Der Angriff des Molosserkönigs Pyrrhos von Epirus (um 319/18–272 v. Chr.) auf Rom spielt in der römischen Überlieferung der Antike eine sehr große Rolle. An der Schwelle von legendärer Vergangenheit zu gut dokumentierter Geschichte der eigenen Vorfahren sahen die Römer späterer Tage in ihm eine epische Bewährungsprobe für ihr im Entstehen begriffenes Reich. Ein zweiter Alexander habe sich angeschickt, ein gewaltiges Reich im westlichen Mittelmeerraum zu gründen, und Rom habe ihn aufgehalten – um die eigenen Ansprüche zu verteidigen und schließlich selbst die Welt zu erobern.
Der Kampf gegen Pyrrhos war jedoch beschwerlich; die in der Moderne sprichwörtlich gewordenen „Pyrrhussiege“ setzten der römischen Moral zu, und so mochten einige der Entscheidungsträger versucht gewesen sein, das Friedensangebot des Königs zu akzeptieren und ihm den Süden Italiens als Einflussgebiet zu überlassen. Der Überlieferung zufolge brachten sie im Senat ihre Argumente vor, als sich ein altgedienter Staatsmann erhob: Appius Claudius Caecus (um 350–nach 280 v. Chr.). Gebrechlich und erblindet musste er in den Saal getragen werden, um an den Sitzungen teilnehmen zu können; aber er war noch immer einer der angesehensten Senatoren der Stadt.
Der blinde Mahner gegen Pyrrhos: Appius’ Rede im Senat wird zur Legende
Was er nun sagte, galt berühmten Rednern wie Marcus Tullius Cicero (106–43 v. Chr.) als Musterbeispiel einer kraftvollen Rede. Bislang habe er die eigene Blindheit als ein Gebrechen empfunden, nun aber wünsche er sich, überdies taub zu sein, um nicht anhören zu müssen, was der Senat zu verabschieden sich anschicke. Der Frieden mit Pyrrhos sei Roms nicht würdig. Stattdessen müsse der Krieg weitergeführt werden. Und so geschah es. Der Senat schickte den Unterhändler fort, und schon bald sollten die Länder, die Pyrrhos hatte kontrollieren wollen, zu Rom gehören.
Appius selbst war eine der wichtigsten Gestalten der frühen Expansion Roms. Und unabhängig davon, ob er die Rede gegen den Frieden wirklich so oder so ähnlich hielt und ob der Senat wirklich seiner mahnenden Worte bedurfte, um sich für den Krieg zu entscheiden, war er zweifellos der logische Fürsprecher großer römischer Ambitionen – zumindest in den Augen späterer Generationen.
Er war der Erbauer des ersten Aquädukts Roms, der überwiegend unterirdisch verlaufenden Aqua Appia, und der ersten großen Reichsstraße Roms, der Via Appia, die beide bis zum Ende der Antike in Ehren gehalten und regelmäßig gewartet wurden. Ausländische Gesandte und römische Feldherren gleichermaßen empfing der Senat im Tempel der Bellona, der von Appius geweiht worden war. Und man kann davon ausgehen, dass dort sein Abbild zu sehen war, umgeben von denen seiner Vor- und Nachfahren, der Familie der Claudier.
Zu Beginn der Kaiserzeit wurde eine Statue von ihm auf dem Augustusforum aufgestellt. Darunter war zu lesen: „Appius Claudius Caecus, Sohn des Caius, Zensor, zweimal Konsul, Diktator, dreimal Interrex, zweimal Prätor, zweimal Kuralädil, Quästor, dreimal Militärtribun; er eroberte viele Festungen von den Samniten und schlug das Heer der Sabiner und Etrusker; er verhinderte einen Friedensschluss mit König Pyrrhos; während seiner Zensorzeit baute er die Via Appia und vollendete die Wasserversorgung Roms; er ließ den Tempel der Bellona errichten.“
Unter gelehrten Römern war Appius außerdem als Autor literarischer und juristischer Werke bekannt. Tatsächlich ist er heute der erste römische Literat, der uns namentlich überliefert ist. Seine „Sententiae“ verfasste er in saturnischen Versen, mit denen er seine griechische Bildung unter Beweis stellen konnte – in einer Zeit, als sich der Hellenismus über die gesamte Mittelmeerwelt ausbreitete.
