Ulrich Walter: Die Bundesrepublik Deutschland beabsichtigte im Jahre 1987 mindestens drei Flüge D2, D3 und D4 und vielleicht ein paar russische Flüge durchzuführen. Daher habe ich damals mit 33 Jahren meine Hochschulkarriere aufgegeben, um Berufs-Astronaut zu werden. Die ganze Ausbildung zum Astronauten war auf mehrere Flüge angelegt. Natürlich möchte ich, und ich denke jeder meiner deutschen Kollegen, da noch einmal hoch! Leider sieht das deutsche Raumfahrt-Programm in dieser Richtung nicht allzu rosig aus.
Harald Zaun: Sehr geehrter Herr Dr. Walter, in der Hoffnung, dass Sie unser konstruktives Interview (am Rande des G8-Gipfels) betr. ihres letzten Buchprojekts “Zivilisationen im All. Sind wir allein im Universum?” noch in guter Erinnerung haben, möchte ich Ihnen aus Ihrer ehemaligen Studentenstadt Köln, die zugleich meine Heimatstadt ist, auf virtuelle Weise herzliche Grüße übermitteln. Die Frage, die Sie seinerzeit in ihrem letzten Werk en detail thematisiert haben, gewinnt angesichts der Entdeckung extrasolarer Planeten immer mehr an Bedeutung. Daher möchte ich Ihnen die etwas ketzerische Frage stellen (die Sie mir seinerzeit nicht beantworteten), ob Ihr neues Buchprojekt, sofern Sie Zeit gefunden haben, ein solches auch “anzugehen”, sich auf ein ähnlich geartetes Thema bezieht wie beim letzten Mal – oder behandeln Sie zur Zeit ein “bioastronomisches” Thema? Oder ein Raumfahrtthema, wenn nicht sogar ein astrophysikalisches, in dem unser Heimatgestirn die Hauptrolle spielt???!?!?!?!?!?
Ulrich Walter: Lieber Herr Zaun, schön, auf diesem Wege mal wieder was von Ihnen zu hören. Es ist richtig, ein neues Buch ist in der Pipe. Aber das Thema möchte ich vorerst für mich behalten, weil ich noch einige Zeit (etwa 2 Jahre) brauche, bis ich ausreichend recherchiert habe. Nur soviel vorweg: Es geht um ein Thema, das der Raumfahrt übergeordnet ist und eine alte philosophische Frage betrifft.
Schwerelosigkeit
Bernard Neelen: Die gesundheitlichen Langzeitschäden durch Schwerelosigkeit, gerade bei langen Reisen zum Mars z.B, könnten doch durch Zentrifugalkraftnutzung behoben werden, wieso wird diese alte Idee nicht aufgegriffen z.B bei der ISS ? (siehe Odyssee 2001….) Die Struktur einer Raumstation ist schon so komplex das; SICH DREHEN; sollte dann doch das kleinste Problem sein, zumal der Kreiseleffekt eine zusätzliche Stabilisierung bringt ?
Ulrich Walter: Diese Idee ist so alt wie die Raumstationen selbst, also seit den 30er Jahren, als sie ein gewisser Noordung aufbrachte. Das Problem ist, dass die sogenannten Corioliskräfte, die bei einer Drehung einer Station entstehen, zu Schwindelgefühlen führen, falls der Durchmesser der Station weniger als 30 Meter beträgt. Größere Stationen, die einen kreisrunden Torus bilden, wären aber zu aufwendig und zu teuer.
Es gibt aber seit kurzem von Robert Zubrin eine neue Idee: Zwei Stationstonnen über ein Seil aneinander koppeln und sie umeinander drehen lassen. Die NASA überlegt, ob sie diese Idee bei ihrer Mars Reference Mission übernehmen wird.
Platzen Adern im Vakuum?
Marcel Falk: Sehr geehrter Herr Walter, stimmt es, wie in Science-fiction-Filmen manchmal gezeigt, dass die Adern platzen, wenn ein Raumfahrer rasch ins Vakuum gerät?
