von TIM SCHRÖDER
Es muss die Hölle gewesen sein. Ringsumher riss die Erde auf. Aus dem Boden quoll glühend heiße, dickflüssige Lava. Die Luft war erfüllt von Schwefelgestank. Für gewöhnlich entlädt sich aufgestautes Magma bei einem Vulkanausbruch in einer einzigen mächtigen Eruption. Doch dieses Mal war alles anders: Eine Fläche von der Größe Zentraleuropas hatte sich in ein endloses Lavameer verwandelt. Die Lava war überall – und es gab kein Entkommen.
Diese Naturkatastrophe von apokalyptischer Dimension ist rund 252 Millionen Jahre her. Forscher sind sich heute sicher, dass sie zum größten Massenaussterben aller Zeiten führte. Damals waren die Kontinente noch zu einer einzigen Landmasse verschmolzen, dem Urkontinent Pangäa. Die gewaltigen Eruptionen wüteten ganz im Norden Pangäas, auf einer Fläche, die heute in Sibirien liegt. Laut Schätzungen sind damals im Laufe vieler Jahre rund drei Millionen Kubikkilometer Lava aus dem Bauch der Erde gequollen. So viel, dass sich die heiße Masse sogar zu Bergen und Plateaus aufschob, die heute noch die Landschaft Sibiriens prägen. Zum Vergleich: Die Nordsee hat ein Volumen von gerade einmal 54.000 Kubikkilometern.
Pangäa war vor der Katastrophe an der Grenze vom Erdzeitalter Perm zur Trias mit Nadelbäumen und Samenfarnen, einer heute ausgestorbenen Pflanzengruppe, bedeckt. Anderswo reckten sich Schachtelhalme und Farne in den Himmel. Hier und dort breiteten sich Sümpfe aus. In den Wäldern tummelten sich Insekten, Echsen und Amphibien. Säugetiere gab es im Perm noch nicht, und auch keine Dinosaurier. Zu den größten und auffälligsten Tieren gehörten die Therapsiden, reptilienähnliche Vierbeiner, die zu den frühen Verwandten der Säugetiere zählen. Anders als Reptilien verschlangen sie ihre Beute nicht im Ganzen. Sie hatten bereits Zähne, mit denen sie die Nahrung zerkleinerten. Und noch etwas war auffällig: Anders als bei den Echsen saßen die Beine der Therapsiden nicht an der Seite des Körpers, sondern eher unter dem Rumpf. Damit konnten sie schon fast so gewandt wie Säugetiere umherstreifen und über Hindernisse steigen.
Treibhaus Erde
Vor allem den größeren Therapsiden wurden die gigantischen Vulkanausbrüche zum Verhängnis. Denn sie wirkten sich nicht nur im Norden Pangäas aus. Sie führten zu einer weltweiten Umweltkatastrophe. Beim Aufstieg aus dem Erdinneren zwängte sich das Magma durch Bodenschichten, in denen sich über Jahrmillionen Kohleflöze und Methangas als Eis abgelagert hatten. Das Magma setzte die alte Pflanzenmasse in Brand. Wie aus Tausenden von Schloten stieg Rauch aus der Erde auf. So gelangten Millionen Tonnen von Kohlendioxid (CO2) und Schwefeldioxid in die Atmosphäre. Weltweit stieg die CO2-Konzentration um das Vier- bis Sechsfache, die mittlere Temperatur um mehr als 10 Grad. Der Planet wandelte sich in ein Treibhaus. Das Klima veränderte sich für mehrere Hunderttausend Jahre radikal. Es gab Epochen mit extremen Dürren, die in weiten Teilen Pangäas die Wälder absterben ließen. Anderswo gingen sintflutartige Regenfälle nieder. Mehr noch: Das Schwefeldioxid aus den Bränden reagierte mit der Luftfeuchtigkeit zu Schwefelsäure, die als saurer Regen vom Himmel fiel. Das gab den Pflanzen den Rest. So starben an der Grenze vom Perm zur Trias viele Pflanzen- und Tierarten aus.





