Das Ende hatte Stil. Mit 48 Kilometern pro Sekunde schoss die betagte Raumsonde Galileo auf die Wolken des Riesenplaneten Jupiter zu, an jenem 21. September 2003 – fast acht Jahre nach ihrer Ankunft in einer Umlaufbahn, 14 Jahre nach dem Start und 26 Jahre nach dem Beginn eines der kompliziertesten, teuersten und aufregendsten Unternehmen der Planetenforschung. Jetzt sollte es kontrolliert beendet werden.
Die Welt nahm ein letztes Mal Notiz von Galileo, einer amerikanischen Mission mit starkem deutschem Beitrag, die unser Wissen über eine fremde Welt weit draußen gemehrt hatte wie keine zuvor. Auch das feurige Ende, das ihr nun bevorstand, hatte die fleißige Sonde selbst „verschuldet”: Es waren Galileos eigene Messungen gewesen, die klar für einen Ozean aus flüssigem Wasser unter der Eiskruste des Jupitermonds Europa sprachen (bild der wissenschaft 4/1998, „Expedition zum Wassermond”). Da man zumindest nicht ausschließen konnte, daß dort einmal Leben vorkam oder gar vorkommt, sollte Galileo auch nach dem Ende seiner langen Reise unter keinen Umständen auf Europa abstürzen dürfen.
Schließlich war die Sonde vor dem Start nicht sterilisiert worden, und irdische Mikroorganismen sind zäh. Wenn später einmal auf Europa Lebensspuren gefunden werden sollten, könnte man nicht ausschließen, daß sie einst von Galileo eingeschleppt wurden. Und so war schon im Jahr 2000 die Entscheidung gefallen: Am Ende muß Galileo verschwinden. Hätte man ihn einfach steuerlos sich selbst überlassen, so wäre er mit einiger Wahrscheinlichkeit irgendwann mit einem der großen Monde zusammengestoßen – womöglich mit Europa.
Der kontrollierte Absturz auf Jupiter war schon viele Monate vorher vorbereitet worden. Seit der Ankunft im Dezember 1995 war Galileo auf immer wieder neuen Schleifenbahnen um den Riesenplaneten gewandert, alle paar Monate dicht an einem seiner vier großen Monde vorbei: Ihre Schwerkraft hatte Galileos Fahrt immer wieder umgelenkt. Die letzten Mondbegegnungen hatte die Flugkontrolle im kalifornischen Jet Propulsion Laboratory bei Los Angeles genutzt, um Galileo auf Kamikaze-Kurs zu bringen. Drei Mal war seine Rundreise im Jupitersystem schon verlängert worden, aber nun hatte die Sonde fast allen Treibstoff für Kurskorrekturen verbraucht, und die Bordelektronik war durch die hohe Strahlung in der Nähe Jupiters schon weit über Gebühr belastet. Die Ausfälle hatten sich in den letzten Jahren gehäuft – aber an seinem letzten Tag, so schien es, wollte es Galileo noch einmal allen zeigen.
Die Endphase der Mission beginnt am 21. September 2003 um 7:52 Uhr MESZ – und zwar „Erd-Empfangszeit”: Selbst mit Lichtgeschwindigkeit brauchen Funkwellen von Jupiter zur Erde 52 Minuten und 18 Sekunden, und für die Bodenkontrolle „passiert” etwas traditionsgemäß immer erst dann, wenn ein Signal die Erde erreicht hat oder hätte erreichen können.
Orientierte sich die Raumsonde bislang immer an drei Sternen am Himmel gleichzeitig, so wird jetzt nur noch einer verwendet, die besonders helle Vega, denn die Sternenkamera leidet immer stärker unter dem Strahlenbeschuß Jupiters, je näher Galileo ihm kommt. In seinem gewaltigen Magnetfeld beschleunigt der Gasriese atomare Teilchen auf Energien, die einen Menschen sofort töten würden, doch Galileos Elektronik hat dem Dauerfeuer besser standgehalten als erwartet. Nur ganz selten hatte sich die Sonde in den vergangenen acht Jahren in die wirklich gefährliche innere Zone gewagt – und auch jetzt kann es jederzeit um ihr elektronisches Gehirn geschehen sein. Aber noch liefern mehrere der zahlreichen Instrumente Galileos wertvolle Messungen der Felder und Teilchen rund um die Sonde. 70 Meter große Antennenschüsseln in Kalifornien und Spanien empfangen die Daten in Echtzeit.
18:05 Uhr Earth Received Time: Galileo ist nur noch drei Jupiterdurchmesser, 422 000 Kilometer, vom Zentrum des Planeten entfernt. In diesem Abstand liegt auch die Bahn von Io – des innersten der vier großen Jupitermonde, der bereits dem vollen Teilchenbeschuß ausgesetzt ist. Ein paar Mal ist Galileo dicht an diesem explosivsten aller Körper des Sonnensystems vorbeigeflogen, dessen Oberfläche von ständigen Vulkanausbrüchen permanent umgewälzt wird – und mehr als einmal waren die Kamera und andere Instrumente just im spannendsten Moment von der Strahlung lahmgelegt worden.
Zwei Mal ist Galileo in den vergangenen acht Jahren sogar in den Bereich innerhalb der Io-Bahn vorgedrungen: bei der Ankunft und noch einmal im November 2002, als Galileo in nur einem Jupiterradius oder 71 500 Kilometer Höhe über Jupiters Wolken schoss. Inzwischen hat das Strahlungs-Dauerfeuer die Kamera lahmgelegt, Galileo wird nie wieder einen Stern sehen.