Ulrich Walter: Gehen wir mal die Situation genau durch: Ein Astronaut kommt plötzlich und unverhofft ohne Anzug in das Weltraumvakuum. Was passiert? Wegen des nicht mehr existierenden Aussendrucks beginnt das Blut in seinen Adern und Venen sofort Blasen zu bilden, auf gut Deutsch: zu kochen. Dies führt instantan zum Kreislaufkollaps. Das Blut im Gehirn reicht gerade mal noch 10 Sekunden, um ihn bei Bewusstsein zu halten. Danach ist er bewusstlos. Man weiß aufgrund von Erfahrung, dass, wenn der Druck innerhalb der nächsten 60 Sekunden wieder einen Normalwert annimmt, die Blasen rekollabieren und der ursprüngliche Zustand wiederhergestellt werden kann, ohne irgendwelche großen Folgen. Der Astronaut weiß nur nicht mehr, was zwischendurch passiert ist. Besteht der Kollaps länger als 60 Sekunden, kommt es zu irreparablen Schäden. Aber: die Adern oder Venen platzen nicht!
Dicke Luft?
Michael Wochner: Sehr geehrter Herr Walter, woher kommt die Atemluft auf der ISS? Wird sie komplett recycled? Und wie “frisch” empfindet man sie dann?
Ulrich Walter: Zunächst: Die Luft auf Raumstationen entspricht exakt den irdischen Standard-Verhältnissen. Die Luft wird über eine Zwangszirkulation in Bewegung gehalten, damit sich nirgendwo CO2-Blasen bilden können. Das wäre besonders beim Schlafen sehr unangenehm, weil Astronauten dann ersticken könnten. Die zirkulierende Luft wird über Kohlefilter von organischen Stoffen gereinigt und das überschüssige CO2 wird beseitigt (da gibt es ein kompliziertes Verfahren). Danach wird wieder entsprechend O2 aus Sauerstofftanks und/oder Wasserelektrolyse zugegeben. Der Stickstoffanteil bleibt dabei immer konstant.
Das Problem: Nicht alle Geruchsstoffe lassen sich vollständig beseitigen, dadurch bildet sich immer ein Restduft, den man aber nicht mehr wahrnimmt, wenn man dem dauernd ausgesetzt ist. Erst wenn man wieder auf die Erde zurückkommt und frische Luft schnuppert, merkt man den Unterschied. Nach vielen vielen Jahren, kann die Luft aber ziemlich modrig riechen, weil sich Pilze (ein großes Problem auf Raumstationen) gebildet haben.
Männer auf dem Mars?
Joachim Koenen: Hallo Herr Walter, bei der NASA hofft man, dass in etwa 20 Jahren Astronauten auf dem Mars herum spazieren. Glauben Sie daran? Was – mit Ausnahme der enormen Entfernung – sind dabei die größten Probleme?
Ulrich Walter: Die NASA plante (eine alte Präsident Bush-Initiative) konkret am 20. Juli 2019 (50 Jahre nach der ersten Mondlandung) auf dem Mars zu landen. Ich denke, das wird die NASA nicht mehr schaffen. Aber das ist auch nicht so wichtig, solange die NASA die Pläne, zum Mars zu fliegen, überhaupt weiterverfolgt – und das tut sie ganz intensiv. Ich glaube, dass der erste Mensch so in etwa 30 Jahren den Mars betreten wird. Das bedeutet, dass bereits heute derjenige unter uns ist, der diesen ersten Schritt tun wird!
Die drei größten Problem dabei werden sein: Wird alles so glatt laufen, dass die Astronauten unversehrt wieder zurückkehren? Wie werden die menschlichen und psychologischen Probleme bei so einer Langzeitmission (insgesamt etwa drei Jahre) bewältigt? Wie werden die Raumfahrer vor der starken kosmischen Strahlung jenseits der Van-Allen-Gürtel geschützt? Ich denke, diese und alle anderen Probleme sind lösbar, brauchen aber ihre Zeit.
Auf zu andern Sternen! Marcel Falk: Sehr geehrter Herr Walter, die Flucht vor dem Sonnentod ist ja ganz witzig, aber wäre es nicht viel sinnvoller, die enormen Kosten und Anstrengungen für Weltraumkolonien zu verwenden? Sollten unsere Ahnen nicht besser zu anderen Sternen streben?
