von RÜDIGER VAAS
Es begann mit einem Paukenschlag: Nur fünf Tage nach dem Start von O4, dem vierten Beobachtungslauf des Laser Interferometer Gravitational-Wave Observatory (LIGO), vernahm der Detektor in Livingston einen Knaller im Kosmos, der noch 650 Millionen Lichtjahre entfernt auf der Erde Wellen schlug. Die irdische Laserstrecke registrierte das Dröhnen der Raumzeit, das durch die Kollision zweier kompakter Objekte ausgelöst wurde, zwar nur als winziges Wispern am 29. Mai 2023 um 18.15 Uhr Weltzeit. Aber das nur wenige Sekunden währende Signal war doch so deutlich, dass ein Zufallsrauschen praktisch ausgeschlossen werden konnte. Ein solcher statistischer Ausreißer, so ergaben die Analysen, kommt allenfalls einmal in 1.000 Jahren vor.
Das im aktuellen Gravitationswellen-Katalog mittlerweile als GW230529 verzeichnete Ereignis wurde von den automatischen Auswertungsalgorithmen nahezu in Echtzeit identifiziert und innerhalb weniger Minuten als Signalkandidat S230529ay veröffentlicht. Da zu dem Zeitpunkt aber der zweite LIGO-Detektor in Hanford nicht in Betrieb war, auch nicht der Virgo-Detektor in Italien, konnte keine Himmelsrichtung ermittelt werden. Irdische Sternwarten und Satelliten beobachteten nichts. Das ist in diesem Fall besonders bedauerlich, weil sich das relativ nahe Ereignis als rätselhaft erwies und einen sprichwörtlichen Paukenschlag für das theoretische Verständnis des Alls auslösen könnte.
Geheimnisvoller Lückenbüßer
Zunächst überprüften die Wissenschaftler akribisch, ob die Messung von einem lokalen Problem nur vorgegaukelt wurde. „Wir untersuchten unter anderem alle Störsignale und zufälligen Schwankungen des Detektorrauschens, die schwachen Signalen ähneln“, sagt Frank Ohme vom Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik in Hannover. „GW230529 hebt sich deutlich von diesem Hintergrund ab und wurde mit mehreren unabhängigen Suchmethoden übereinstimmend entdeckt. Dies spricht eindeutig für einen astrophysikalischen Ursprung des Signals.“
Die beiden kollidierenden Himmelskörper waren ungewöhnlich leicht – sie hatten die bislang wohl drittleichteste gemessene Gesamtmasse. Das eine Objekt besaß die 1,2- bis 2,0-, wahrscheinlich 1,4-fache Masse der Sonne; damit war es ziemlich sicher ein Neutronenstern.
Das andere Objekt hatte rund 3,6 Sonnenmassen, jedenfalls zwischen 2,5 und 4,5. Es könnte entweder ein Neutronenstern gewesen sein oder ein Schwarzes Loch – oder vielleicht etwas ganz anderes? Geläufigen Modellen sowie Messungen von Röntgen-Doppelsternen zufolge sollte ein solches Objekt allerdings gar nicht existieren. Es befindet sich nämlich in der sogenannten Massenlücke zwischen den schwersten zu erwartenden Neutronensternen und den leichtesten angenommenen Schwarzen Löchern.