Um 20:48 Uhr passiert Galileo die Bahn des kleinen Mondes Amalthea. Er ist nur einer der – neben den vier großen Galileischen Monden – 59 kleinen Begleiter Jupiters, die bis Anfang 2004 entdeckt wurden, aber ein Kuriosum. Denn als Galileo im November 2002 nahe an Amalthea vorbeigeflogen war, hatte seine Sternenkamera mehrere ziemlich helle Lichtblitze registriert: War Amalthea von einem Schwarm kleiner Felsbrocken umgeben, die im Sonnenlicht aufblitzten? In seiner letzten Stunde kommt Galileo Amalthea zwar nicht mehr nahe, hält aber doch nach weiteren Blitzen Ausschau: Vielleicht ist ja die ganze Bahn voller Splitter? Ähnlich auffällige Blitze wie 2002 sind diesmal nicht zu sehen, ergibt später die Auswertung: eines von zahlreichen Mysterien des Jupiter-Systems, die Galileo späteren Forscher- und Sondengenerationen hinterlassen hat.
21:26 Uhr: Nur noch 43 000 Kilometer über den Wolken passiert Galileo eine historische Marke. 30 Jahre zuvor war die Raumsonde Pioneer 11 dem Jupiter so nahe gekommen und hatte einen Rekord aufgestellt. Erst 1995 brach ihn eine kleine Kapsel, die Galileo bei seiner Ankunft geradewegs in die Atmosphäre des Planeten gelenkt hatte. Fast eine Stunde lang hatte sie damals Messungen aus den Wolkenschichten gefunkt, bevor sie vom immer weiter steigenden Druck zermalmt wurde – ein Schicksal, das in einer halben Stunde Galileo selbst teilen würde. Die Kapsel hatte die Chemie der Jupiter-Atmosphäre mit der Zusammensetzung der Sonne verglichen, die den Urzustand des Sonnensystems widerspiegelt: Jupiter ist anders, hat sich also erheblich weiterentwickelt.
Auch die siebte Mission zum größten Planeten des Sonnensystems nähert sich nun unweigerlich dem Ende. In den siebziger Jahren waren Pioneer 10 und 11 und Voyager 1 und 2, 1992 Ulysses und Ende 2000 Cassini am Riesenplaneten vorbeigeflogen. Der Wunsch nach einem Orbiter, der jahrelang im Jupiter-System verweilen würde, ist alt: Die Planung von Galileo hatte bereits im Herbst 1977 begonnen, als die Voyagers gerade gestartet waren. Der Weg zum Jupiter war lang und reich an Hindernissen: Mal drohte der Abbruch des Projekts aus Kostengründen, dann musste Galileo 1986 in der Folge des Challenger-Unglücks auf eine starke Raketenoberstufe verzichten, die aus Sicherheitsgründen nicht mehr benutzt werden durfte. Nur auf Umwegen war Galileo – nach dem Start 1989 per Space Shuttle und kleinerer Rakete – überhaupt zu Jupiter gelangt: Mehrmals mußte durch enge Vorbeiflüge an Venus und Erde Schwung geholt werden. Über sechs Jahre hatte die Reise gedauert.
21:42 uhr– noch sieben Minuten und zehn Sekunden: Galileo schießt in einem flachen Winkel auf den Jupiter zu und passiert dessen Tag-Nacht-Grenze, tritt in den Schatten des Planeten ein. Eine Minute später verschwindet die Raumsonde auch aus Sicht der Erde hinter dem Planeten, nur noch 9300 Kilometer über den Wolken. Die Elektronik hat durchgehalten: Bis zum letzten Augenblick hat Galileo Messungen gesendet, und selbst das Schwinden des Signals, als die Sonde hinter den wolkigen Rand des Gasriesen taucht, lässt sich auf der Erde noch gut verfolgen. Das war die allerletzte wissenschaftliche Leistung Galileos, denn auch aus diesen Daten lassen sich noch Aussagen über die Jupiter-Atmosphäre gewinnen. Zwar haben die Experimente des letzten Tages keine grundlegend neuen Erkenntnisse erbracht, kommentiert heute der langjährige Chefwissenschaftler Torrence Johnson. Aber dass am Ende noch einmal alles tadellos funktioniert hat, war ein würdiger Abschluß eines großen Projekts. Die letzten Minuten bleiben der Erde verborgen. Um 21:49 Uhr hypothetischer Bodenempfangszeit – in Wirklichkeit schon um 20:57 Uhr geschehen – muss Galileo so tief in die Jupiter-Atmosphäre eingedrungen sein, dass ein Druck wie am Erdboden herrschte. Die flache Eintrittsbahn zielte auf einen imaginären Punkt noch 9700 Kilometer unterhalb dieses 1-Bar-Niveaus, aber schon viel höher dürfte sich die Sonde auf 1300 Grad Celsius aufgeheizt haben und in ihre 85 000 Einzelteile zerbrochen sein, die vollständig verglüht sind.
Wie acht Jahre zuvor die Atmosphärenkapsel, ist auch Galileo in Minuten zu einem Teil Jupiters geworden. Aus Anlass des unvermeidlichen Endes wurde eine große Feier im Jet Propulsion Lab organisiert, nur wenige Meter von der Flugkontrolle entfernt, wo man sicherheitshalber noch einige Stunden länger in Richtung Jupiter lauschte: Galileos Signal ist für immer verstummt – was beweist, dass auch das finale Manöver glückte.