Ulrich Walter: Also, lieber Marcel, das eine schließt das andere nicht aus. Man muss nur die Zeitperspektive mit berücksichtigen. Ich glaube, die ersten Raumkolonien werden in etwa 50-100 Jahren kommen. Nach zirka 500-1.000 Jahren werden die Menschen in großer Zahl in Kolonien in unserem Sonnensystem leben und den Mars kolonialisiert haben. Erst danach werden sie sich auf den Weg machen, andere Sterne zu besiedeln. Wie? Das kann man z.B. in meinem Buch “Zivilisationen im All – sind wir allein im Universum?” nachlesen. Rechnungen zeigen, dass die Menschheit innerhalb von etwa 30 Millionen Jahren unsere Milchstraße durchgehend kolonialisieren könnte. Ein Klacks im Vergleich zur Lebenszeit unseres Universums, das nach neuesten Erkenntnissen wohl ewig existieren wird.
Und wenn die Menschheit viele, viele Millionen Jahre unsere Milchstraße bewohnt haben und dabei viele technische Erkenntnisse erworben haben wird, dann wird sie vielleicht daran denken, Ihre alte Erde vor dem Tod zu bewahren. Zeit zum Geldsparen hat sie bis dahin ja genug. Wie Du siehst, kommen sich diese beiden Visionen nicht in die Quere.
Wiedereintritt Andre Spiegel:Es wird immer viel über den Start gesprochen, aber wie fühlt sich eigentlich der Wiedereintritt in die Erdatmosphäre an, wenn man im Shuttle fliegt? Was gibt es da zu sehen, gibt es ein starkes Rütteln und/oder irgendwelche Geräusche? Ulrich Walter: Der Wiedereintritt ist eigentlich ziemlich unspektakulär. Man merkt, wie man wieder langsam an Gewicht zunimmt. Das dauert so ungefähr 30 Minuten. Dann rast das Shuttle mit 25facher Schallgeschwindigkeit durch die oberen Luftschichten, glüht dabei anständig auf der Unterseite und erzeugt dadurch für etwa 15 Minuten einen Radio Black-out: Es gibt keine Funkverbindung.
Nur die Astronauten auf dem Flugdeck können sehen, wie die ionisierte Luft als feurige Luft seitlich vom Shuttle hochkommt. Gleichzeitig kann man übrigens sehen, wie das Seitenleitwerk hinter einem ebenfalls glüht, und das interessanterweise pulsierend!
Die Astronauten auf dem Middeck, wie ich damals, sehen davon natürlich nichts, weil es dort keine Fenster gibt, bzw. nur eines, was schräg hinter einem angebracht ist, und das man angeschnallt nicht sehen kann.
Durch den Luftwiderstand erfährt das Shuttle eine maximale Abbremsung von 1,5g – also nur halb so viel wie beim Start – und das kann man ziemlich gut aushalten.
Die Landung selbst ist auch nicht besonders aufregend. Das ist wie bei der Landung eines Jumbos: Ein leichter Ruck, und schon ist man unten. Dann der Bremsfallschirm (etwa wie das Abbremsen in einem Auto, und 30 Sekunden später steht man auch schon.
Journalismus Joachim Koenen: Herr Walter, ich würde Sie gerne mal etwas Persönliches fragen. Wie ich lese, arbeiten Sie jetzt (auch) als Autor und Fernsehmoderator. Wie kamen Sie zum Journalismus? Haben Sie ein Rezept dafür, wie wissenschaftliche Themen für den Nichtwissenschaftler interessant werden?
Ulrich Walter: Ich kam zum Journalismus, weil der Bayerische Rundfunk mich im Februar 1997 einmal fragte, ob ich in einer aktuellen Sendung nicht den Zustand auf der MIR, nachdem das Loch dort entstanden war, kommentieren wollte. Das habe ich dann gemacht und kam wohl gut an. Als der BR dann später einen Moderator für eine neue Wissenschaftssendung suchte, kam er auf mich zu, und ich habe damals einfach “Ja” gesagt. So einfach geht das.
