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Das Leben danach
Es ist einer der weltweit größten Dinosaurier-Friedhöfe. Die Reste von mehr als 100 gewaltigen Dinosauriern, vier bis zehn Meter groß, wurden hier auf einer Fläche von wenigen Hundert Quadratmetern geborgen. In einer scharfen Kurve am Ortsrand der Kleinstadt Trossingen im Süden Baden-Württembergs geht es auf einem…
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von KLAUS JACOB
Es ist einer der weltweit größten Dinosaurier-Friedhöfe. Die Reste von mehr als 100 gewaltigen Dinosauriern, vier bis zehn Meter groß, wurden hier auf einer Fläche von wenigen Hundert Quadratmetern geborgen. In einer scharfen Kurve am Ortsrand der Kleinstadt Trossingen im Süden Baden-Württembergs geht es auf einem Forstweg bis zu einer aufgerissenen Bergflanke. Wenn man vor dieser Schatzkammer für Paläontologen steht, wirkt sie auf den ersten Blick nicht gerade spektakulär.
Fossilien findet man meist in Steinbrüchen, wo kommerzielle Unternehmen eine Pforte ins Innere der Erde geschaffen haben. In Trossingen ist das anders: Die Fundstelle war nie ein Steinbruch. Kinder hatten den Hang vor mehr als einem Jahrhundert zum Schlittenfahren genutzt. Als eines der Kinder ein Hindernis aus dem Weg räumen wollte, stutzte es, denn es erblickte einen großen Knochen. Das war 1908. Glücklicherweise kam dieses Fossil gleich in kundige Hände, sodass die Bedeutung rasch klar wurde. Seither haben Paläontologen immer wieder das Gestein durchsucht, um neue Schätze zu bergen. Auch zurzeit läuft eine Grabungskampagne. Der Enkel des einstigen Finders kommt regelmäßig vorbei und beteiligt sich begeistert an der Suche, wie Grabungsleiter Rainer Schoch vom Naturkundemuseum Stuttgart erzählt.
Schwierige Fragen
Ziel der Wissenschaftler ist es, die Vergangenheit lebendig werden zu lassen. Wie hat es hier einst ausgesehen? Welche Tiere haben hier gelebt, welche Pflanzen sind hier gewachsen? Wie war das Klima? Warum sind so viele Dinosaurier ausgerechnet an dieser Stelle gestorben? Und warum gibt es kaum Reste von anderen Tieren?
Wer vor der aufgerissenen Bergflanke von Trossingen steht und nichts als Schutt sieht, bekommt eine Vorstellung davon, wie schwer die Antworten zu finden sind. Um das damalige Ökosystem auch nur halbwegs schlüssig rekonstruieren zu können, braucht es viel Vorwissen, das Generationen von Wissenschaftlern aus vielen Fachgebieten zusammengetragen haben. Schon die Datierung ist eine Wissenschaft für sich. Außerdem muss man das damalige Klima rekonstruieren und wissen, wie das Puzzle der Kontinentalplatten einst aussah. Wo war Land, wo Meer? Natürlich ist auch viel Erfahrung nötig, um die Knochenfragmente einer bestimmten Tiergattung zuordnen zu können.
Das hohe Alter der Trossinger Funde erschwert die Antworten – und ist zugleich der Grund, weshalb sie für Paläontologen besonders interessant sind. Die Dinosaurier, die an dieser Stelle begraben liegen, starben vor rund 210 Millionen Jahren, in der erdgeschichtlichen Periode der Trias. Rund 40 Millionen Jahre zuvor hatte das größte Massenaussterben der Erdgeschichte stattgefunden. Die Ursache waren wohl gewaltige Vulkanausbrüche. Das wirft auch deshalb viele Fragen auf, weil heute erneut ein Massenaussterben eingesetzt hat, diesmal vom Menschen verursacht. Wie hat das Leben nach dem großen Sterben wieder Fuß gefasst? Welche Richtung hat die Evolution eingeschlagen und warum?