Rund tausend Teilnehmer des Projekts, das letztlich über ein Vierteljahrhundert gedauert hatte, erweisen Galileo an jenem Tag die letzte Ehre. Ein nervöses Schweigen war über die Menge gefallen, als der Moment des Verglühens näherrückte, doch dann begann jemand, die Sekunden rückwärts zu zählen. Alle stimmten ein, und im Augenblick des Untergangs erhob sich jeder zu einer stehenden Ovation, die kein Ende nehmen wollte.
4,6 Milliarden Kilometer hat Galileo insgesamt zurückgelegt und über 30 Gigabyte Daten geliefert, darunter 14 000 Bilder – und das trotz einer Hauptantenne, die sich nie geöffnet hatte, eines Bandrekorders, der mehrmals beinahe streikte, und einer Strahlenbelastung, die die Spezifikationen um das Vierfache überstieg. Und bereits jetzt sind so viele Forschungsarbeiten anhand von Galileo-Daten erschienen, dass nicht einmal Chefwissenschaftler Johnson mehr eine komplette Liste besitzt. Nach dem Verlust der großen Antenne hatten die Galileo-Forscher geschätzt, dass sie vielleicht noch 70 Prozent des ursprünglich geplanten wissenschaftlichen Programms erreichen könnten, mit allen Tricks von besserer Datenkompression an Bord bis zu verstärkten Antennen auf der Erde. Heute sagt Johnson: „Wir waren besser als das!”
Alle wesentlichen Ziele wurden erreicht oder – dank der Missionsverlängerungen – sogar übertroffen. Und wie will man schon gänzlich unerwartete Entdeckungen in solch einer Statistik bewerten: Zu Galileos überraschendsten Erkenntnissen gehört der Nachweis von Ozeanen unter den Krusten von gleich drei der vier großen Monde, die sich über ihre magnetischen Effekte auf das Jupiterfeld verraten haben – jedenfalls gibt es für Johnson bisher keine andere Interpretation der Messungen.
Der schmerzlichste Verlust durch den Ausfall der Antenne und damit der ursprünglich geplanten permanent hohen Datenrate betraf ausgerechnet den Jupiter selbst. Es war einfach nicht möglich, ständig seine komplizierten Wolkenströmungen mit hoher Bildschärfe zu überwachen: Diese Datenflut war über die kleine Antenne schlicht nicht zur Erde zu bekommen. Der Trostpreis für die Atmosphärenforscher traf Ende 2000 in Gestalt der Raumsonde Cassini ein, die auf dem Weg zum Saturn am Jupiter Schwung holte. In den Monaten vor der größten Annäherung nahm sie mit ihrer Kamera genau jenen Zeitrafferfilm der Wolkenströmungen auf, der Galileo verwehrt geblieben war. Bei den meisten anderen Aufgaben konnte der angeschlagene Orbiter selbst improvisieren: Der Datenstrom von der Atmosphärenkapsel hielt sich in Grenzen und konnte komplett zwischengespeichert und gesendet werden. Die Datenmenge der Instrumente für Felder und Teilchen in der Jupiterumgebung war ebenfalls kein Problem – und die vielen Bilder und Messungen bei den Mondvorbeiflügen gab es immer nur alle paar Monate: Die Intervalle dazwischen boten reichlich Zeit für die langsame Übertragung vom Bandrekorder. Auch dieses verschleißanfällige Gerät kostete die Galileo-Forscher Nerven: Pünktlich zur Ankunft im Herbst 1995 blieb das Band hängen, und der Schreib- und Lesekopf scheuerte es fast durch. Nur mit großer Vorsicht konnte der Rekorder – der noch weitere Ausfälle zeigte – während der acht Jahre im Jupiterorbit benutzt werden. Und ausgerechnet beim ersten und ursprünglich einzigen geplanten Vorbeiflug am innersten großen Mond Io stand er gar nicht zur Verfügung.
Erst in der Verlängerung konnten von 1999 bis 2002 insgesamt sechs nahe Begegnungen ins Programm aufgenommen werden – und nur zwei davon absolvierte Galileo im Strahlungshagel der Jupiternähe völlig fehlerfrei. Gerade sie haben unser Wissen über den wohl ungewöhnlichsten aller Planetenmonde wesentlich vermehrt. Io ist mit 3650 Kilometer Durchmesser der zweitkleinste der großen Jupitermonde – der größte, Ganymed, bringt es auf 5270 Kilometer. Aber er ist geologisch aktiver als jeder andere Körper im Sonnensystem, mit ständig aktiven Vulkanen, die seine Oberfläche umkrempeln.
Den extremen Vulkanismus verdankt Io zum einen dem nahen Jupiter: Der Planet erschiene von Io aus vierzigmal so groß wie der Mond von der Erde, und er zwingt Io drei Kilometer hohe Gezeitenberge auf. Das wäre noch nicht so aufregend, da alle Großmonde Jupiter immer dieselbe Seite zeigen. Aber sie haben sehr spezielle Umlaufbahnen: Jedesmal wenn Ganymed eine Runde geschafft hat, ist Europa zwei- und Io viermal um den Jupiter gelaufen. Dadurch entstehen so genannte Resonanzen, die Io auf eine elliptische Bahn zwingen, und das lässt die Gezeitenberge ständig wachsen und schrumpfen.