Anscheinend war er unter seinen Zeitgenossen bekannt dafür, einer Vielzahl von Beschäftigungen nachzugehen, was ihm den Beinamen „Centemmanus“ („der Mann mit den 100 Händen“) einbrachte, lange bevor er, vielleicht in der Nachwirkung seiner Anti-Pyrrhos-Rede, als „Caecus“ („der Blinde“) erneut Berühmtheit erlangte. Von besonderer Brisanz war seine Arbeit als Zensor – ein Amt, das er gemeinsam mit C. Plautius Venox um 312/310 v. Chr. antrat. Zu dieser Zeit hatte Rom damit begonnen, sich in Kampanien auszubreiten, und war darüber in Konflikt mit dem Bergvolk der Samniten geraten, das ebenfalls Anspruch auf die fruchtbaren Ebenen erhob.
Der Reformer lässt eine Straße bauen, die Rom nach Süden öffnet – und den Claudiern neue Macht sichert
In diesem Zusammenhang stand Appius’ Aufgabe, eine Straße zu bauen, die Rom zuerst mit Capua verbinden und letztlich ganz Kampanien leicht erreichbar machen sollte. Wegen ihrer langen geraden Teilabschnitte und ihres Routenverlaufs, der die Albaner Berge, die Pontinische Ebene und den Ager Falernus einbezog, war die Via Appia sowohl schneller als auch sicherer als die alte Via Latina, die das Lirital durchquerte und deshalb zu dieser Zeit stärker den Angriffen der Samniten ausgesetzt war. Der Bau der Schotterstraße dauerte ungefähr ein Jahr. Die Pflasterung sollte später erfolgen.
Appius scheint die Organisation der Arbeiten allein übernommen zu haben, während sein Kollege Plautius höchstens eine untergeordnete Rolle spielte und nach einer gewissen Zeit möglicherweise ganz von seinem Amt zurücktrat. Sicherlich verfolgte Appius mit seinem Engagement ein Ziel, das über geostrategische Erwägungen des Senats hinausging: Die hellenisierten Städte, die gerade erst von Rom in Besitz genommen worden waren, suchten nach mächtigen Fürsprechern in Rom, und Appius nutzte die Chance, um sich ein kolossales Klientennetzwerk entlang der neuen Straße aufzubauen, auf das die Familie der Claudier in Zukunft würde zählen können.
Die Straße diente dazu, Heere zu sammeln und sie südwärts marschieren zu lassen – und der Zugewinn an Gefolgsleuten motivierte gerade die Claudier dazu, von dieser Möglichkeit verstärkt Gebrauch zu machen und die römische Expansion anzutreiben. Die Verteidigung der nun entstehenden ökonomischen und klientelpolitischen Interessen machte den Kampf gegen Pyrrhos alternativlos, weshalb es durchaus glaubhaft ist, dass der greise Appius als wortgewaltiger Fürsprecher dieses Krieges auftreten sollte.
Der Aufwand, den der Bau der Via Appia und der Aqua Appia erforderte, war wohl einer der Gründe für die äußerst ungewöhnliche Amtszeitverlängerung, die Appius zugebilligt wurde. Aber auch jenseits der infrastrukturellen Großprojekte war der „Mann mit den 100 Händen“ sehr beschäftigt: Er war der erste Zensor, der die Senatorenlisten überarbeitete und erstmals auch Söhne von Freigelassenen in diese aufnahm, und er war der erste Zensor, der eine sogenannte recognitio equitum durchführte, gewissermaßen eine Musterung des gesamten römischen Ritterstandes.
Rom durchlief eine Phase gewichtiger gesellschaftlicher Veränderungen: Die Herrschaftsordnung richtete sich neu aus, angeordnet um einen patrizisch-plebejischen Adel; die Organisation der Bevölkerung in tribus (Stämme) veränderte sich, und die Zivilgesellschaft wurde auf wachsende militärische Herausforderungen eingestellt. Zensoren spielten dabei eine große Rolle.
