Der berühmteste lebende Wissenschaftler erklärt die Welt und wagt einen Blick in die Zukunft. “Ich könnte in einer Nussschale eingesperrt sein und mich für einen König von unermesslichem Gebiete…
Der berühmteste lebende Wissenschaftler erklärt die Welt und wagt einen Blick in die Zukunft.
“Ich könnte in einer Nussschale eingesperrt sein und mich für einen König von unermesslichem Gebiete halten”, lässt William Shakespeare seinen Hamlet sagen. Was hier übersteigert klingt, trifft für Kosmologen durchaus zu. Denn von einem winzigen Staubkörnchen im All aus versuchen sie das ganzen Universum zu begreifen. Und für Stephen Hawking, Professor an der University of Cambridge und seit seinem Bestseller “Eine kurze Geschichte der Zeit” von 1988 der berühmteste lebende Wissenschaftler überhaupt, gilt es in einem tragischen Sinn gleich doppelt: Er ist auf Grund einer Muskelerkrankung seit drei Jahrzehnten fast bewegungslos an einen Rollstuhl gefesselt und kann sich nur mit Hilfe eines Sprachcomputers verständlich machen. Dieses elende Schicksal und zugleich täglich ein neuer medizinischer Überlebensrekord mag wesentlich zur Bekanntheit Hawkings beigetragen haben. denn dass er ein neuer Einstein sei, ist ein Übertreibungsprodukt sensationsheischender Journalisten.
Unbestritten: Hawkings Forschungen über den Anfang und die Entwicklung des Universums, die Physik Schwarzer Löcher, Zeitreisen, Quanten- und Relativitätstheorie sind herausragende Leistungen. In seinem neuen Buch stellt er sie gut verständlich und mit Humor dar. Vieles steht freilich schon in der “Kurzen Geschichte der Zeit”. Das mit wunderschönen Grafiken illustrierte neue Buch ist aber eingängiger, kompakter und vielfach aktualisiert vor allem im Hinblick auf die Fortschritte der Stringtheorie und Kosmologie.
Provokativ sind Hawkings Ansichten über die Zukunft der Menschheit. Die rasante Bevölkerungsexplosion hält er mit guten Gründen und allen zeitgenössischen Bagatellisierungsversuchen zum Trotz für die größte Gefahr. Er extrapoliert den gegenwärtigen Trend und schreibt: “Allerdings kann sich das gegenwärtige exponentielle Wachstum nicht ungebremst fortsetzen, würde doch sonst die Weltbevölkerung im Jahr 2600 Schulter an Schulter stehen und der Stromverbrauch die Erde zum Glühen bringen.” Hawking ist überzeugt: Wenn sich die drohende Katastrophe überhaupt vermeiden lässt, wird ein menschenwürdige Überleben nur durch eine radikale Entwicklung unserer Nachkommen möglich sein: mit genetischer Nachhilfe, Neurochips zur geistigen Leistungssteigerung und Raumfahrt zu anderen Planeten und Sternen. Diese These mag manchen Leser irritieren oder sogar grausen. Aber sie ist konsequent und vielleicht auch Ausdruck von Hawkings Sehnsucht, die eigenen Fesseln etwas zu lockern.
Rüdiger Vaas, bdw-Redakteur für Astronomie und Physik





