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Die Kakaopflanze – aus dem Schatten des Urwalds
Erde & Umwelt

Die Kakaopflanze – aus dem Schatten des Urwalds

Eine Tafel Milchschokolade enthält etwa 30 bis 50 Kakaobohnen. Also den Inhalt einer Kakaofrucht. Pro Jahr wirft ein Kakaobaum etwa 60 bis 70 Früchte ab. · Foto: NARONG / stock.adobe.com

Kakao ist ein wichtiges und gleichzeitig eines der faszinierendsten Agrarprodukte weltweit. Das braune Gold wirft in der Forschung noch viele Fragen auf, deren Klärung auch mit Blick auf den Klimawandel immer wichtiger wird.
Autor
Redaktion
26. März 2026
Lesezeit
9 Minuten
Rubrik
Erde & Umwelt
Kakao ist ein wichtiges und gleichzeitig eines der faszinierendsten Agrarprodukte weltweit. Das braune Gold wirft in der Forschung noch viele Fragen auf, deren Klärung auch mit Blick auf den Klimawandel immer wichtiger wird.

Text: Kurt de Swaaf

Die Ersten tauchten dieses Mal schon Mitte Februar auf. Wie jedes Jahr, standen plötzlich Bataillone von Osterhasen in den Supermarktregalen, daneben tütenweise metallisch-bunte Eier und anderer Naschkram – Frühlingsvorboten der industriellen Sorte. Den meisten dieser Süßwaren gemein ist ihre Hauptzutat: Schokolade. Ohne sie wären Feiertage in unserem westlichen Kulturkreis kaum noch denkbar. Die braune Vermählung aus Zucker, Fetten und Kakao verzaubert Jung und Alt; statistisch gesehen verzehrt jeder Bundesbürger jährlich knapp zehn Kilogramm davon. Schokolade ist somit Alltag und Luxus zugleich. Beim Anblick edler Pralinen in den Vitrinen einer Chocolaterie deutet allerdings nichts mehr auf die eigentliche Herkunft der begehrten Süßigkeit hin. Und die ist so gar nicht nobel.

Kinder des Dschungels

„Ursprünglich kommt der Kakaobaum aus dem Unterwuchs des Regenwaldes“, erklärt die Agrarökologin Wiebke Niether von der Universität Gießen. Die Pflanzen mit botanischem Namen Theobroma cacao sind also echte Dschungelkinder, Geschöpfe der tropischen Wildnis – was sich zum Teil auch bei den heutigen kultivierten Sorten noch zeigt. Ihr angestammter Lebensraum ist feucht und warm zugleich, aber geprägt von Lichtmangel, wie Niether betont. Kakao sei bestens daran angepasst. Mit einer maximalen Wuchshöhe von 20 Metern können die Bäume zwar nicht in die obersten Waldetagen hineinreichen, ihre Blätter indes dürften über eine verbesserte Fotosyntheseleistung zur optimalen Nutzung des wenigen Lichts verfügen. Sie weisen höhere Chlorophyll-Konzentrationen und weitere Anpassungen auf, berichtet Niether.

Um die ökologischen Rahmenbedingungen solcher Entwicklungen besser skizzieren zu können, ist ein kurzer Szenenwechsel nach Costa Rica hilfreich. In der Provinz Puntarenas nahe der Pazifikküste liegt der Nationalpark Piedras Blancas. Das Schutzgebiet ist umgeben von landwirtschaftlichen Nutzflächen. Ölpalmforste und Viehweiden wechseln einander ab, direkt an der Parkgrenze liegt außerdem eine verlassene Kakaoplantage. Auf den ersten Blick unterscheidet sich das Areal kaum von einem natürlichen Wald. Die verbliebenen Kakaobäume wachsen lang gestreckt nach oben, dem wenigen Licht entgegen; an den Stämmen hängen hier und da ein paar gelbe Früchte. Im Dickicht dieser grün-dämmrigen Brutkammer scheint die Luft vor lauter Hitze und Feuchtigkeit fast flüssig zu sein. Später, nach Sonnenuntergang, ertönt das Konzert Hunderter Frösche. Eine beeindruckende Ode an das Leben.