Mein Rezept (entspringt meiner Überzeugung) ist folgendes: Allgemein wichtige Dinge müssen sich auch einfach vermitteln lassen. Daher fordere ich jeden Studiogast (viele Professoren) auf, keine Fachwörter zu benutzen. Ich versuche, mich ebenfalls daran zu halten. Ansonsten macht mir Wissenschaft viel Spaß, und ich versuche genau den ebenfalls mit rüber kommen zu lassen. Ich hoffe das klappt auch so.
Journalismus -2
Joachim Koenen: Nun sind Sie ja nicht nur (Ex-)Astronaut und Autor und Moderator, sondern auch noch bei IBM angestellt (als was eigentlich?) Welche dieser Tätigkeiten macht(e) Ihnen denn am meisten Spaß? Ulrich Walter: Seit etwas mehr als zwei Jahren bin ich in der Entwicklung von IBM tätig. Formal bin ich Programm-Manager. Das sagt Ihnen wahrscheinlich nicht viel. Zur Zeit bin ich als Projektleiter tätig, um ein mobiles Internet-Portal als neues IBM-Produkt zu entwickeln.
Um ehrlich zu sein, es ist die Kombination aus beiden, die den meisten Spaß macht. Bei IBM geht es darum, konkret was herzustellen, was Menschen brauchen. So was mache ich gerne. Im Journalismus und als Autor kann ich meine wissenschaftlichen Kenntnisse ausspielen und mich mit der Öffentlichkeit auseinandersetzen. Vielleicht macht mir das sogar ein klein wenig mehr Spaß.
Gepäck? Marcel Falk: Lieber Herr Walter, wieviel persönliches Gepäck darf ein Astronaut ins All mitnehmen? Muss er es vorher anmelden? Was haben Sie mitgenommen?
Ulrich Walter: Ein Astronaut, also ein westlicher Raumfahrer, darf nur ganz wenige persönliche Dinge auf einen Flug mitnehmen: Ein Brille (soweit nötig), drei Armbanduhren (Warum drei? Eine Uhr für die Houstonzeit, eine für die Bordzeit = MET = Mission Elapsed Time, und eine für GMT = Greenwich Mean Time; alle drei muss man an Bord kennen), 6 CDs (oder auch MCs) und zwei frei wählbare Andenken. Das ist alles! Alles andere – und ich meine wirklich alles, bis zur Unterhose – wird von der NASA gestellt.
Übrigens, man kann noch 18 weitere Andenken mitnehmen, die aber nachweislich später einer Person übergeben werden müssen. So wandern auch Halskettchen und alles mögliche in den Weltraum. Auch ein Eishockeypuck soll angeblich schon einmal auf einer Mission mitgeflogen sein.
Alle Andenken müssen in ein kleines Päckchen mit den Abmessungen 5x13x20 cm passen. Also wirklich nicht groß. Die CDs, die ich mitgenommen habe, und meine Andenken sind auf Seite 15 meines Buches “In 90 Minuten um die Erde” beschrieben – und dazu noch viele andere menschliche Themen rund um einen Shuttleflug.
Allein in der Milchstraße?
Andreas Kahler: Lieber Herr Walter – Halten Sie die Behauptung wir seien alleine in der Milchstraße nicht für einen neuerlichen Anthropozentrismus?
Ulrich Walter: Anthroprozentrik ist eine sehr menschliche Interpretation der Fakten, die ich in meinem Artikel in BdW 5/2000 dargestellt habe. Hinter Anthroprozentrik steht eine Ideologie, nämlich die, wir sollten uns mal nicht so wichtig nehmen.
Ich habe versucht, alle solche Vorstellungen aussen vor zu lassen und mich nur auf die Tatsachen zu konzentrieren. Wäre das genaue Gegenteil dabei heraus gekommen, nämlich dass es viele Zivilisationen dort draussen gäbe, hätte es sicherlich andere gegeben, die es aus religiösen Gründen verdammt hätten. Aus solchen ideologischen Diskussionen möchte ich mich heraushalten.
