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Besuch aus dem All
Ist die Erde im Visier einer fortgeschrittenen außerirdischen Technologie? Diese Frage klingt nach abgedroschener Science-Fiction, beschäftigt Wissenschaft und Politik inzwischen aber gleichermaßen. Dass die Menschheit die einzige Zivilisation in der Milchstraße oder gar im Universum ist, mutet angesichts der…
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von RÜDIGER VAAS
Ist die Erde im Visier einer fortgeschrittenen außerirdischen Technologie? Diese Frage klingt nach abgedroschener Science-Fiction, beschäftigt Wissenschaft und Politik inzwischen aber gleichermaßen. Dass die Menschheit die einzige Zivilisation in der Milchstraße oder gar im Universum ist, mutet angesichts der Milliarden Planeten, die es allein in unserer Galaxie gibt, auch wenig plausibel an, sogar anthropozentrisch.
Doch es ist ein Unterschied, ob Intelligenzen über gigantische Schluchten in Raum und Zeit voneinander getrennt sind, über Tausende von Lichtjahren und vielleicht Millionen von Jahren – oder ob sie in direkten Kontakt miteinander kommen. Dann hätten die Fremden die gewaltigen interstellaren Distanzen überwunden. Oder ihre Maschinen: Weltraumroboter oder intelligente künstliche Geschöpfe? Das ist im Rahmen der bekannten Physik durchaus möglich. Selbst eine Kolonisation der Milchstraße durch sich selbst reproduzierende Raumsonden würde allenfalls einige 10 oder 100 Millionen Jahre benötigen – eine kurze Zeitspanne verglichen mit dem Alter der Galaxis: rund 12 Milliarden Jahre.
UFOs galten lange als Spinnerei, sind jetzt aber ein Thema für die NASA sowie für politische und militärische Institutionen der USA.
Unidentifizierte Anomale Phänomene (UAP) werden nun genauer untersucht; auch in Deutschland beginnt ein Umdenken.
Das alles sind freilich nur Gedankenspiele. Trotzdem finden sie inzwischen Beachtung weit über einen rein akademischen Kontext hinaus – und das ausgerechnet durch die weithin als unwissenschaftlich geltende UFO-Problematik. Dabei sind Unidentifizierte Fliegende Objekte zunächst einmal nur das: nicht identifiziert.
Das ändert sich auch nicht dadurch, dass der Begriff inzwischen erweitert wurde, um nicht nur Erscheinungen in der Luft zu bezeichnen, sondern auch im Weltraum und unter Wasser. Deshalb hat sich neben oder auch statt UFO die Abkürzung UAP etabliert, was zunächst Unidentified Aerial Phenomena meinte und mittlerweile ganz allgemein Unidentified Anomalous Phenomena bedeutet.
Geheimprojekt im Pentagon
In den letzten Jahren gab es in den USA eine seltsame Entwicklung: UFOs wurden ein Thema in seriösen Medien wie auch zum Diskussionsgegenstand politischer und wissenschaftlicher Gremien. Das begann am 16. Dezember 2017, als die New York Times über ein geheimes Regierungsprogramm zur Erforschung solcher Unidentifizierten Anomalen Phänomene berichtete. Es sei vom Pentagon zwischen 2007 und 2012 mit einem Budget von 22 Millionen Dollar ausgestattet worden. Die genauen Hintergründe dieses Advanced Aerospace Threat Identification Program sind nach wie vor ungeklärt. Doch „UFOs exist and everyone needs to adjust to that fact“, so der Titel eines Artikels in der Washington Post vom 28. Mai 2019. Darin heißt es, „dass offizielle Staatsorgane die Existenz von UFOs anerkennen, auch wenn sie den Begriff nicht wörtlich verwenden. Sie tun dies, weil genügend Piloten UFOs und Beinahe-Kollisionen melden.“ Für eine bessere Auswertung sollten Berichte über UFOs nicht mehr als Hirngespinste abgewertet werden.