Begehrt bei Mensch und Tier

Kakao wird heute in Tropenregionen rund um den Globus angebaut; seine alte Heimat aber ist wahrscheinlich das nordwestliche Einzugsgebiet des Amazonas. Fachleute glaubten allerdings lange, Theobroma cacao stamme von der mittelamerikanischen Halbinsel Yucatan oder aus angrenzenden Gefilden. Das lag wohl an der frühen Nutzung von Kakaobohnen durch die menschliche Bevölkerung dort. Sie galten den Mayas zusammen mit Mais als Symbol für Fruchtbarkeit. Seinen kulinarischen Wert indes verdankte – und verdankt – Kakao zu einem guten Teil dem Theobromin, einem Alkaloid, dessen molekulare Struktur fast der von Koffein gleicht. Wie Letzteres hat Theobromin ebenfalls eine anregende Wirkung. Interessanterweise dienen solche Alkaloide eigentlich zur Verteidigung, denn die bitteren Stoffe sind für viele Tiere giftig. Im Falle des Kakaos sollen so die Samen, die übrigens auch Koffein enthalten, vor hungrigen Mäulern geschützt werden. Die Evolution hat die Bohnen mit chemischen Kampfmitteln ausgestattet.

Für die Verbreitung jedoch ist Theobroma cacao sehr wohl auf tierische Hilfe angewiesen (siehe natur 2/2026, S. 36–41). Die bis zu 30 Zentimeter langen, entfernt zitronenähnlichen Früchte bilden deshalb in ihrem Inneren eine süßliche Pulpe aus; darin eingebettet liegen die Samen, 20 bis 50 an der Zahl. Vierbeinige Waldbewohner, allen voran Affen, wissen das zuckerhaltige Fruchtfleisch durchaus zu schätzen. Sie weiden die Kapseln aus, lutschen das leckere Mark von den Bohnen und lassen diese dann einfach auf den Waldboden fallen – idealerweise in einiger Entfernung vom Mutterbaum. Wiebke Niether hat bei ihrer Arbeit auf Kakaoplantagen beobachtet, wie auch Nasenbären geklaute Früchte wegtrugen und sie zu ihren Jungen im benachbarten Walddickicht brachten. „Eichhörnchen dagegen beißen die reifen Früchte kurz vor der Ernte an“, berichtet die Forscherin. Die Nager holen sich einen Teil der Pulpe, der Rest beginnt zu verrotten. Nicht gut für die Kakaobauern.

Zwischen Sintflut und Dürre

Solche Verluste durch hungrige Säuger fallen im Vergleich zu anderen Beeinträchtigungen allerdings kaum ins Gewicht. Viel schädlicher sind verschiedene Pflanzenkrankheiten und die zunehmend spürbaren Folgen des globalen Klimawandels. Ihretwegen steckt der Kakao-Anbau seit ein paar Jahren in einer Krise. Die größten Mengen werden heutzutage in Westafrika produziert; die Elfenbeinküste allein trägt gut 40 Prozent zum weltweiten Gesamtertrag bei, Ghana ungefähr weitere zehn Prozent. Doch 2023 trat just in diesen Ländern eine gravierende Missernte ein. Außergewöhnlich starke Regenfälle hatten den Plantagen zugesetzt, die Kakaofrüchte verfaulten in Massen an den Bäumen. Das darauffolgende Jahr war ebenfalls kein gutes. Jetzt grassierte vor allem das Badnavirus. Dieser Erreger lässt Stämme und Triebe anschwellen und absterben; in der Regel ist nach wenigen Jahren der ganze Baum tot.

Die Klimakapriolen hören derweil nicht auf. Sintflutartige Niederschläge und heftige Dürreperioden wechseln einander ab. Zu viel Nässe ist schlecht, aber Trockenheit schadet Theobroma cacao noch mehr. Schließlich stammt die Art aus dem Regenwald, und auf den kargeren Plantagen droht ihr schnell der Durst. „Bewässerung ist für Kakao sehr wichtig“, betont Isabella Steeley, Biologin an der University of Sheffield. Die Erträge bleiben derzeit sehr weit hinter den Möglichkeiten zurück. 2023 betrugen sie im globalen Durchschnitt 480,5 Kilogramm pro Hektar, potenziell jedoch wären – zumindest theoretisch – 3.000 bis 5.000 möglich, wie Steeley erläutert. Eine der Ursachen für die geringe Produktionsmenge ist Geldmangel. Kakao wird zum größten Teil von Kleinbauern angebaut, von denen bis zu 58 Prozent in extremer Armut leben. Für moderne Bewässerungssysteme und viele andere ertragsfördernde Maßnahmen fehlen ihnen schlicht die Mittel.

