von RÜDIGER VAAS
Nicht alles ist bekanntlich so, wie es scheint. Dies gilt auch für das Universum. Tatsächlich steckt der bestirnte Himmel voller Illusionen. Doch trotz aller Irrungen und Wirrungen gelingt es Forschern immer wieder, den sprichwörtlichen Schleier vor der Wahrheit etwas weiter zu lüften und tiefer zu blicken.
Kaum jemand hat das so gut verstanden, erlebt und auch erlitten wie Albert Einstein. Bereits 1912 packte ihn eine Ahnung kosmischer Illusionen. Doch anscheinend hatte er sie dann über zwei Jahrzehnte lang vergessen, bis er sich auf Drängen eines Amateurwissenschaftlers der Sache wieder annahm – nur um festzustellen, dass sein Ergebnis für die Astronomie völlig irrelevant sei. Aber auch das hätte nie das Licht der Welt erblickt, wenn es nicht Wissenschaftshistoriker kürzlich in akribischer Detektivarbeit an den Tag gebracht hätten (mehr dazu im folgenden Artikel „Einstein und der Tellerwäscher“ ab Seite 18).
Doch einer der größten Bewunderer Einsteins kam ihm zuvor bei der Beschreibung dessen, was später Gravitationslinsen-Effekt genannt wurde: Arthur S. Eddington. Der englische Physiker und Astronom war bereits 1919 bei einer Sonnenfinsternis-Expedition an einem der eindrucksvollsten Erfolge der Wissenschaftshistorie beteiligt: dem Nachweis, dass Licht von der Schwerkraft abgelenkt wird und die Raumzeit gekrümmt ist (bild der wissenschaft 11/2019, „Das verbeulte Universum“). Ein Jahr später veröffentlichte er in seinem Bestseller „Space, Time and Gravitation“ die Überlegung, dass Licht nicht nur in Sonnennähe auf krumme Touren gebracht wird, sondern auch von anderen Gestirnen, und dabei regelrecht aufgespalten werden kann. Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie impliziert gewissermaßen die Möglichkeit einer kosmischen Fata Morgana – und nicht nur von einer, sondern von Myriaden.
Von der Spekulation zur Wirklichkeit
Somit gebührt Eddington die Ehre als offizieller Entdecker des Gravitationslinsen-Effekts vor 100 Jahren. Freilich wurde dieses Jubiläum kaum beachtet, genau wie Eddingtons damalige Andeutungen. Außerdem hielt auch er diesen Effekt für nicht beobachtbar – und er täuschte sich dabei wie Einstein.
Zwar griffen später mehrere Astrophysiker den Gravitationslinsen-Effekt wieder auf und analysierten ihn genauer unter verschiedenen Bedingungen. 1937 wagte Fritz Zwicky sogar die kühne Pro-gnose, dass ganze Galaxien und Galaxienhaufen Gravitationslinsen seien und das Phänomen daher durchaus beobachtet werden könne (mehr dazu im Artikel „Geisterbilder am Himmel“ ab Seite 28). Der Astronom hatte bereits als Student eine Einstein-Vorlesung über Allgemeine Relativitätstheorie in Zürich gehört und ihn dabei kritisiert – später war er für seine Starr- und Querköpfigkeit berüchtigt. Zwicky war seiner Zeit weit voraus, denn seine Argumentation fand erst in den 1960er-Jahren eine gebührende Beachtung, bis ihm der astronomische Fortschritt ab den späten 1980ern recht gab.