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Die Trossinger Lagerstätte entstand zwar erst Jahrmillionen nach der Katastrophe, ein langer Zeitraum. Doch viele Auswirkungen waren von Dauer. Und natürlich kann eine einzelne Fossillagerstätte nur eine Momentaufnahme liefern. Die Fossilien aus Trossingen bezeugen nicht einmal einen nennenswerten Teil des damaligen Ökosystems. Denn man findet – neben einigen Schildkröten – fast ausschließlich große Dinosaurier. Und doch ist gerade die Ballung einer einzelnen Art für Paläontologen interessant und liefert neue Erkenntnisse.
Die Dinosaurier wurden nach ihrem Fundort benannt: Plateosaurus trossingensis. Nachbildungen des „Schwäbischen Lindwurms“, wie er flapsig genannt wird, sind auf dem Freigelände neben dem Stuttgarter Naturkundemuseum zu sehen. Plateosaurus ist ein Vorfahre der riesigen Pflanzenfresser mit ihren langen Hälsen und Schwänzen, die sich viele Millionen Jahre später entwickelten, wie der bei Kindern beliebte Brontosaurus.
Etwas fällt bei den Trossinger Fossilfunden auf: Alle Tiere waren ausgewachsen, weder Jungtiere noch Gelege mit Eiern tauchten bisher auf. Noch rätselhafter ist, dass fast immer der Kopf fehlt, als seien die Dinos kopflos gestorben. Schoch hat eine Vermutung, wie es zu dieser seltsamen Selektion und Verstümmelung kommen konnte. Er glaubt, dass die Knochen eine bestimmte Größe haben mussten, um über die vielen Jahrmillionen erhalten zu bleiben. Filigrane Knochen von kleinen Tieren sind zerfallen. Einen noch größeren Einfluss hatte möglicherweise die Art und Weise, wie die Tiere damals umgekommen sind. Dabei spielte das Klima eine Schlüsselrolle.
Das Klima der Trias
Die Trias war durchweg heiß und trocken, der Gehalt des Treibhausgases Kohlendioxid in der Atmosphäre war wahrscheinlich erheblich höher als heute. An den Polen gediehen Wälder, Gletscher gab es nirgendwo. Trossingen lag damals etwas 200 Kilometer von der Küste des Thetys-Meeres entfernt. Das Klima war sicher nicht angenehm, über Jahrtausende sogar lebensfeindlich, wie die Ablagerungen verraten.
Die gesamte fossilhaltige Schicht ist etwa zehn Meter mächtig und umfasst einen Zeitraum von rund einer Million Jahren. Schon daraus lässt sich ablesen, dass sich dort nicht viel getan haben kann. Eine üppige Vegetation und viel Regen hätten dazu geführt, dass eine mächtige Bodenkrume entstanden wäre. Hätte sich auch nur ein Millimeter Sediment pro Jahr abgesetzt, wäre die Schicht heute einen Kilometer mächtig. „Es gab ab und zu einen Schwall Wasser, sonst ist nicht viel passiert“, sagt Schoch. Auffällig sind Zwischenlagen, in denen keine Spur von Leben zu finden ist, weder Wurzeln von Pflanzen noch Knochen von Tieren. In diesen Zeiträumen, die viele Jahrtausende dauerten, fiel wahrscheinlich kaum Regen, sodass es keine Nahrung gab.
Wenn es danach wieder zu Niederschlag kam, schüttete es wie aus Kübeln. Wasser sammelte sich in Senken der sonst topfebenen Fläche. Wegen des tonhaltigen Untergrunds konnte es nicht versickern. In diesen Senken wurde der Boden weich und sumpfig, sodass massige Tiere einsanken und nicht mehr herauskamen. Sie blieben im schweren Boden stecken. Sobald das Wasser halbwegs verdunstet war, kamen Raubtiere und fraßen die Reste der Kadaver. Das könnte die Ursache sein, warum man kaum Köpfe findet, vermutet Schoch. Bisher tauchten nur 10 Schädel auf – bei 112 Tieren.
Für diese Theorie spricht auch, dass die meisten Skelette in sitzender Haltung gefunden wurden. Sie konnten selbst im Tod nicht umfallen, weil sie buchstäblich festsaßen. Natürlich lebten damals neben Dinosauriern und Schildkröten zahlreiche weitere Tierarten. Hinweise liefert eine Fundstelle in der Nordschweiz aus derselben Zeit. Hier wurden zwischen den Oberschenkeln eines Plateosaurus die Flügel von einem Flugsaurier und das Köpfchen von einer Brückenechse geborgen.