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Dass das Thema tatsächlich ernst genommen wird, zeigte ein Interview mit dem früheren US-Präsident Barak Obama im Mai 2021. In einer Late Night Show im US-Fernsehen sagte er, es gäbe Aufzeichnungen von Objekten am Himmel, „von denen wir nicht wissen, was sie sind“. Das bestätigte dann ein Report der UAP Task Force, der am 25. Juni 2021 vom Office of the Director of National Intelligence veröffentlicht wurde. Die Arbeitsgruppe hatte die US-Regierung beziehungsweise das Pentagon gegründet, um Informationen zu sammeln und zu analysieren. „Soziokulturelle Stigmata und Sensor-Begrenzungen sind nach wie vor Hindernisse für die Erhebung von Daten über UAP“, heißt es in dem inoffiziell Pentagon-UFO-Report genannten Dokument. Mehr noch: „UAP stellen eindeutig ein Problem für die Flugsicherheit dar und könnten eine Herausforderung für die nationale Sicherheit der USA sein.“
Zwischen November 2004 und März 2021 hatte man insgesamt 143 unerklärliche UAP-Meldungen registriert. In 80 davon waren die Flugobjekte gleichzeitig mit unterschiedlichen Sensoren detektiert worden, beispielsweise mit Radar und Infrarotkameras. Bei 18 Fällen ist von ungewöhnlichen Bewegungsmustern oder Flugeigenschaften die Rede, was eine hochentwickelte Technik vorauszusetzen scheint. Elfmal sei es beinahe zu einem Zusammenstoß mit dem UAP gekommen. Details stehen nicht im Bericht, aber schon vorher wurden einige Videos der US Navy über die ungeklärten Sichtungen der Piloten veröffentlicht.
Ende 2021 unterzeichnete Präsident Joe Biden den National Defense Authorization Act, die Gesetzesgrundlage für den US-Verteidigungshaushalt 2022. Das Gesetz sah die Einrichtung einer Nachfolge-Institution der UAP Task Force vor. Diese Airborne Object Identification and Management Synchronization Group, inzwischen All-domain Anomaly Resolution Office (AARO) genannt, soll Berichte über UAP-Sichtungen sammeln, auswerten und die Politik und Öffentlichkeit darüber informieren.
„Die Einrichtung der UAP-Taskforce beziehungsweise AARO markiert einen bemerkenswerten Wendepunkt in dem offiziellen Umgang der USA mit dem UFO-Thema. Mehr als ein halbes Jahrhundert nach Project Blue Book, der bislang größten Untersuchung von UFOs zwischen 1952 und 1970, gibt es heute in den USA wieder offizielle staatliche UFO-Forschung“, ordnet Andreas Anton die überraschende Entwicklung ein. Er untersucht am Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene in Freiburg seit vielen Jahren UFOs, Verschwörungsglauben und den Umgang mit außergewöhnlichen Erfahrungen aus einer soziologischen Perspektive.
UFOs im US-Kongress
UAP und die nationale Sicherheit waren auch das Thema einer Anhörung vor dem US-Kongress am 17. Mai 2022. Den Fragen der Abgeordneten stellten sich Ronald S. Moultrie, Staatssekretär für Verteidigung, Aufklärung und Sicherheit, sowie Scott W. Bray, stellvertretender Direktor des Navy-Geheimdienstes. Sie berichteten, dass mittlerweile rund 400 UAP-Fälle vorlägen.
Der Ende 2022 verabschiedete Verteidigungshaushalt für 2023 enthielt eine UAP-Gesetzgebung – mitsamt eines strukturierten Meldeverfahrens, Schutzbestimmungen für Whistleblower sowie Angaben zu Materialbeschaffung und -analyse. Im August 2023 hat AARO eine neue Website dafür freigeschaltet, über die Regierungs- und Militärangehörige nun Sichtungen melden können. Die Seite soll auch dazu dienen, die Öffentlichkeit über UAP-Ergebnisse zu informieren und selbst Beobachtungen mitzuteilen.