Intensive Anbaumethoden könnten die Probleme gleichwohl verstärken. „Schnellwüchsige Bäume haben allgemein gesehen einen höheren Wasserbedarf“, erklärt die Biologin Tonya Lander von der University of Oxford. Zunehmende Dürre werde diese Kakaoplantagen womöglich härter treffen. Abgesehen davon sind Monokulturen ein wahres Schlaraffenland für Krankheitserreger. Zu feuchte Bedingungen fördern unter anderem den Befall von pathogenen Pilzen, Trockenheit dagegen Wollläuse der Familie Pseudococcidae, die das gefürchtete Badnavirus übertragen. Der Klimawandel dürfte die Verbreitung solcher Schädlinge und Pathogene vorantreiben, meint Lander. „Man wird mehr davon haben, und neue dazu.“

Globale Schokokrise

Dass die Kakaoproduktion so schwächelt, liegt allerdings nicht nur am Klima. Tonya Lander ist den Hintergründen der aktuellen Schokokrise als Mitglied eines internationalen Expertenteams genauer auf den Grund gegangen. Die Gruppe hat Ertrags- und Anbaudaten aus drei verschiedenen Regionen in Ghana, Brasilien und Indonesien analysiert und kam zu mehreren wichtigen Erkenntnissen. Den Studienergebnissen zufolge gehen steigende Temperaturen mit einem Ernterückgang von 22 bis 31 Prozent einher, doch es gibt einen potenziellen Ausgleich. Denn ein weiterer ertragsbestimmender Faktor im Kakao-Anbau ist die Bestäubung, wie Lander erläutert. Ein einziger Baum bringt zwar bis zu 125.000 Blüten pro Jahr hervor, aber normalerweise nur einige Dutzend Früchte. Eine enorme Diskrepanz.

Die Frage nach dem Sinn dieses verschwenderisch anmutenden Blühens führt direkt zu einem der größten Rätsel in Sachen Kakao: Wie ist die Fortpflanzung von Theobroma cacao gewährleistet? Bisher gelten zum Beispiel nicht etwa Bienen, sondern Gnitzen, sprich winzige Bartmücken, als wichtigste Bestäuber. Deren Weibchen saugen meist Blut, während sich die Männchen vegetarisch ernähren. „Das sind Generalisten; sie fliegen auf viele verschiedene Blumen“, sagt Tonya Lander. Die meisten Nektarquellen stellen für sie potenzielle Tankstellen dar. Diese Flexibilität indes teilen die kleinen Mücken mit zahllosen anderen Insektenarten. Und so werden auch Kakaoblüten zum Treffpunkt diverser Durstiger.

Einige Forschende haben versucht, die Vielfalt der Besucher mittels zeitaufwendiger Beobachtungen, Klebefallen oder Kameras zu erfassen. Dabei gab es durchaus Überraschungen. So fand ein Team in Bolivien an den Blumen dortiger Kakaobäume nur wenige Bartmücken – sowohl auf Plantagen als auch auf wild wachsenden Exemplaren. Stattdessen tummelten sich auf den Blüten deutlich mehr Schlupfwespen und kleine Fliegen. Eine neuere Untersuchung aus Ecuador dagegen weist Blattläuse als häufigste Besucher nach – vor Fliegen, jungen Wanzen und Ameisen. Vor allem Letztere könnten wichtige Kakaobestäuber sein, schreiben die Autoren der Studie. Der Hintergrund: Ameisen seien hochmobil, zahlreich und rund um die Uhr aktiv. Andererseits wurden auf ihren Körpern nur wenige Pollenkörner entdeckt. Wie effizient die emsigen Sechsbeiner deshalb als Fortpflanzungshelfer tatsächlich sind, bleibt vorerst ungeklärt.