Als sich Voyager 1 Anfang 1979 schon im Anflug auf Jupiter befand, rechneten drei amerikanische Theoretiker aus, dass dieser Effekt Io zum „am intensivsten aufgeheizten erdähnlichen Körper im Sonnensystem” machen sollte und dass „man spekulieren könnte, es gebe verbreiteten und wiederkehrenden Vulkanismus auf der Oberfläche”. Kurz: „Voyagers Bilder von Io könnten Hinweise auf eine planetare Struktur und Geschichte enthüllen, die sich drastisch von allem unterscheiden, was bisher beobachtet wurde.” Als diese prophetischen Worte drei Tage vor der Ankunft Voyagers in einer Fachzeitschrift erschienen, hatte dessen Kamera bereits faszinierende und extrem bunte Strukturen auf Ios Oberfläche ausgemacht: Das waren tatsächlich die vorausgesagten Vulkane. Noch spektakulärer war aber eine Zufallsentdeckung vom 8. März 1979, als Voyager 1 bereits am Jupiter Richtung Saturn vorbeigezogen war: Im Gegenlicht und auf der Nachtseite Ios erspähte seine Kamera riesige Fontänen – Io war aktiv!
Das dürfte schon mehrere Milliarden Jahre so sein, erläutert Tilman Spohn vom Institut für Planetologie der Universität Münster: Bald nachdem sich Jupiter und seine großen Monde aus dem solaren Urnebel gebildet hatten, wanderten die Monde in die Bahnresonanzen, in denen sie heute noch festsitzen. Auch Europa wird dadurch erwärmt, aber nicht annähernd so stark wie Io, „ein Körper in der Gezeitenfalle”.
Auch wenn die vier Monde anfangs eine ähnliche Zusammensetzung gehabt haben mögen: Io hat sich im Laufe der Jahrmilliarden völlig verändert. Durch die ständige Heizung hat der Mond alle leicht flüchtigen Substanzen ausgeschwitzt. Alles Wasser – dessen Eis die anderen drei Monde dominiert – ist seit langem verschwunden, und die Oberflächenchemie wird nun von Schwefel bestimmt. Deswegen ist sie auch so bunt: Je nachdem wie viele Schwefelatome zu einem Molekül zusammenfinden, ändert sich die Farbe stark. Wenn eines Tages auch der Schwefel in den Weltraum geblasen worden ist, wird Io sogar noch heißer werden. Doch in zwei bis drei Jahrmilliarden, so Spohns Abschätzung, wird Io die Gezeitenfalle verlassen und allmählich erkalten. Heute aber zeigt Io die größten Temperaturunterschiede irgendeines planetaren Körpers: Zwischen den Vulkanen ist die Oberfläche minus 190 Grad Celsius kalt, in den Vulkanen selbst aber kann die Temperatur bis 1700 Grad Celsius steigen. Die direkte Messung dieser hohen Werte an einigen der bis zu 300 heißen Stellen ist einer der wesentlichen Beiträge Galileos zum tieferen Verständnis Ios: Wäre nämlich nur der auffällige Schwefel am Vulkanismus beteiligt, wie in den Jahren nach den Voyager-Besuchen weithin vermutet wurde, dann wären nur Temperaturen bis etwa 1000 Grad Celsius möglich. Doch offensichtlich liegt Ios Aktivität ein basaltischer Vulkanismus zugrunde. Hinter den bis zu 500 Kilometer hohen Vulkanfontänen – machmal auch Geysire oder „plumes” genannt – steckt zum Beispiel Schwefeldioxid, in das die basaltische Schmelze eingedrungen ist. Eine weitere fundamentale Galileo-Entdeckung auf Io sind bis zu 15 Kilometer hohe Berge: Es muß eine stabile Kruste von vielleicht bis zu 50 Kilometer Dicke geben, um sie überhaupt tragen zu können. Darunter aber vermuten Theoretiker einen regelrechten Magma-Ozean, den die Gezeitenheizung am Kochen hält.
Der Mantel Ios ist in Spohns Lesart nicht vollständig aufgeschmolzen, sondern nur zu 30 bis 40 Prozent: Reine Schmelze hat einen enormen Auftrieb und dringt durch jeden Spalt in der festen Kruste an die Oberfläche. Dort breitet sich die Lava aus und kühlt sich drastisch ab: Mindestens 2,5 Watt pro Quadratmeter werden in den Weltraum abgestrahlt. Mehrere Spielarten des Io-Vulkanismus hat Galileo mit hoher räumlicher Auflösung abbilden können, darunter auch Lavaseen und einen feurigen „ Wasserfall” von solcher Intensität, dass die Kamera geblendet wurde. Aber die seltenen Vorbeiflüge und technischen Schwierigkeiten haben lange Listen offener Fragen hinterlassen, und eine Raumsonde speziell zu Io wird wegen der Strahlenbelastung nicht einmal erwogen.
Dafür sind nun die Astronomen auf der Erde am Zug, die bereits während der Galileo-Mission große Teleskope auf Io gerichtet hatten. Franck Marchis von der University of California in Berkeley intensiviert die Überwachung sogar. Mit drei Teleskopen der 2- bis 4-Meter-Klasse in den USA und auf La Palma werden immer wieder scharfe Bilder Ios im nahen Infrarot aufgenommen. Die moderne Technik der Adaptiven Optik, die die Luftunruhe der Erdatmosphäre teilweise ausgleicht, macht das möglich. Bricht ein neuer Vulkan aus, hat Marchis Zugriff auf die 8- und 10-Meter-Teleskope der Europäischen Südsternwarte in Chile und des Keck-Observatoriums auf Hawaii und kann noch während der Eruption detaillierte Spektren aufnehmen. Sie erlauben Aussagen über die maximalen Temperaturen, die Art der Lava und vieles mehr. Mitunter verdoppelt ein einziger Ausbruch Ios Wärmeabstrahlung. Aus den teleskopischen Untersuchungen erhofft sich Marchis weitere Einsichten über Ios Innenleben. Noch nie ist die Entwicklung einer großen Eruption von Anfang bis Ende systematisch beobachtet worden, denn alle Raumsonden lieferten nur Schnappschüsse.