Ausbildung? Marcel Falk: Lieber Herr Walter, wie lange dauerte Ihre Astronautenausbildung? Ulrich Walter: Die Ausbildung besteht aus zwei unterschiedlichen Teilen: Die Grundausbildung, die jeder Astronaut nur einmal in seinem Leben machen muss, dauert etwa zwei Jahre.
Danach wird man einer Mission zugewiesen. Dafür muss man wieder ausgebildet werden. Die Länge dieses zweiten Teiles ist abhängig von der Mission, die man fliegt. Sie dauert irgendwas zwischen 18 Monaten und 30 Monaten.
Insgesamt musste ich fast 5 Jahre trainieren, bis ich meine D2-Mission fliegen konnte.
T minus 3
Andre Spiegel: Der erste Countdown der Columbia/D2-Mission wurde drei Sekunden vor dem Takeoff abgebrochen; die Haupttriebwerke waren schon gezündet. Dann mussten erst einmal alle drei Haupttriebwerke ausgebaut und überprüft werden, weil man nicht mehr wusste, ob bestimmte Bauteile rechtzeitig erneuert worden waren. STS-55 startete dann erst mit einmonatiger Verspätung.
Wie ging’s Ihnen mit dieser Verzögerung? Was fühlten Sie bei T minus 3? Und später: Waren Sie ärgerlich, ungeduldig, besorgt?
Ulrich Walter: Zunächst staune ich, dass Sie das noch wissen, denn viele haben das bereits wieder vergessen. Dieser Startabbruch im März 1993 war wirklich nicht von Pappe. Es war haarig, weil durch das Zünden der drei Flüssigkeitsantriebe Wasserstoff ausgetreten war, der bei einem Antrieb nicht verbrannte, sondern lediglich verpuffte. Die Lage war im wahrsten Sinne des Wortes explosiv, und der Tank war voll mit 2000 Tonnen Treibstoff.
Wir haben gleich über den Kopfhörer gehört, dass ein Ventil einen Überdruck hatte und daher nicht richtig funktionierte und es so zu einer Fehlzündung gekommen war. Diese Sekunden waren sehr ungemütlich. Ich blickte nach links – dort saß mein Kollege Jerry (ein alter Raumfahrerhase). Ich sah nur, wie der eine Faust ballte und sich damit auf seinen Oberschenkel schlug und “Shit!!!” rief. Ich sah zu Hans (meinem deutschen Kollegen) rüber. Ich sah in seinem Gesicht, dass der auch verdutzt war.
Kurze Zeit später hörten wir aber über den Air-to-Ground, dass die Sprenkelanlage, die Startrampe tief unter Wasser gesetzt hatte und damit die Gefahr einer Explosion gebannt war. Danach erfuhren wir, dass wir auch sonst in einem relativ sicheren Zustand waren und keinen eiligen Notausstieg aus dem Shuttle machen mussten. Wir brauchten also nur noch etwa eine halbe Stunde warten, bis man von aussen die Luke öffnete und man uns wieder heraus holte.
Ich kann nur sagen: Eine sehr beeindruckende Situation war das, die man nie mehr vergisst.
Der erste Blick
Andre Spiegel: Vielen Dank für den Hinweis auf Ihr Buch “In 90 Minuten um die Erde”. Das klingt sehr vielversprechend. Vielleicht dennoch gleich hier noch zwei weitere Fragen zu Ihrer Mission…
Da Sie ja auf dem Middeck nicht nach draußen schauen konnten — erinnern Sie sich noch, was Sie als erstes aus den Fenstern des Shuttle gesehen haben? Welchen Erdteil o.ä.?
Welches war überhaupt während Ihres Raumflugs der schönste Moment? Welches der, an den Sie am meisten denken?
Ulrich Walter: Klar weiss ich das noch: Ich sah auf den riesigen Pazifischen Ozean und sah ihn unter einer wunderschön geformten, dünnen Wolkendecke unter mir durchwälzen.
Der mit Abstand schönste Blick auf die Erde war für mich der Anblick der Karibischen Inseln. Das ist ein wunderschönes Farbenspiel, das sich dort abspielt: braungrüne Inseln, türkisblaues Flachwasser, verziert mit den Mustern von Sandbänken und Korallenriffen, ultramarinblaues Tiefenwasser und über den Inseln wie mit Zuckerguss verziert die für die Tropen typischen Kohlkopfwölkchen.
