Wo ist der Kopf?
“Vor unserer Studie war sogar unklar, welches Ende dieses Tieres vorne ist und welches hinten”, erklärt Smith. An einem Ende einiger Hallucigenia-Relikte fand man zwar eine ballonartige Erweiterung, die man zunächst für ihren Kopf hielt. Aber Näheres war nicht zu erkennen – bis jetzt. Denn Smith und seine Kollegen haben nun 165 Fossilien dieses Urzeitwesens systematisch mit Hilfe der Elektronenmikroskopie untersucht. Dabei gelang es ihnen erstmals, den Kopf von Hallucigenia sichtbar zu machen und zu rekonstruieren. Das Ergebnis war überraschend, denn der zuvor für den Kopf gehaltene “Ballon” entpuppte sich als etwas völlig anderes: “Er gehört gar nicht zum Körper, sondern besteht aus Flüssigkeit, die aus dem Darm von Hallucigenia austrat, als der Kadaver des Tieres im Untergrund gequetscht wurde”, so Smith. Der Ballon markiert damit das Hinterende des Tieres.
Am anderen Ende der Hallucigenia-Fossilien aber wurden die Forscher dafür umso mehr fündig: Das Urzeittier besaß nicht nur zwei Augen, es trug auch einen ganzen Ring aus Zähnen um seine Mundöffnung. “Als wir die Fossilien in das Elektronenmikroskop legten, hofften wir, wenigsten die Augen zu finden”, sagt Koautor Jean-Bernard Caron vom Royal Ontario Museum. “Wir waren erstaunt, als uns seine Zähne anlächelten.” Und nicht nur das: In seinem Rachen trug Hallucigenia weitere Reihen von nadelspitzen Zähnchen. Während der Zahnkranz dem Tier wahrscheinlich dabei half, sein Futter einzusaugen, sorgten die Zähnchen im Rachen wie kleine Widerhaken dafür, dass es nicht wieder hinausrutschte. Die Rekonstruktion dieser Merkmale liefert nun erstmals einen Eindruck davon, wie Hallucigenia vor 500 Millionen Jahren aussah und trägt dazu bei, die stammesgeschichtlichen Wurzeln der heutigen Gliederfüßer genauer zu beleuchten.
“Diese Ergebnisse zeigen, dass die fernen Vorfahren aller Häutungstiere anatomisch viel weiter entwickelt waren als wir uns das je hätten vorstellen können”, sagt Caron. “Hallucigenia sagt uns, dass Arthropoden und Stummelfüßer ursprünglich Zahnkränze um den Mund und Zahnreihen im Rachen besaßen – sie haben diese später nur wieder verloren oder stark reduziert.”