Die systematische Überwachung Ios strebt auch John Spencer vom Lowell Observatory in Arizona an, dem es um die Atmosphäre des Mondes geht – und das Hubble Space Telescope ist dafür das ideale Werkzeug. Damit konnte Spencer zum Beispiel 1999 ein zweiatomiges Schwefelmolekül in der Fontäne des Vulkans Pele nachweisen – bis heute die einzige direkte Bestimmung einer chemischen Verbindung auf Io. Spencer hat es vor allem die ungewöhnliche Dichteverteilung der Io-Atmosphäre angetan: Sie ist auf einer Seite des Mondes zehnmal so dicht wie auf der anderen und fehlt dafür an den Polen fast völlig – ein weiteres Mysterium für die Io-Forscher der Zukunft.
Gegenwärtig wird die nukleargetriebene Sonde „Jupiter Icy Moons Orbiter” forciert (siehe „Mit Kernkraft zurück zum Jupiter?” ). Torrence Johnson ist zum Chefwissenschaftler für die Vorstudien berufen worden. Bei einer späteren Mission wird vielleicht ein Bohrer in Europas Eisdecke eindringen und bis zum Ozean durchstoßen. Außerdem ist ein polarer Jupiter-Orbiter im Gespräch. Auch von Kapseln, die viel tiefer als die Galileos in die Atmosphäre eindringen und für die es noch gar keine Technologie gibt, träumen Wissenschaftler bereits. Galileo soll nicht das Ende der Jupiterforschung bedeuten, sondern einen Zwischenschritt zu neuen Abenteuern. ■
DANIEL FISCHER ist Astronomiejournalist und Buchautor in Königswinter. Er ist Herausgeber der Zeitschrift Skyweek und des preisgekrönten Online- Nachrichtendienstes Cosmic Mirror (www.geocities. com/skyweek/mirror).
COMMUNITY Lesen:
Ashley Davies
Volcanism on Io: the view from Galileo
In: Astronomy & Geophysics, 2001, Bd. 42, Nr. 2, S. 10–1 5
Daniel Fischer
Mission Jupiter
Birkhäuser, Basel 1998 (vergriffen)
Paul E. Geissler
Volcanic Activity on Io During the Galileo Era
In: Annual Reviews Earth Planet. Sci., 2003, Bd. 21, S. 175–2 11
Garry Hunt, Patrick Moore
Jupiter
Herder, Freiburg 1982 (vergriffen, gebraucht bei Amazon)
Alfred S. McEwen
Active Volcanism on Io
In: Science, 2002, Bd. 297, S. 2220–2221
Gerhard Neukum und das DLR-Galileo-Team
GALILEO’s „Jupiter-Orbit-Tour”
In: DLR-Nachrichten, 2001, Nr. 101, S. 24–39
Auch auf der DLR-Webseite
Dennis J. Matson, Linda J. Spilker, Jean-Pierre Lebreton
The Cassini/Huygens Mission to the Saturn System
Stand 2002, 58 Seiten
europa.la.asu.edu:8585/ PGG/greeley/courses/pdf/matson_2003.pdf
Ralph D. Lorenz
The Glitter of Distant SeaS In: Science, 2003, Bd. 302, S. 403–404
Kelly Beatty u. a. The New Solar System
Cambridge University Press Cambridge 1999, € 51,15
David M. Harland
Mission to Saturn: Cassini and the Huygens Probe
Springer-Praxis, Heidelberg 2002, € 42,75
Holger Heussler, Ralf Jaumann, Gerhard Neukum
Zwischen Sonne und Pluto
BLV Verlagsgesellschaft mbH München 1999, € 9,95
Internet
Galileo-Homepage, NASA:
www.jpl.nasa.gov/galileo
Galileo-Homepage der deutschen Wissenschaftler:
www.dlr.de/galileo
Saturn im Überblick:
www.wappswelt.de/tnp/ nineplanets/saturn.html
Cassini/Huygens:
www.astrolink.de/m002/m002000/index.htm
Cassini-Webseite der NASA:
saturn.jpl.nasa.gov/index.cfm
ESA-Webseite zu Huygens:
sci.esa.int/science-e/www/ area/index.cfm?fareaid=12
Ohne Titel
Oktober 1977: Die Planung der Mission beginnt, die damals noch „Jupiter Orbiter Probe” heißt.
28. Januar 1986: Die Challenger-Katastrophe erfordert erhebliche Umplanungen der Mission, die damals kurz vor dem Start steht. Die Sonde muss quer durch die USA zurück nach Kalifornien und später zum Start zurück nach Florida gefahren werden.
18. Oktober 1989: Start mit dem Space Shuttle Atlantis; die Oberstufe IUS schießt die Sonde aus dem Erdorbit heraus.
10. Februar 1990: Ein Vorbeiflug an der Venus in 16 000 Kilometer Höhe wird für wissenschaftliche Beobachtungen genutzt.
8. Dezember 1990: Bei einem Vorbeiflug an der Erde in 960 Kilometer Höhe werden ebenfalls Beobachtungen gemacht, unter anderem von der Rückseite des Mondes.
April 1991: Das Öffnen der großen Parabolantenne misslingt – ein entscheidendes Schmiermittel war während der langen Landtransporte Galileos verloren gegangen. Bis 1996 gibt es zahlreiche vergebliche Versuche, die Antenne doch noch aufzubekommen, aber längst sind detaillierte Pläne gemacht worden, alle Daten über eine kleine Hilfsantenne zu senden.