„Bisher haben wir keine glaubwürdigen Beweise gefunden für außerirdische Aktivitäten, außerirdische Technologie oder Objekte, die den bekannten Gesetzen der Physik widersprechen“, berichtete AARO-Direktor Sean Kirkpatrick bereits im April 2023 einem Ausschuss des Senats. Auf der AARO-Website heißt
es weiter: „Es gibt keine singuläre Erklärung für die Mehrheit der UAP-Berichte. Wir sammeln so viele Daten wie es geht, folgen den Daten, wohin sie führen, und veröffentlichen unsere Ergebnisse, wann immer möglich. Wir werden bei unserer Analyse keine voreiligen Schlüsse ziehen.“
Im Mai 2022 hatte sich zudem die NASA in die Untersuchungen eingeschaltet. Die Weltraumbehörde richtete ein 16-köpfiges, unabhängiges Studienteam unter Leitung des renommierten Kosmologen David Spergel ein. Es untersuchte lediglich öffentliche Quellen. Der Abschlussbericht wurde am 14. September 2023 publiziert. Er konstatierte, dass Schlussfolgerungen aufgrund des Fehlens reproduzierbarer Daten schwierig seien, empfahl, weiterhin einen „strengen, evidenzbasierten Ansatz“ zu verfolgen sowie bei der Datenerfassung Künstliche Intelligenz und Augenzeugenberichte einzubeziehen. Die NASA sei „gut positioniert“, um UAP-Untersuchungen zu leiten.
„Das unabhängige NASA-Studienteam hat keine Beweise dafür gefunden, dass UAP einen außerirdischen Ursprung haben, aber wir wissen nicht, was diese UAP sind“, fasste NASA-Administrator Bill Nelson anschließend den Bericht zusammen. „Die wichtigste Erkenntnis aus der Studie ist, dass es noch viel zu lernen gibt.“ Er kündigte auch die Ernennung eines NASA-Direktors für die UAP-Forschung an. Diese Position übernahm der Meteorologe und Klimawissenschaftler Mark A. McInerney.
„Nichtmenschliche Technologie“
Dass UFOs zum offiziellen Thema von Politik, Gesetzgebung und sogar der NASA avancierten, ist schon bemerkenswert. Richtig sonderbar wurde es, als sich im Juni 2023 der ehemalige Luftwaffenoffizier und Geheimdienstmitarbeiter David Charles Grusch, der auch Mitglied der UAP Task Force war, an die Öffentlichkeit wandte. Er behauptete, dass die US-Regierung seit Jahrzehnten ein streng geheimes UFO-Forschungsprogramm betreibe und im Besitz von „nichtmenschlichen“ Artefakten sei. Er sprach sogar von „dead pilots“.
Am 26. Juli wiederholte er seine Aussagen vor einem Kongress-Untersuchungsausschuss unter Eid. Eine Lüge wäre also strafbar. Angehörige geheimer Rüstungsprogramme seien mit der brisanten Information an ihn herangetreten, dass das US-Militär teils „intakte, nichtmenschliche Technologie“ geborgen habe. Grusch habe nichts davon selbst gesehen. Er übergab seine angeblichen Beweise den Generalinspekteuren der Nationalen Geheimdienste und des Pentagons sowie dem Kongress. Öffentlich zugängliche Belege für seine Behauptungen gibt es bislang nicht. Allerdings stützten mehrere Geheimdienstmitarbeiter, Militärs und Politiker seine Aussagen.
„Gruschs Behauptungen haben der UAP-Debatte eine zusätzliche Dimension verliehen: Ging es vorher vor allem darum, dass es in den USA immer wieder Sichtungen von eigentümlichen Flugobjekten gibt, die sich bislang nicht konventionell erklären lassen, wird nun auch diskutiert, ob es tatsächlich sein könnte, dass die USA – und andere Regierungen – bereits seit Jahrzehnten im Besitz von Trümmerteilen oder gar intakten Fluggeräten nichtmenschlicher Herkunft sind“, kommentiert Andreas Anton.
Anton reagierte wie die allermeisten Wissenschaftler, die sich zu den ominösen Vorgängen äußerten, mit großer Skepsis. Der Tenor war stets, dass außerordentliche Behauptungen auch außerordentliche Belege erfordern, die aber nicht vorliegen.
