Alle bekannten Kometen gehören zu zwei Klassen. Die größte Anzahl stammt nach Ansicht der Astronomen aus der Oortschen Wolke, die das Sonnensystem in großer Entfernung wie eine Kugelschale umgibt. Alle Mitglieder dieser Gruppe enthalten etwa gleich viel Wasser, Ammoniak, Methan und andere flüchtige Verbindungen. Diese Kometen entstanden nach Meinung der Astronomen in der Umgebung der äußeren Planeten Saturn, Uranus und Neptun und wurden nachträglich nach außen geschleudert. Eine zweite, kleinere Gruppe von Kometen hat ihren Ursprung im sogenannten Kuiper-Gürtel jenseits des Planeten Neptun. Diese Kometen enthalten verhältnismäßig wenig Kohlenstoff-Ketten aus zwei oder drei Atomen. Dieser Schwund lässt auf den Herkunftsort schließen: In den kühlen Außenbezirken des Sonnensystems verband sich der vorhandene Kohlenstoff bevorzugt mit anderen Elementen, nehmen Astronomen an.
Eine Zyan-Knappheit wie bei Machholz-1 ist den Weltraum-Forschern aber bislang noch nicht untergekommen. “Bislang ist überhaupt nur ein anderer Komet bekannt, der etwas weniger Zyan enthält als normal, aber bei Machholz-1 ist der Anteil um den Faktor 72 verringert”, berichtet Schleicher.
Der Forscher hat drei mögliche Erklärungen für diese rätselhafte Beobachtung: Machholz-1 könnte sich in einer weit entfernten Region des Sonnensystems gebildet haben, wo es noch kälter war als im Kuiper-Gürtel. Der Schweifstern, der eine Umlaufperiode von nur fünf Jahren hat und der Sonne dabei näher kommt als der Planet Merkur, könnte sich im Lauf seiner Geschichte aber auch chemisch verändert haben. “Es ist möglich, dass wiederholtes Durchglühen bei hohen Temperaturen der Grund für seine ungewöhnliche chemische Zusammensetzung ist”, sagt der Forscher. Er selbst hält diese Möglichkeit allerdings nicht für wahrscheinlich.
Seiner Meinung nach ist es eher denkbar, dass Machholz-1 in einem fremden Sonnensystem entstand, dessen Urnebel verhältnismäßig arm an Kohlenstoff war. Dadurch sei der Anteil kohlenstoffhaltiger Verbindungen in dem Kometen niedrig. “Auch aus unserem Sonnensystem sind viele Kometen in den interstellaren Raum entschwunden”, sagt Schleicher. “Also können wir annehmen, dass andere Sonnen ebenfalls Kometen verloren haben. Einige davon könnten auf ihrem Weg das Sonnensystem gekreuzt haben.” Die Sonne oder der Riesenplanet Jupiter könnten solche Eindringling durch ihre Schwerkraft einfangen.