29. Oktober 1991: Vorbeiflug an Gaspra – zum ersten Mal wird ein Planetoid von einer Raumsonde aus der Nähe beobachtet.
8. Dezember 1992: Ein weiter Vorbeiflug an der Erde in 303 Kilometer Höhe gibt Galileo genug Schwung, um Jupiter zu erreichen.
28. August 1993: Zweiter Vorbeiflug an einem Planetoiden, Ida – zum ersten Mal wird dort ein Mond eines Kleinplaneten direkt gesichtet und Dactyl getauft.
Juli 1994: Als einzige Raumsonde kann Galileo den Einschlag von Fragmenten des Kometen Shoemaker-Levy 9 auf dem Jupiter direkt beobachten, weil die Einschlagspunkte von der Erde aus gesehen knapp hinter dem Jupiterrand liegen.
13. Juli 1995: Abtrennung der Atmosphärenkapsel, die antriebslos auf den Jupiter zielt, während Galileo seine Bahn ändert, um in einen Orbit eintreten zu können.
Mitte Oktober 1995: Der Bandrekorder Galileos, unerlässlich für die Zwischenspeicherung der Datenflut während der nahen Vorbeiflüge an den Jupitermonden, zerstört sich beinahe selbst und kann nur noch mit großer Vorsicht betrieben werden.
7. Dezember 1995: Ankunft von Orbiter und Kapsel – zum ersten Mal tritt eine Raumsonde in eine Umlaufbahn um einen der äußeren Planeten. Ebenfalls zum ersten Mal taucht eine Kapsel voller Meßinstrumente in die Atmosphäre eines Riesenplaneten.
27. Juni 1996: Erster naher Vorbeiflug an einem Jupitermond, mit vollem wissenschaftlichem Programm, bei einer Annäherung an Ganymed bis auf 897 Kilometer; alle paar Monate folgen weitere Vorbeiflüge an Jupitermonden.
Dezember 1997: Ende der Primärmission und Beginn der ersten von drei Verlängerungen, zunächst mit möglichst vielen nahen Vorbeiflügen an Europa. Dieser Mond hat mit seinen Anzeichen für einen Ozean unter der Eiskruste für das größte Interesse gesorgt.
21. September 2003: Mit einem kontrollierten Sturz in den Jupiter endet die Mission, rund 26 Jahre nach Beginn der Planung. Die Datenauswertung wird aber noch mindestens ein Jahrzehnt dauern.
Ohne Titel
4,63 Milliarden Kilometer hat die Sonde vom Start 1989 bis zum Verglühen in der Jupiter-Atmosphäre 2003 zurückgelegt. 1,93 Milliarden Dollar hat die Mission vom Beginn der Planung bis zu ihrem Ende die USA gekostet, zusätzliche Beiträge internationaler Partner (vor allem Deutschlands) betrugen 110 Millionen Dollar. 860 Millionen Bit Daten passten im Prinzip auf den Bandrekorder, der die Mission nach dem Ausfall der Hauptantenne gerettet hat. Wegen seiner eigenen Probleme konnten allerdings nur 84 Prozent des Bandes benutzt werden. 134 000 Bit pro Sekunde hätte Galileo eigentlich aus dem Jupiterorbit zur Erde senden können – wenn die Hauptantenne zur Verfügung gestanden hätte. Über die Hilfsantenne konnten immerhin bis zu 160 Bit pro Sekunde gesendet werden: Man musste genau überlegen, welche Daten wichtig waren. 2223 Kilogramm brachte Galileo zum Zeitpunkt des Starts auf die Waage. 1700 Grad Celsius sind einige Vulkane Ios heiß: Das war der Beweis, daß es sich um basaltischen – und keinen auf Schwefel basierenden – Vulkanismus handelt. 925 Kilogramm Treibstoff wurden während der gesamten 14-jährigen Reise für Bahnänderungen und die Bremsung in den Jupiterorbit verbraucht. 570 Watt lieferten die Radioisotopenbatterien Galileos zu Beginn der Mission, 432 Watt am Ende: Die Wärme zerfallenden Plutoniums war die Energiequelle. 339 Kilogramm Masse hatte die Atmosphärenkapsel. 102 Kilometer hoch flog Galileo am 17. Januar 2002 über Io hinweg: So nahe kam der Orbiter keinem anderen Mond. 35 Orbits beschrieb Galileo während seiner acht Jahre im Jupitersystem, fast immer mit einem engen Vorbeiflug an einem Mond: 10-mal war es Europa, 8-mal Kallisto, je 6-mal Ganymed und Io und einmal Amalthea. 13 Düsen saßen auf dem Orbiter, eine große mit 400 und zwölf kleine mit 10 Newton Schub. Die Herstellung des gesamten Antriebssystems war ein wesentlicher Beitrag Deutschlands zum Projekt. 11 wissenschaftliche Instrumente hatte der Orbiter (darunter die Kamera, an der auch deutsche Wissenschaftler beteiligt waren), weitere 7 auf der Atmosphärenkapsel. 5,3 Meter war Galileo ursprünglich hoch, von der Spitze seiner Antenne bis zur unten montierten Atmosphärenkapsel. 5 Meter Auflösung erreichte Galileo auf seinen schärfsten Aufnahmen der großen Monde: um Zehnerpotenzen besser als selbst die schärfsten Voyager-Bilder. 2 Nationen teilten sich die technischen Kosten: Die USA sorgten für den Bau von Orbiter und Atmosphärenkapsel, für den Start und die Steuerung, Deutschland lieferte den Antrieb und mehrere Instrumente.