Der schönste Augenblick meiner Mission war wohl der, als ich morgens gegen 6 Uhr über Houston flog. Ich konnte damals die Strassen dort unten deutlich erkennen und sogar noch den Häuserblock, wo meine Familie wohnte. Ich hatte damals mit meiner Familie per Email verabredet, dass sie zu dem Zeitpunkt dort unten sitzen würden und mich als Lichtpunkt über den Himmel ziehen sehen könnten. Das war ein wunderbares Gefühl zu wissen, die können mich gerade von dort unten sehen, und ich kann fast sehen, wo sich unser Haus befand.
Bahnänderung bei Asteroiden
Bernard Neelen: Die Möglichkeiten zur Bahnänderung eines erdbahnkreuzenden Asteroiden wurden vielleicht schon x-fach ausdiskutiert, es wurde aber meines Wissens noch nicht überlegt, durch eine Veränderung der Raumlage der Rotationsachse des Körpers eine relative Bahnänderung zur ekliptischen Ebene zu erreichen. Könnte so etwas funktionieren, denn die Überwindung der Gierkräfte (Kreiselkräfte) wären sichtlich kleiner als eine komplette Beschleunigung des Körpers.
Und danke für die Beantwortung meiner ersten Frage.
Ulrich Walter: Um so dicke Brocken aus der Bahn zu bringen, helfen nur zwei Dinge: Entweder eine Wasserstoffbombenexplosion direkt neben dem Asteroiden oder das Anbringen eines Antriebes auf dessen Oberflächen, der ihn langsam beiseite schiebt.
Im ersten Fall erzeugt man einen Impuls und keinen Drehimpuls, wie Sie es vorschlagen, wenn ich das richtig verstehe. Im zweiten Fall könnte man je nach Anbringung des Antriebes sowohl einen zusätzlichen Impuls als auch einen Drehimpuls des Asteroiden erzeugen. Wenn der Antrieb genau so drückt, dass er die Drehimpulsachse verschiebt, dann würde das tatsächlich zu einer Änderung seines Winkels zur Ekliptik führen. Dadurch würde der Asteroid ebenfalls an der Erde vorbeischiessen. Das ist richtig. (Mehr zu diesem Thema in BdW 9/98)
Veränderte Einstellung zur Religion?
Birgit Stöcklhuber: Sehr geehrter Herr Dr. Walter, hat sich ihre Einstellung zur Religion beim Anblick des Weltraums oder später verändert?
Ulrich Walter: Was mich betrifft, hat sich an meiner religiösen Einstellung (ich glaube an einen Schöpfer) nichts geändert.
Ihre Frage bezieht sich wohl auf das Gerücht, dass Astronauten nach Ihren Missionen frömmer würden. Dies ist nachweislich nur bei einem Astronauten, James Irwin, so gewesen, der nach seinem Mondflug Prediger wurde. Es gibt noch einen, vielleicht zwei andere Fälle, die aber von sich behaupten, ihre zunehmende Religiösität hätte nichts mit ihren Flügen zu tun (vielleicht mit dem Alter?).
Eine ganz andere Frage, die mir auch oft gestellt wird, ist: Hat der Flug Sie verändert? Das ist aber ein ganz anderes Thema.
ENDE des CHATS – Walter Rüdiger Vaas: Liebe bdw-Forum-Teilnehmer, der Chat mit Herrn Dr. Ulrich Walter ist nun zu Ende. Besten Dank für die vielen interessanten Fragen.
Ulrich Walter: Mir hat dieser Chat viel Spaß gemacht, ich hoffe Euch genauso. Für wichtige Fragen bleibe ich unter ask.astronaut@web.de erreichbar. Aber bitte nicht enttäuscht sein, wenn ich nicht auf jede Anfrage eine ausführliche Antwort geben kann. Bei den wirklich guten Fragen werde ich mir aber viel Mühe geben – versprochen! Vielleicht treffen wir uns also auf einen vielleicht kleinen Chat unter vier Augen.