Vorfahren der Krokodile
Schoch geht davon aus, dass es auch Räuber gab, die dem „Schwäbischen Lindwurm“ nachstellten. Er tippt auf Vorfahren der Krokodile, die damals innerhalb der Nahrungspyramide ganz oben standen. Das verblüfft zunächst, denn heutige Krokodile leben im oder am Wasser und wären nicht in der Lage, einem großen Landtier nachzustellen. Doch die Vorfahren der Krokodile lebten ganz anders und sahen auch ganz anders aus als heutige Exemplare. Nur die Panzerplatten auf dem Rücken sind ähnlich. Schoch beschreibt sie als „kleine T-Rex auf vier Beinen“, die nicht nur schnell rennen konnten, sondern wahrscheinlich auch warmblütig waren.
Dass die Wissenschaft sie als „Krokodil“ bezeichnet, liegt daran, dass für Paläontologen nur die Abstammung zählt – auch wenn sich das Aussehen der Tiere im Laufe der Jahrmillionen völlig verändert hat. So lebte der gewaltige Wal einst als relativ kleines Tier an Land. Und das Pferd war vor 30 Millionen Jahren nicht größer als ein Dackel. Krokodilen war in der Trias der Weg ins Wasser im Übrigen versperrt, denn dieses Habitat wurde von großen Amphibien beherrscht.
Weil in Trossingen fast nur Dinosaurier der Gattung Plateosaurus gefunden wurden, verloren die Paläontologen in den 1930er-Jahren das Interesse an diesem Fundort. Sie dachten, weitere Grabungen würden keine neuen Erkenntnisse mehr liefern, und gaben die Suche auf. Erst ab 2007 rückten wieder Experten an. Denn inzwischen gibt es nicht nur bessere Methoden, um die Funde zu präparieren und zu untersuchen, es stellen sich auch neue Fragen. Schoch will Details über die Evolution der Plateosaurier herausfinden und ergründen, warum ausgerechnet an dieser Stelle so viele Tiere starben. Auch die Lebensdaten der großen Tiere interessieren ihn: Wie alt wurden sie, wann wurden sie geschlechtsreif, wie schnell wuchsen sie heran? Übrigens hat sich noch etwas geändert seit den ersten Grabungen in Trossingen: Heute sind auch Frauen an den Arbeiten beteiligt, was vor 100 Jahren undenkbar war.
Um die neuen Fragen beantworten zu können, müssen Schoch und sein internationales Team erst einmal weitere Exemplare von Plateosaurus aufspüren. 2007 arbeiteten die Ausgräber noch mit Spaten und Kelle. „Heute wundern wir uns, dass wir damals überhaupt etwas gefunden haben“, sagt Schoch. Inzwischen hilft ein 30-Tonnen-Schaufelbagger. Er schabt jeweils ein paar Zentimeter des relativ lockeren Gesteins ab. Das geht schneller als früher, aber nicht schonender. Sobald ein Fossil auftaucht, muss das schwere Gerät pausieren. Einige Blessuren am Knochenfragment nimmt man mit dieser Methode in Kauf.
Und die neuen Funde geben Rätsel auf: Warum ist der „Schwäbische Lindwurm“ in den jüngeren Ablagerungen zwei bis drei Meter länger als in den alten? Das könnte ein Hinweis auf ein evolutionäres Größenwachstum sein. Doch ein Beweis ist es nicht, denn es könnten auch andere, größere Arten eingewandert sein. Aus den gefundenen Skelettteilen lässt sich keine einzelne Art bestimmen, bestenfalls eine Gattung. Ein weiteres Rätsel geben Wurzeln auf, die in den Sedimenten aufgetaucht sind. Botaniker würden in solchen steppenartigen Landschaften heute Gräser erwarten. Doch Gräser entstanden erst viele Jahrmillionen später. „Hier müssen wir weiterforschen“, sagt Schoch.