Greg Eghigian, Historiker an der Pennsylvania State University sowie Experte für die Geschichte der UFOs und ihre öffentliche Faszination, weist darauf hin, dass Grusch in das mediale Muster seit den 1940er-Jahren passt: große Behauptungen und ein Verschwörungsverdacht sollen Aufmerksamkeit erheischen, Bestätigungen dafür werden jedoch nicht geliefert. Michael Shermer, Herausgeber der Zeitschrift Skeptic, findet es erstaunlich, dass Grusch überhaupt so weit gekommen sei, ohne echte Beweise vorzulegen. „Es ist alles nur Hörensagen. Jemand behauptet, dass er jemanden kennt, der jemand anderes kennt, der von jemandem gehört hat, dass die Regierung außerirdische Raumschiffe besitzt“, stimmt Adam Frank zu. Der Astrophysiker an der Rochester University, New York, fordert: „Ich will das Raumschiff sehen!“ Für Gruschs Glaubwürdigkeit spricht auch nicht, dass er mehrfach in psychiatrischer Behandlung war, und dass er in einem Interview meinte, die UAP stünden mit fremden Dimensionen in Verbindung. „Das lässt die Alarmglocken schrillen“, warnt der Physiker Sean M. Carroll von der Johns Hopkins University in Baltimore, Maryland. „Es wirkt komplett verrückt.“
„Viele denken, dass es nur zwei Möglichkeiten gibt: Entweder sagt Grusch die Wahrheit, oder wir haben es mit einer groß angelegten Desinformationskampagne zu tun. Letzteres lässt sich angesichts tatsächlicher Desinformationskampagnen zum UFO-Thema in den USA nicht ausschließen. Allerdings deuten die Hintergründe der Geschehnisse seit 2017 meines Erachtens in eine andere Richtung“, schätzt Andreas Anton die Situation ein. „Grusch bewegt sich in einem Umfeld von Personen, deren gemeinsames Ziel darin besteht, dem UFO-Thema zu mehr Anerkennung zu verhelfen. Dieses relativ kleine Netzwerk hat eine große öffentliche Wirkung erzielt. Nach meiner Analyse haben Kontakte zu dieser UFO-Lobby sowie weitere Gespräche Grusch davon überzeugt, dass es eine große UFO-Verschwörung gibt. Ich vermute, dass es sich dabei um eine bunte Mischung handelt: fehlinterpretierte Informationen und bewusste Desinformation, Lügen, Wichtigtuerei, Naivität, monetäre Interessen – und vielleicht auch das berühmte Körnchen Wahrheit.“
Illusionen und Chinas Drohnen
Bei Gruschs Kongress-Anhörung berichteten außerdem zwei ehemalige Kampfpiloten der US Navy, David Fravor und Ryan Graves, über UAP-Begegnungen: Diese seien keine Seltenheit. Und manche der unbekannten Objekte hätten enorm beschleunigt, abrupt die Richtung gewechselt oder selbst bei gewaltigen Windstärken auf der Stelle verharrt.
Zwar wird die Öffentlichkeit weiterhin im Unklaren gelassen, doch der Druck auf die US-Politik hat zugenommen. Der National Defense Authorization Act für das Jahr 2024, das Gesetz zur Finanzierung des US-Militärs und der damit verbundener Aktivitäten, sollte sogar die Offenlegung der UAP-Dokumente nach spätestens 25 Jahren vorsehen. Doch die Freigabe ohne Überprüfung wurde aus dem im Dezember 2023 verabschiedeten Entwurf gestrichen. Nur gesammelt werden müssen die UAP-Dokumente.
