte.

Gleichzeitig gab sie ihren Empfindungen Ausdruck: Schon bald nach der ersten Station betrete man eine andere Welt, kalt, tot und unbarmherzig. Nur noch gelbe Strohsandalen, die die Pilger weggeworfen hatten, wiesen den Weg. Auf dem Gipfel seien die Nächte kaum zu ertragen. Und wenn man unten, bei der ersten Station, wieder angekommen war, dann wisse man, was Wärme, Komfort und freies Atmen bedeuteten. Der Fuji in seiner Größe und Majestät, gepaart mit Ödnis und Einsamkeit, sei tatsächlich einzigartig.

Heute ist der Fuji überlaufen. Die Anerkennung der ganzen Region als UNESCO-Weltkulturerbe (nicht Naturerbe!) im Jahr 2013 hat vollends die Schleusen geöffnet. Die wenigen Pilger, die man noch sieht, gehen in der Menge der Bergwanderer und Sportler unter. 2022 wurde der Rekord eines japanischen Athleten gemessen, der alle vier Aufgänge an einem Stück bewältigte und dafür weniger als zehn Stunden benötigte. Wer auf dem Fuji jene erhabene Einsamkeit sucht, die seine frühen Besucher faszinierte, der kann nur enttäuscht werden.

Autor: Prof. Dr. Folker Reichert

lehrte bis 2012 Mittlere Geschichte an der Universität Stuttgart.

Literatur

H. Byron Earhart, Mount Fuji. Icon of Japan. Columbia 2011.

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