„Ich mag die besonderen Buchstaben. Die anderen finde ich doof.” Unsere Tochter Maria ist berühmt für solche Sätze – hart, präzise, akzentuiert. Der Ton, in dem sie die Sequenzen ausspricht, lässt keinen Widerspruch zu, in der Regel nicht einmal eine Nachfrage. Jedenfalls, wenn man keinen Wutausbruch riskieren will.
Ich gestehe, dass ich ihren Satz nicht verstand. Den anderen ging es ähnlich. Aber die Familie blieb ruhig beim Mittagessen sitzen und tat, als ob nichts gewesen wäre. Als ich mir noch einmal Spaghetti nahm, murmelte ich so leise, dass Maria es, wenn sie nicht wollte, nicht zu hören brauchte: „Besondere Buchstaben?”
„So was wie p.” Immerhin antwortete sie.
„Meinst du die harten Buchstaben”, wagte ich zu fragen, „p, t, k?” „Papa!”, rief sie empört. Jeder duckte sich. „Wenn du keine Ahnung hast, dann frag doch nicht.” Das war unlogisch, und das merkte auch ihr Bruder Christoph: „Wie soll er es sonst rauskriegen?”
Maria holte Luft. Ich merkte, wie sie sich zusammennahm und wusste um den Ernst der Lage, dass ich jetzt nichts sagen, ja sie kaum anschauen durfte: „Die Buchstaben, die es wie Sand am Meer gibt, finde ich blöd. Und Buchstaben wie x und y und q gibt es ja praktisch nicht. Aber so was wie p oder v oder j oder k – das ist was Besonderes. Man denkt, das sind normale Buchstaben, aber in Wirklichkeit gibt es die fast auch nicht.” Jetzt dämmerte mir, was sie meinen könnte. Sie fuhr fort: „Wir sollten heute in der Schule auf einer Seite diese Buchstaben einkringeln. Das p blau, das v rot, das j gelb und das k grün – auf der ganzen Seite war fast kein Buchstabe eingekringelt.”
Das war eine richtig gute Erklärung. Christoph wollte es aber noch genauer wissen und fragte: „Welches sind denn die langweiligen Buchstaben?” „Na ja, die, die dauernd vorkommen, vor allem e und n.” Damit war das Mittagessen beendet, denn die Kinder holten sich eine Zeitungsseite und kringelten darauf die „ e”s und „n”s ein. In der Zwischenzeit konnte ich Eindruck bei meiner Frau schinden: „Der Buchstabe e hat eine Häufigkeit von fast 20 Prozent, und n kommt mit 10 Prozent vor.”
Irgendwann waren sie fertig, und wir bewunderten sie: „ Unglaublich, die ganze Zeitungsseite ist voller Kringel!”, sagte meine Frau. Ich wollte die beiden herausfordern und stellte die Frage: „Könnte man das auch ohne e machen?”„Häh?”
Bevor meine Frau einen richtigen Sprachgebrauch anmahnen konnte, schlug ich vor: „Zum Beispiel ein Wort ohne e.” Beide riefen: „Unsere Namen Christoph und Maria.” Auf die Frage, ob es auch ganze Sätze gäbe, legte Maria los: „Maria aß Ananas”, und Christoph setzte fort: „am Amazonas”.
„Nee, warte mal”, Maria hatte Feuer gefangen. „Barbara aß oft Ananas mit Milch und Honig am Amazonas und trank dazu Saft!”
Sie waren stolz auf ihre Leistung. Aber meine Frau auch. Sie war nämlich aufgestanden und kam jetzt wieder zu uns. „Ich wusste, dass wir ein Buch haben, das ganz ohne e auskommt.”
„Ein ganzes Buch!” Die Kinder waren hingerissen. „Aber ein merkwürdiges Buch”, meinte meine Frau, „man kann die Geschichte kaum verstehen.”
„Schon der Titel ist merkwürdig”, sagte Christoph und las: „ Anton Voyls Fortgang.” Maria behielt – wie meist – das letzte Wort: „Jedenfalls ein Buch nur mit besonderen Wörtern!”
Auflösung des Rätsels aus dem letzten Heft „Ein Tusch zur 50. Kolume”: Die Überschriften beginnen mit A, dem 1.; B, dem 2.; D, dem 4.; H, dem 8. und P, dem 16. Buchstaben des Alphabets. Mathematisch elegant ausgedrückt:
20, 21, 22, 23, 24.