Inzwischen wurden laut US-Verteidigungsministerium einige der UAP identifiziert. Manche stellten sich als Wetterballons oder „relativ gewöhnliche“ chinesische Überwachungsdrohnen heraus, heißt es. Denn China habe Pläne für neue US-Kampfflugzeuge gestohlen und sei an der Ausbildung und dem Verhalten der Piloten interessiert. Andere UAP-Sichtungen waren wohl das Ergebnis optischer Täuschungen. Dazu gehört auch eines der Navy-Videos, in dem sich ein Objekt blitzschnell über das Wasser zu bewegen schien. Tatsächlich war es langsamer als 50 Kilometer pro Stunde, wenn man den Aufnahmewinkel berücksichtigt.
„In vielen Fällen werden beobachtete Phänomene einfach als unidentifiziert eingestuft, weil die Sensoren nicht genügend Informationen sammeln konnten, um eine eindeutige Zuordnung vorzunehmen“, kommentierte Sue Gough, eine Sprecherin des Verteidigungsministeriums. „Wir arbeiten daran, diese Defizite künftig zu verringern und mehr Daten für unsere Analysen zu gewinnen.“
Reif für die Wissenschaft
Inspiriert von den UAP-Sichtungen sowie der Entdeckung interstellarer Objekte wie Kometen und Meteoriten, hat der renommierte Astrophysiker Avi Loeb an der Harvard University in Cambridge, Massachusetts, im Juli 2021 das Galileo Project gestartet. Es wird überwiegend durch private Zuwendungen finanziert; die NASA verweigerte eine Beteiligung. Ziel ist eine vorurteilslose, agnostische Suche beziehungsweise Datenanalyse sowohl von ungewöhnlichen Objekten im Sonnensystem als auch in Erdnähe beziehungsweise im Luftraum. Loebs Überzeugung: „Leute beim Militär oder in der Politik sind nicht wissenschaftlich ausgebildet und sollten nicht interpretieren, was am Himmel zu sehen ist.“
Inzwischen haben sich rund 100 Wissenschaftler aus zahlreichen Ländern dem Galileo Project angeschlossen. Erste Teleskope beobachten bereits den Himmel. Künstliche Intelligenz in Form von speziell trainierten Algorithmen hilft bei der Datenauswertung, um beispielsweise Vögel, Ballons, Drohnen, Flugzeuge und Satelliten von unbekannten Phänomenen zu unterscheiden. Auch Radaranlagen wären wünschenswert. Hinzu kommt astronomische Grundlagenforschung.
Assoziiert ist das internationale VASCO-Projekt (Vanishing & Appearing Sources during a Century of Observations) um Beatriz Villarroel von der Universität Stockholm. Es vergleicht alte fotografische Himmelsdurchmusterungen mit neuen Aufnahmen, sucht dabei nach ungewöhnlichen Veränderungen und inspiziert die verdächtigen Himmelsregionen mit großen Teleskopen. Nicht nur interstellare und extragalaktische Distanzen sind im Fokus. Im Prinzip könnten sogar uralte Raumsonden aufgespürt werden, falls sie die Erde umkreisen. Denn vielleicht haben Fotos aus den Jahrzehnten vor der Raumfahrtära Sonnenlichtreflexionen solcher Späher erhascht. Es gibt sogar schon ein paar Kandidaten (bdw 2/2022, „Die Suche nach dem Unmöglichen“). Doch selbst wenn sie künstlichen Ursprungs wären: Ihre Bahnen lassen sich nicht mehr rekonstruieren. Und aktuelle Nachweise sind aufgrund der vielen Satelliten und Trümmerstücke in Erdorbits kaum mehr möglich.
Auch in Deutschland sind UFOs nun quasi im akademischen Kontext gelandet. Sie zählen zum Themenspektrum des 2015 gegründeten interdisziplinären Forschungsnetzwerks Extraterrestrische Intelligenz. Und seit Februar 2022 gehören sie auch zum Gegenstandsbereich des Interdisziplinären Forschungszentrums für Extraterrestrik (IFEX) an der Universität Würzburg – neben Satellitenentwicklung und astronomischen Studien.