Spärliche Belege
Um der Evolution nach der großen Katastrophe nachspüren zu können, hilft nur der Blick auf viele verschiedene Fundstätten. So entdeckte man in Nordostfrankreich Hinweise auf reiche Ökosysteme – schon rund fünf Millionen Jahre nach dem großen Sterben. Offenbar gab es damals Regionen mit Seen, Flüssen und üppiger Vegetation, die eine artenreiche Tierwelt hervorbrachten. Wie die Evolution im Detail stattfand, lässt sich allerdings nur grob rekonstruieren, da die Belege spärlich sind. Seltsamerweise findet man zu manchen Zeiten vor allem Fußabdrücke, zu anderen vor allem Skelettreste. Auch hier ist Detektivarbeit gefragt.
Wer verstehen will, wie sich die Natur erholt hatte, muss sich zunächst mit der Katastrophe selbst beschäftigen. Was ist damals passiert? Am Ende des Erdaltertums starben vor allem in den Ozeanen viele Arten aus. Möglicherweise lag es daran, dass sich die Umwelt relativ langsam verändert hatte, längst nicht so abrupt wie an der Kreide-Tertiär-Grenze. Damals, vor 65 Millionen Jahren, war ein Meteorit auf der Erde eingeschlagen und hatte das Klima praktisch über Nacht kippen lassen. Er beendete die Zeit der riesigen Dinosaurier. Am Übergang von Perm zu Trias, fast 200 Millionen Jahre früher, war die Ursache dagegen wohl anhaltender Natur: Über viele Jahrtausende quollen Lava und Gase aus dem Erdinneren. Immer mehr Treibhausgase reicherten sich in der Atmosphäre an und ließen die Temperaturen steigen. Das Meer erwärmte sich so stark, dass viele Organismen starben. Zudem wurde das Wasser saurer, was kalkbildende Lebewesen in den Tod trieb. Dass Korallen zu den Verlierern gehörten, verwundert nicht – und erinnert an die heutige Entwicklung.
Was sich an Land abspielte, ist nur in groben Zügen geklärt. Überlebt haben vor allem Arten, die sehr anpassungsfähig waren. Experten sprechen von „Desaster-Taxa“. Dabei handelt es sich um relativ kleine Tiere, die schnell wachsen und sich entsprechend rasch reproduzieren. Wahrscheinlich waren sie warmblütig, denn Warmblütigkeit kurbelt den Stoffwechsel an.
Seltsame Kreaturen
Als der Vulkanismus abebbte und allmählich wieder halbwegs erträgliche Lebensbedingungen auf der Erde herrschten, war die Tierwelt verarmt. Die Überlebenden hatten nun einen evolutionären Vorteil: Sie konnten in viele ökologische Nischen vordringen, die vorher von Konkurrenten besetzt waren. Es begann ein Rennen um die besten Startplätze: Die Evolution beschleunigte sich enorm. Der Paläontologe Eudald Mujal vom Stuttgarter Museum, der die Funde von Landwirbeltieren des Mitteleuropäischen Beckens aus der Trias gesichtet hat, spricht von einem „Naturlabor“. Die große Freiheit ließ auch Kreaturen entstehen, deren Bauplan auf Dauer keinen Bestand hatte. Mujal spricht von „seltsamen Formen“. So gab es Tiere mit einem extrem langen Hals und Haie, deren Unterkiefer wie ein Schneckenhaus aufgerollt war.
„Das große Sterben“: Vulkanausbrüche führten vor 252 Millionen Jahren zum größten Artensterben der Erdgeschichte.
Zur Zeit des Trossinger Biotops war diese Experimentierphase längst vorbei. Die Hauptgruppen der Tierwelt, wie wir sie heute kennen, hatten sich herausgebildet. Die Dinosaurier wie der „Schwäbische Lindwurm“ waren erst einige Millionen Jahre zuvor auf der Bildfläche erschienen. Sie lebten neben den Amphibien und den Vorfahren der Säugetiere. Doch sie hatten die Herrschaft über das gesamte Tierreich noch nicht übernommen. Dafür brauchte es eine weitere Katastrophe. Erst als es am Ende der Trias zu einem weiteren Massenaussterben kam, begann die Erfolgsgeschichte der Dinosaurier. ■
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