Wer auch immer aus dem Reich der Insekten verantwortlich ist: Die natürlichen Bestäubungsraten scheinen überall erstaunlich gering zu sein. Fachleute schätzen sie auf nur 10 bis 20 Prozent der gesamten Blütenmenge. Und nicht jede Bestäubung führt zu einer erfolgreichen Befruchtung und Fruchtbildung. Unter anderem deswegen, weil viele Kakobäume genetisch nicht miteinander kompatibel sind.

Auch Selbstbefruchtung, wie sie bei zahlreichen anderen Pflanzenarten vorkommt, ist für Theobroma cacao keine echte Alternative. Einige Kakaobauern bestäuben die Blüten deshalb von Hand – oder lassen dies machen. Manuelle Pollenübertragung kann Ernteerträge laut der Studie von Tonya Lander und ihren Kollegen um etwa 20 Prozent steigern. Die Forscherin lehnt diesen Ansatz trotzdem ab. „Zurzeit beruht Handbestäubung stark auf Basis von Kinderarbeit“, berichtet Lander. Das verstößt gegen die UN-Kinderrechtskonvention und hilft langfristig auch nicht gegen Armut, denn: Wenn Minderjährige als billige Arbeitskräfte ausgebeutet werden statt zur Schule zu gehen, verhindert das einen gesellschaftlichen Wandel.

Die Biologin plädiert stattdessen für einen naturnahen Kakao-Anbau in Form von Agroforstsystemen. Diese gibt es bereits in vielen Regionen. Dort gedeihen die Kakaobäume unter waldähnlichen Bedingungen. Wichtig ist dabei die richtige Menge an Schatten, spendiert durch die Kronen anderer, meist höherer Gehölze. Weniger direkte Sonneneinstrahlung senkt die Temperatur und damit auch die Beeinträchtigung durch den Klimawandel. Eine gute Schicht Laubstreu am Boden verbessert zudem dessen Humusgehalt und Wasserspeicherung. Zusätzlich könnten so die Populationen natürlicher Bestäuber gefördert werden, da für sie und ihre Larven mehr Verstecke, Nahrung und Feuchtigkeit verfügbar sind. Je mehr Insekten, desto höher ist potenziell auch die Anzahl erfolgreich befruchteter Blüten. Landers Untersuchungsergebnissen zufolge wären in Agroforstsystemen Ertragssteigerungen von 9 bis 19 Prozent realistisch.

Neue Ansätze

Isabella Steeley möchte die Herausforderungen sogar mit einer doppelten Strategie bewältigen. „Kakao ist eine sehr nährstoffhungrige Nutzpflanze“, betont die Expertin. Auf vielen Plantagen werde deshalb mit Kunstdünger gearbeitet. „Die Herstellung synthetischer Düngemittel geht allerdings mit hohen Treibhausgasemissionen einher.“ Und ist somit nicht nachhaltig. Abgesehen davon sind die Böden in Agroforstsystemen oft eher sauer, was die Nährstoffaufnahme durch die Bäume behindert, erklärt Steeley. Um beide Hürden anzugehen, planen die Forscherin und ihre Mitstreiter die Nutzung von „beschleunigter Verwitterung“ im Anbau von Kakao. Anstelle des Kunstdüngers soll Steinmehl aus zermahlenen silikathaltigen Felsen ausgebracht werden. Das würde CO2 binden, Pflanzen düngen und gleichzeitig den pH-Wert der Böden erhöhen. Mehrere Probleme auf einen Schlag gelöst. Derzeit führt Isabella Steeley erste Praxistests in brasilianischen Kakao-Agroforsten durch. „Wir versuchen, klimaneutrale Schokolade zu produzieren. Das könnte das Leben vieler Leute wirklich verändern“, erklärt die Wissenschaftlerin begeistert. //

Kurt de Swaaf

war schon als Kind kein großer Fan von Süßigkeiten – außer von Schokolade! In seiner holländischen Heimat sind Schokostreusel („Hagelslag“) ein ganz normaler Brotbelag.

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