„Das Thema UAP/UFO ist nach wie vor eine Gratwanderung, zumindest in Deutschland. Dass es wissenschaftlich und interdisziplinär bearbeitet werden muss, erfordert noch viel Überzeugungsarbeit“, sagt Hakan Kayal. Der Professor für Raumfahrttechnik ist Vorsitzender des IFEX, das er 2016 gegründet hat. „Doch es findet derzeit ein Umdenken statt: Die bloße Existenz von UFOs wird kaum noch in Zweifel gezogen und nicht, wie bisher oft, als Spinnerei abgetan.“
An der Universität entwickeln er und sein Team Kameras, die nach Anomalien am Himmel Ausschau halten. Eine Testplattform arbeitet seit 2021 in Würzburg, ein weiteres System wird dieses Jahr in Norwegen aufgebaut. Künstliche Intelligenz übernimmt den Großteil der Datenauswertung. „Der Konsens wächst, dass UAP untersucht werden sollten. Notwendig dafür ist die Entwicklung, der Ausbau und Betrieb von neuartigen technischen Systemen zur objektiven Datengewinnung“, argumentiert Kayal. „Ohne harte Fakten werden wir nicht vorankommen.“
Nicht identifiziert ist nicht außerirdisch
Selbstverständlich bedeuten UFOs nicht, dass es sich zwingend um extraterrestrische Drohnen handelt – oder gar um galaktische Touristen, die sich über unser sonderbares Leben amüsieren. (Nicht einmal Grusch hatte das Adjektiv „außerirdisch“ verwendet.) Das U für „unidentifiziert“ besagt ja, dass wir definitionsgemäß nicht wissen, was sich hinter den Phänomenen verbirgt. Die Spekulationen sind uferlos. Und wer kann sagen, welche Technik von anderen Ländern oder von Institutionen in den USA selbst gerade getestet wird?
Selbst wenn ein Großteil der Sichtungen ganz profane Erklärungen gefunden hat beziehungsweise findet, bleiben freilich einige Phänomene übrig, wie es beispielsweise der Pentagon-Bericht dokumentiert hat. Falls sich dieser rätselhafte Rest nicht auf Täuschung, Selbsttäuschung, Messfehler, Störungen oder schlicht auf nicht identifizierte, aber bekannte Erscheinungen zurückführen ließe, bedeutet das nicht, dass die Objekte den geläufigen Naturgesetzen widersprechen.
Physiker können sich durchaus Erklärungen für das seltsame Verhalten vorstellen. So hat Jenny Wagner vom Bahamas Advanced Study Institute and Conferences über den Bau von Geräten mit den mutmaßlichen UFO-Flugeigenschaften auf Halbleitertechnologie-Basis nachgedacht. „Man könnte die Außenhülle elektrisch aufladen und gezielt verändern, um es so im elektrischen Feld der Erde zu steuern. Halbleiter wie Siliziumcarbid, die ihre Ladung schnell anpassen können, werden bereits in der Raumfahrt wegen ihrer guten Wärmeleitung verwendet, etwa bei den Hitzeschilden der Space Shuttles.“
Die grobe Abschätzung der Physikerin zeigte, dass das elektrische Feld der Erde zusammen mit lokalen Ladungsunterschieden ausreichen könnte, um Drohnenballons zu steuern. In Gewitterwolken entstehen solche Ladungsunterschiede beispielsweise. „Vielleicht werden sie auch zwischen Flugobjekten erzeugt, was erklären würde, warum häufig mehrere davon beobachtet wurden. Oder Unterschiede zwischen Land, Wasser und Luft spielen eine Rolle“, spekuliert sie. „Die Beschleunigung solcher Objekte auf Über- oder Hyperschallgeschwindigkeiten müsste in Strömungsmodellierungen getestet werden. Eine hohe Ladung auf der Außenhülle des UFOs könnten zu einer Ionisierung der umliegenden Luft führen, sodass die Hitzeentwicklung reduziert und die Bewegung erleichtert wird.“ Jenny Wagner schmunzelt: „Vielleicht hat jemand bereits Drohnen mit solchen Ionen-Antrieben entwickelt – und macht sich jetzt einen Spaß daraus, erfahrene Militärpiloten mit diesen UFOs zu foppen.“
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