Die Bedeutung der Amtszeit des Appius im Besonderen wird allerdings wohl von den antiken Gelehrten unterschätzt: Die meisten Neuerungen, die Appius zu verantworten hatte, hielten Cicero und seine Zeitgenossen für deutlich älter. Sie stellten sich vor, dass viele Organe der Republik schon zu Zeiten der Königsherrschaft herangewachsen waren und dass die Republik kurz nach ihrer Gründung bereits genauso funktionierte, wie sie es gewohnt waren.
Deshalb erschienen ihnen die Maßnahmen des Appius aus der Distanz bisweilen skandalös. Gerade den Claudiern feindlich gesinnte Autoren schrieben, Appius sei überaus arrogant gewesen und habe ganz Rom vor den Kopf gestoßen – deshalb hätten die Götter ihn schließlich mit Blindheit geschlagen.
Volkszählungen und Heeresreform: Der Staatsmann ordnet Rom neu
Tatsächlich waren die von ihm einberufenen Versammlungen der Senatoren und Ritter wohl der Ursprung der Neuordnung dieser Gruppen und standen im direkten Zusammenhang mit komplexen Volkszählungen – ebenfalls organisiert von Appius –, die erstmals nach Stämmen erfolgten und endgültig die Zenturiengliederung in fünf Vermögensklassen etablierten. Das wiederum geschah in Verbindung mit der Neuordnung des Heeres, wozu unter anderem die Umstellung von der Phalanx auf die flexiblere Manipularlegion gehörte.
Außerdem geschah es offenbar unter der Aufsicht des Appius, dass zwölf neue Zenturien für die equites equo publico, also für die Kavallerie der Armee, geschaffen wurden, deren Vergütung von nun an nach kampanischem Vorbild geregelt werden sollte. Eine Reform bedingte und beeinflusste die andere.
Dass Appius zum Beispiel bei seinem Versuch, die Söhne von Freigelassenen in den Senat aufzunehmen, auf Widerstand und vor allem auf rechtliche Probleme stieß, könnte ihn bewogen haben, den Umbau der Stammesorganisation anzugehen, um damit die römische Staatsbürgerschaft neu definieren zu können. Die Stämme als Grundlage für die Rekrutierung von Legionen zu etablieren, erforderte die gleichmäßige Verteilung der unteren sozialen Schichten auf die Stämme. Das wiederum ging einher mit der Differenzierung der Vermögensklassen, nach denen die Zenturien organisiert wurden – und so weiter.
Das Ineinandergreifen vieler großer Projekte, die Appius ins Leben rief oder deren Fortführung er gewährleisten musste, rechtfertigte wohl auch seine ungewöhnlich lange Amtszeit, die bis zu seinem Konsulat im Jahr 307 andauerte. Appius zerrte Rom natürlich nicht eigenhändig in eine von ihm gewählte Richtung; er war Teil einer Entwicklung, die seine Reformen erst notwendig machte, und er genoss sicherlich breite Unterstützung bei der Ausführung seiner Aufgaben – dennoch machte er sich auch Feinde, denn er wusste sein Amt durchaus zum eigenen Vorteil zu nutzen.
Appius baut seine Netzwerke weiter aus
Zum einen sammelte er Klienten entlang der Via Appia um sich. Die Straße veränderte die geographische und die politische Landschaft, was ihrem Erbauer und seinen engsten Verbündeten Zugriff auf Netzwerke erlaubte, welche über ältere und komplexere Verbindungen bereits von anderen Aristokraten erschlossen worden waren – Männern, die Appius nun als Rivalen betrachten mussten. Dazu kam, dass er Senat und Ritterschaft vergrößerte, dabei sicherlich vielen Männern aus seinem Umfeld zu Macht verhalf und sogar Freigelassenen den Zugang zu hohen Ämtern öffnete.
Antike Gelehrte späterer Generationen, besonders Titus Livius (59 v. Chr.–17 n. Chr.), haben Appius vorgehalten, sein ganzes Tun, vom Bau der Straße bis zur Neuaufstellung der Stämme, sei darauf ausgerichtet gewesen, seine eigene Machtbasis zu vergrößern und Plebejer von den wichtigsten Ämtern fernzuhalten. Er wird als arroganter patrizischer Demagoge dargestellt, der ständig mit Rivalen im Konflikt stand. Allerdings ist diese Darstellung deutlich später entstanden. Die Rekonstruktion der aristokratischen Netzwerke des 4. Jahrhunderts v. Chr. legt eher eine produktive und enge Zusammenarbeit zwischen Appius und seinen vermeintlichen Erzfeinden nahe.