Ohne Titel
Die Atmosphäre Jupiters besteht aus vier Wolkenschichten, die dem Planeten auch sein Gesicht verleihen, von Wasserwolken in der Tiefe über gefrorenen Ammoniak und Schwefelwasserstoff bis zu einem hohen Dunst aus Kohlenwasserstoffen. Besonders auffällig sind hohe, helle Wolken aus Ammoniak-Eis, die sich an manchen Stellen bilden, wo Material aus der Tiefe nach oben getrieben wurde.
Die Struktur des ausgedehnten Magnetfelds Jupiters und seine zeitlichen Veränderungen hat Galileo vermessen, auch mit Unterstützung Cassinis: Noch nie wurde die Umgebung eines Riesenplaneten von zwei Sonden an verschiedenen Stellen gleichzeitig erforscht.
Der Jupiter ist von Staubteilchen umgeben, die offenbar von den Monden stammen und deren räumliche Verteilung teilweise vom starken Magnetfeld kontrolliert wird. So sind Galileo (und auch andere Sonden in Jupiternähe) durch periodische Staubströme geflogen.
Die enorme Vulkan-Aktivität auf dem Mond Io übersteigt die irdische um den Faktor 100. Die hohe Temperatur und Häufigkeit der Eruptionen erinnert an die frühe Erde, vor über 3 Milliarden Jahren. Dieser Mond schafft seine eigene Oberfläche so oft neu, dass es dort keinen einzigen Einschlagskrater gibt, und selbst während der acht Jahre langen Galileo-Beobachtungen kam es zu markanten Veränderungen.
Unter den Eis-Oberflächen der drei anderen großen Monde Europa, Ganymed und Kallisto gibt es eine Schicht aus flüssigem, salzigem Wasser: Das verraten Effekte auf das Magnetfeld Jupiters und bei Europa auch die in Eisplatten zerbrochene junge Oberfläche, die vielleicht nur 50 bis 100 Millionen Jahre alt ist. Bei Europa führte das zu Spekulationen über die Möglichkeit von Leben im Ozean unter der Eisdecke.
Ganymed besitzt ein eigenes Magnetfeld und ist der erste Planetenmond, bei dem solch eine Entdeckung gelang. Der Mond erzeugt damit sogar eine eigene Magnetosphäre, größer als beim Planeten Merkur, und besitzt eigene Strahlungsgürtel. Später wurden auch bei Europa und Kallisto Anzeichen für eigene Felder gefunden, während Io keines besitzt – dafür kreist er so nahe um den Jupiter, daß er tief in dessen starkes Magnetfeld eingebettet ist.
Io, Europa und Ganymed sind differenzierte Körper. Das heißt: Es hat sich ein metallischer Kern abgeschieden, während leichtere chemische Elemente den Außenbereich bilden. Bei Kallisto hat eine derartige Differenzierung nicht stattgefunden. Während Ios Oberfläche von ihren Vulkanen ständig umgestaltet wird, wirk(t)en bei Europa und Ganymed tektonische Prozesse – und Kallistos ursprüngliche, verkraterte Oberfläche wird durch mysteriöse Erosionsvorgänge geglättet.
Europa, Ganymed und Kallisto besitzen extrem dünne Atmosphären dicht über ihren Oberflächen, die als Exosphären bezeichnet werden: Sie entstehen durch Teilchenbeschuss aus der Magnetosphäre, der Partikel von ihren Oberflächen „absputtert”. Io hat eine richtige Atmosphäre, die jedoch lokal sehr unterschiedlich dicht ist. Die Vulkane spielen eine Schlüsselrolle bei dieser Dichte-Anomalie.
Die Jupiterringe bestehen aus mehreren ineinander verschachtelten Systemen, für die jeweils einzelne kleine Monde verantwortlich sind: Das Ringmaterial wird ständig nachgeliefert, weil interplanetare Staubteilchen diese Monde treffen und Material losschlagen.
Ohne Titel
Als die grossen NASA-Sonden Cassini und Galileo Ende 2000 für kurze Zeit gemeinsam das Jupitersystem erforschten, waren zeitgleich auch die Weltraumteleskope Chandra und Hubble und Radioteleskope auf der Erde auf den Riesenplaneten gerichtet. Eine der größten Überraschungen war dabei die Entdeckung des Röntgensatelliten Chandra, dass es in der Nähe der Jupiterpole einen im Rhythmus von 45 Minuten pulsierendenden hellen Röntgen-Fleck unbekannten Ursprungs gibt. Zu den weiteren Entdeckungen am Jupiter insbesondere durch Cassini zählen:
Nahe dem Nordpol liegt ein „Großer Dunkler Fleck”, der zeitweise entsteht und dann ausschließlich in ultraviolettem Licht zu sehen ist. Der Fleck, der bis zu 28 000 mal 18 000 Kilometer groß wurde, bildet sich dort, wo das nördliche Polarlicht am weitesten nach Süden reicht. Offenbar entsteht der Fleck, wenn geladene Teilchen der Polarlichter auf die Atmosphäre treffen und dort mit Methan chemische Reaktionen auslösen.
IN den DUnklen Bändern Jupiters tauchen immer wieder Gewitterwolken auf, die sogar heller als die Wolken in den benachbarten hellen Zonen sind. Bisher glaubte man, dass die Atmosphäre vorzugsweise in den Zonen aufsteigt und in den Bändern absinkt, doch die großen Gewitter sah Cassini immer nur in den Bändern – strömt die Atmosphäre auf dem Jupiter womöglich genau andersherum?
