von THORSTEN DAMBECK
Vor knapp 4,6 Milliarden Jahren entstand die Erde. Sie war ganz anders beschaffen als heute. Und diese Fremdartigkeit dauerte lange: Forscher auf einer Zeitreise zur Urerde hätten noch vor 3,5 Milliarden Jahren keinen Schritt ohne Sauerstoffmaske tun können. Die Luft war nicht atembar, sie enthielt einen giftigen Cocktail aus Kohlendioxid und Methan, womöglich auch Ammoniak und Blausäure – aber keinen Sauerstoff. Die Tage waren kürzer, und die junge Sonne schien deutlich schwächer. Trotzdem tummelten sich wahrscheinlich bereits Einzeller in relativ warmen Urmeeren, die weite Teile der Oberfläche prägten.
Die Zeitreisenden würden sich über das milde Klima wundern, das trotz der schwächelnden Sonne vorherrschte. Sie wären Zeugen eines wissenschaftlichen Rätsels: das sogenannte Paradoxon der schwachen jungen Sonne. Es ergab sich aus dem Studium sonnenähnlicher Sterne. Daher weiß man, dass etwa nach 20 Millionen Jahren im Zentrum der Babysonne die energiereiche Kernfusion zündete, bei der Wasserstoff zu Helium verschmilzt. Doch ihre Strahlungskraft war noch wechselhaft. Erst mit 40 Millionen Jahren hatte es sich auf niedrigem Niveau stabilisiert: bei rund 70 Prozent des heutigen Wertes. Was folgte, könnte man die lange solare Jugend nennen: ein sehr langsamer Anstieg der Strahlung, der bis heute andauert (siehe Kasten „Von stellaren Babys und Jungsternen“ auf Seite 55).
Ursonne mit Formschwäche
„Man weiß recht genau, dass die urzeitliche Erde sehr lange deutlich weniger Sonnenenergie erhielt als heute“, sagt René Heller, Astrophysiker am Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung in Göttingen. Eigentlich hätte unser Planet damals eine Eiswüste sein müssen.
Was haben die Geologen über die tatsächlichen Verhältnisse herausgefunden? Schon vor rund 4,3 Milliarden Jahren gab es flüssiges Wasser auf der Erdoberfläche. Das belegen Sauerstoff-18-Analysen uralter Minerale: der Zirkone. Doch das Klima war alles andere als nass und kühl. Vielmehr ist eine Mischung aus Wasser und Kohlendioxid anzunehmen – bei 30 bis 180 Grad Celsius und einem extremen Druck von bis zu 500 Bar. Denn die Erde hatte damals nur wenig von der Hitze ihrer Entstehung an das Weltall abgegeben.
Erst als es kühler wurde, erhielten einfache Organismen ihre Chance: Vor 3,8 bis 3,5 Milliarden Jahren könnten sie bereits existiert haben, interpretieren Forscher die Zusammensetzung der Kohlenstoff-Isotope von organischen Molekülen in damaligen Gesteinen. Besser belegt ist durch fossile mikrobiologische Schichten, dass sich vor 3,5 bis 3,4 Milliarden Jahren vielfältiges Leben in den Gewässern der jungen Erde tummelte. Womöglich lagen die Meerestemperaturen damals zwischen 55 und 85 Grad Celsius. Darauf deuten Messungen von Sauerstoff-18- und -16-Isotopen in marinen Karbonat- und speziellen Sedimentgesteinen hin. Bis vor 2,9 Milliarden Jahren vor heute fehlen zudem jegliche Belege auf großräumige Vergletscherungen auf der Erde. Fazit: Trotz schwacher Sonne war die Erde ein Planet mit ausgedehnten Meeren und warmem Klima.