Vom Zensor zum Vorbild für Generationen von Claudiern
Sicher ist, dass Appius, beginnend mit seiner Amtszeit als Zensor, die Familie der Claudier in die erste Reihe der Republik beförderte – ein Machtzuwachs, der in Teilen sicherlich auch auf Kosten anderer Familien erfolgte, der aber auch zeigt, dass die Zeitgenossen ihm keine schwerwiegenden Übertretungen vorzuwerfen hatten. Seine lange und erfolgreiche Karriere, die mit der fünfjährigen Zensur erst ihren Anfang nahm, ebenso wie sein hohes Ansehen zu Zeiten der Pyrrhoskriege belegen, dass er bei seiner Arbeit die Mehrheit der Eliten hinter sich wusste.
Im direkten Anschluss an seine Amtszeit als Zensor wurde Appius zum Konsul gewählt. Damit hatte er die Spitze des cursus honorum, der römischen Ämterlaufbahn, erreicht – was vielen seiner Vorfahren, einschließlich seines Vaters, nicht gelungen war. Im Gegensatz zu seinem Kollegen Lucius Volumnius, der in den Krieg zog, blieb er in Rom, was ihm von Livius wiederum negativ ausgelegt wird: Appius sei in der Stadt geblieben, um dort seine Macht zu mehren.
In seinem zweiten Konsulat fungierte Appius dann allerdings doch als Feldherr. Die Überlieferung will es, dass er vor einer Schlacht gegen Samniten und Etrusker gelobte, der Kriegsgöttin Bellona einen Tempel zu errichten – ein Bauwerk, das binnen drei Jahren fertiggestellt werden sollte und dessen Ruine man noch heute in Rom sehen kann.
Appius wurde nach seinem Tod immer wieder als Vorbild bemüht. Besonders Zensoren stellten sich gerne ausdrücklich in seine Nachfolge, da er es gewesen war, der ein bis dahin weniger beachtetes Amt mit großer Bedeutung gefüllt hatte. Innerhalb der Familie der Claudier war die Vorbildfunktion besonders ausgeprägt, da es in Rom üblich war, sich in Tat und Wesensart an Vorfahren und Namensvettern zu orientieren. Unter anderem spielte deshalb das Zensorenamt für die Claudier eine hervorgehobene Rolle, bis hin zur berühmten Zensur des Kaisers Claudius (10 v. Chr.–54 n. Chr.) 47/48.
So sehr hatte sich die Gestalt des Appius in das kollektive Gedächtnis der Römer eingebrannt, dass Cicero in der Verteidigungsrede seines Freundes M. Caelius Rufus eine fiktive Ansprache des Appius vortragen und dabei dessen Gebaren und Redensart nachahmen konnte. Die Appius-Darstellung Ciceros war so überzeugend und die moralische Autorität des altvorderen Zensors so gewichtig, dass Caelius freigesprochen wurde.
Die Via Appia, die Appius den Zugang zu neuen Einflusssphären eröffnet hatte, blieb über vier Jahrhunderte eine der wichtigsten Arterien des Reiches. Nach dem Bau der Via Traiana verlor sie schließlich an Bedeutung. Im 18. Jahrhundert, als das Reich längst untergegangen war und die einst glanzvollen Monumente verfielen, bevorzugten Reisende auf ihrer Grand Tour ebenfalls die Via Traiana, weil auf der Via Appia die Gefahr, überfallen zu werden, als größer galt. Doch auch heute kann man die Straße noch sehen; sie ist UNESCO-Weltkulturerbe und greifbare Erinnerung an ein Imperium, das im 4. Jahrhundert v. Chr. die Grundlagen für seinen Aufstieg legte.
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Literatur
Michel Humm, Appius Claudius Caecus. La République Accomplie. Athen 2005.