Ein gigantischer Nebel aus neutralem Gas umgibt das ganze Jupiter-System bis in über 75 Millionen Kilometer Entfernung. Es geht auf vulkanische Gase von Io zurück. Aber auch Europa liefert Gas in vergleichbarer Menge, immerhin 40 Atome pro Kubikzentimeter: Hier ist wohl abgesplittertes Eis von der Oberfläche die Quelle.
Magnetische links: So genannte „Fußabdrücke” der Galileischen Monde, helle Flecken in den Polarlichtern Jupiters, zeigen, dass alle großen Monde trotz ihrer dünnen Atmosphären magnetisch mit Jupiter eng verkoppelt sind – vorher war solch eine Verbindung nur von Io bekannt.
Jupiters Radiostrahlung und Polarlichter werden direkt durch den Sonnenwind gesteuert: Cassini und Galileo konnten gemeinsam beobachten, wie mehrere interplanetare Schocks die Jupiter-Magnetosphäre trafen und langwellige Radiostrahlung ebenso wie extrem ultraviolette Emissionen auslösten.
Wenn auch manches Detail rätselhaft blieb, so haben die Beobachtungen der Magnetosphäre doch gezeigt, dass viele Prozesse denen rund um die Erde ähneln: So schrumpft die Magnetosphäre als Ganzes, wenn der Druck des Sonnenwinds steigt.
Ohne Titel
Das „Projekt Prometheus”, das die NASA seit Anfang 2003 verfolgt, birgt die Chance für eine intensive Erkundung des Jupitersystems, die selbst Galileos Errungenschaften weit übertreffen könnte. Es handelt sich um ein neues Programm zur Entwicklung weltraumtauglicher Kernreaktoren. Zum ersten Mal – allerdings nicht vor 2015 – soll eine solche Energiequelle bei einem „Jupiter Icy Moons Orbiter” (JIMO) zur Anwendung kommen: Der würde dank eines gewaltigen Ionentriebwerks, vom Reaktor mit Strom versorgt, rasch ans Ziel gelangen und nacheinander in den Orbit um Europa, Ganymed und Callisto einschwenken können – und hätte dabei nahezu unbegrenzt Strom für aufwendige wissenschaftliche Instrumente.
Viele Hürden türmen sich freilich noch vor JIMO auf: Noch gibt es keinen geeigneten Kernreaktor, und die NASA hat schon vor zehn Jahren alle Forschungen in dieser Richtung eingestellt. Inspiration holen will man sich von den kompakten Reaktoren, die die US Navy in ihren U-Booten benutzt. Der Sondenreaktor soll etwa so groß sein wie eine kleine Mülltonne – wobei es allerdings noch an Technologie fehlt, um seine Wärmeproduktion effizient in Strom für den Ionenantrieb umzuwandeln.
JIMO wird die schwerste Raumsonde aller Zeiten, nach neuen NASA-Studien bis zu 50 Tonnen Startmasse: Es muss eine Menge Treibstoff mitgeführt werden, und riesige Radiatoren müssen dafür sorgen, dass die nicht in Strom umgewandelte Reaktorwärme entweichen kann. Derzeit gibt es im US-Arsenal gar keine Trägerrakete, die solch einen Riesensatelliten in den Erdorbit bringen könnte.
Die Sicherheit muss unter allen Umständen gewahrt werden – deshalb wird ein zusätzlicher konventioneller Antrieb benötigt, der maßgeblich zur gewaltigen Gesamtmasse beiträgt. Denn JIMO soll in einer Umlaufbahn in 1000 Kilometer Höhe abgesetzt werden und zunächst mit diesem Triebwerk die Fluchtgeschwindigkeit erreichen. Währenddessen bleibt der Reaktor in einem ungefährlichen Zustand, so dass Unfälle glimpflich ablaufen würden.
Wissenschaftliche Instrumente völlig neuer Konzeption müssen für JIMO entwickelt werden, um die rund 100 Kilowatt Leistung, die am Ziel zur Verfügung stehen sollen, auch sinnvoll nutzen zu können, insbesondere für Radaranlagen und andere aktive Sensorsysteme. Das ist eine Herausforderung für Planetenforscher, die sonst in Watt denken.
Das Projekt Prometheus könnte leicht über zehn Milliarden Dollar kosten, wovon die konkrete Mission JIMO mindestens vier Milliarden Dollar ausmachen dürfte. Der Wissenschaftsposten im NASA-Etat müsste bald dramatisch ansteigen, um das – ohne gravierende Opfer an anderer Stelle – überhaupt finanzieren zu können.
Prometheus ist inzwischen dem neuen großen NASA-Bereich „ Exploration” angegliedert worden, zu dem auch die bemannten Mondflüge gehören. Ob das dem Projekt einen langfristigen Erfolg sichert, lässt sich schwer abschätzen. Die größte Herausforderung für die NASA dürfte es in den nächsten Jahren sein, der Öffentlichkeit zu erklären, warum die Erforschung des Sonnensystems künftig mit enormen Kosten nuklear vorangetrieben werden soll – und schlüssig zu belegen, wie dabei die Sicherheit garantiert ist. Die Gegner machen schon jetzt mobil.
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· Von 1995 bis 2003 hat die amerikanisch-deutsche Raumsonde Galileo den Jupiter umkreist und ist alle paar Monate dicht an einem seiner großen Monde vorbeigeflogen.
· Obwohl von Anfang an vom Pech verfolgt, hat Galileo das Bild des Jupiter-Systems neu gezeichnet.
· Als die Raumsonde Cassini auf dem Weg zum Saturn den Jupiter passierte, konnten beide Sonden gemeinsam weitere Geheimnisse lüften.





