Der Ausbruch des Vesuv im Jahr 79 bedeutete das Ende für die römische Stadt Pompeji und viele ihrer Bewohner: Glutlawinen aus heißen Gasen und Asche rasten die Vulkanflanken hinab, später überdeckte ein anhaltender Ascheregen die Stadt und die Überreste ihrer Bewohner und konservierte sie. Wie eine „Zeitkapsel“ gibt Pompeji dadurch Einblicke in das Leben im Römischen Reich vor fast 2.000 Jahren. Für Archäologen ist das antike Pompeji daher eine wahre Schatztruhe – und noch immer machen sie im Rahmen der fortschreitenden Ausgrabungen neue, überraschende Entdeckungen.

Zwei Opferschalen mit Ascheresten
Doch auch Gegenstände, die schon vor Jahrzehnten in Pompeji entdeckt wurden, liefern bis heute neue Erkenntnisse. Dazu gehören auch Räuchergefäße – Terrakottagefäße, in denen einst wohlriechende Kräuter und andere Opfergaben verbrannt wurden. „In Pompeji und anderen römischen Städten wurden schon viele solcher Räuchergefäße gefunden, einige auch in Hausaltären“, erklären Johannes Eber von der Universität Zürich und seine Kollegen. Doch nur bei den wenigsten sind Reste des einst in diesen Schalen Verbrannten erhalten geblieben.
Umso spannender sind zwei Räuchergefäße, die man zwar schon vor Jahrzehnten in Pompeji gefunden hat, aber deren Rückstände bisher nicht analysiert wurden. Das erste Gefäß ist eher schlicht und wurde in der sogenannten Officina di Sabbattino entdeckt – einem Gebäude, das zum Zeitpunkt des Vulkanausbruchs gerade von einer Villa in ein Gasthaus umgebaut wurde. Das zweite Räuchergefäß ist am Rand mit zwei Frauenbüsten dekoriert, die eine dritte, halbliegend dargestellte Frauenskulptur einrahmen. Diese Schale wurde in einem Hausalter entdeckt, die zentrale Frauenfigur stellt wahrscheinlich eine verstorbene Angehörige dieses Haushalts dar, wie Eber und sein Team erklären.
Eiche und Lorbeer für Jupiter und Apollo
Die Forschenden haben nun erstmals die Rückstände in diesen beiden Räucherschalen mithilfe modernster chemischer und isotopischer Analysemethoden untersucht. „Die Verbindung verschiedener aktueller chemischer und mikroskopischer Untersuchungsverfahren macht den religiösen Alltag der Menschen in Pompeji plötzlich greifbar“, erklärt Seniorautor Philipp Stockhammer von der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU). Die Analysen ergaben, dass die Besitzer der beiden Räucherschalen darin primär verholzte Pflanzen und Pflanzenteile verbrannten. Die in der Asche enthaltenen Silikatkristalle deuten auf die Verwendung von Eiche, Lorbeer und Zweige von Steinfrüchten, möglicherweise Maulbeere, hin.
„Dies passt zu Berichten römischer Autoren, nach denen einige dieser Pflanzen spezifisch für bestimmte Götter standen: Eiche war der heilige Baum des Jupiter, Lorbeere wurde zu Ehren von Apollo verbrannt“, erklären Eber und seine Kollegen. Vermutlich wurden diese pflanzlichen Opfergaben zu Kränzen oder Sträußen gebunden und dann in den Räuchergefäßen den Göttern dargebracht. „Molekulare Analysen deuten auch auf ein Traubenprodukt in einem der Räuchergefäße hin“, sagt Co-Autor Maxime Rageot von der Universität Bonn. „Dies würde mit der Verwendung von Wein in Ritualen übereinstimmen, die in römischen Bildern gezeigt und in Texten beschrieben wird.“
Ein weitgereistes Baumharz
Besonders spannend sind jedoch Rückstände von Pflanzenharzen eines Balsambaumgewächses – der Pflanzengruppe, zu der auch der Weihrauchbaum Boswellia sacra gehört. Nähere Analysen ergaben, dass das Harz wahrscheinlich von dem im Süden Afrikas und in Ostasien verbreiteten Kanaribaum (Canarium indicum) stammt. „Die verbrannten Reste des Balsambaumharzes im zweiten Räuchergefäß repräsentieren damit den ersten archäologischen Beleg für importierte exotische Baumharze in Pompeji“, schreiben die Archäologen.
„Dieses Harz unterstreicht die Einbindung Pompejis in ein Handelsnetz, das weit über die Grenzen des Römischen Reiches hinausreichte“, erklären Eber und seine Kollegen. Solche wohlriechenden Baumharze wurden damals wahrscheinlich zusammen mit anderen exotischen Waren aus Indien und dem südlichen Afrika über weite Entfernungen hinweg gehandelt. Sie gelangten dann über den Nahen Osten und Alexandria nach Italien. Die archäologischen Funde aus Pompeji liefern damit wertvolle Einblicke in den Fernhandel der römischen Zeit und eine wertvolle Ergänzung zu den schriftlichen Überlieferungen, wie die Archäologen erklären.
Quelle: Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU); Fachartikel: Antiquity, doi: 10.15184/aqy.2026.10320





