Text: Kurt de Swaaf
Eigentlich ist gerade Sommer, der aber scheint an diesem Vormittag verschlafen zu haben. Stattdessen schickt ein kühler Westwind ständig neue dunkle Wolkenmassen über den Pfälzer Wald und weiter in die Rheinebene.
Bei Ankunft am Ortsrand von Edesheim setzt gerade der nächste Regenschauer ein. Das Weindorf wirkt wegen des Wetters ziemlich verwaist, doch an der Brücke in Richtung Erlenmühle bereiten zwei Biologinnen ihren heutigen Einsatz vor. Julia Gieser und Victoria Juston, beide an der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau (RPTU) tätig, wollen am hiesigen Modenbach Libellen erfassen. Die Bedingungen könnten schon besser sein, meint Gieser mit einem schiefen Lächeln. Bei Regen sind die Tiere nicht gerne unterwegs. Mal sehen, was sich so zeigt.
81 verschiedene Libellenarten kommen derzeit in Deutschland vor. Zwei von ihnen haben noch keine stabilen Vorkommen gebildet. Diese beiden, nämlich die Feuerlibelle (Crocothemis erythraea) und die Gabel-Azurjungfer (Coenagrion scitulum), wanderten erst in den vergangenen Jahrzehnten aus dem Süden ein, wahrscheinlich begünstigt durch den Klimawandel.
Zoologisch gesehen lassen sich alle europäischen Spezies in zwei Unterordnungen einteilen: die Großlibellen, (Anisoptera), und die Kleinlibellen oder Wasserjungfern (Zygoptera). Ihre jeweiligen Vertreter weisen deutliche Unterschiede in Körperbau und Lebensweise auf. Allen gemeinsam indes ist eine starke Bindung an Wasser – das Habitat ihrer Larven. Flüsse, Seen, Bäche und Tümpel dienen den Libellen als Kinderstuben. So auch hier in Edesheim.
Wissenschaft hilft Libellen zu verstehen
Julia Gieser und ihre Kolleginnen erforschen im Rahmen des Projekts „Stadt, Land, Fluss“, wie die unterschiedlichen Eigenschaften von Gewässern und deren Umfelder Libellenpopulationen beeinflussen. Mit anderen Worten: Was brauchen die Tiere, um zu gedeihen?
Diese Frage ist für den Artenschutz entscheidend. Knapp die Hälfte der hierzulande lebenden Libellenspezies steht auf der Roten Liste, neun gelten sogar als akut vom Aussterben bedroht. Die grundlegenden Ursachen sind bekannt: Ein Großteil der deutschen Fließgewässer befindet sich in einem schlechten Zustand. Zwar hat es bei der Bekämpfung der Wasserverschmutzung erhebliche Fortschritte gegeben, doch die Verbauung vieler Flüsse und Bäche ist noch immer ein riesiges Problem. Sie wurden begradigt und ihrer natürlichen Uferstrukturen beraubt; vielerorts ist auch die typische Begleitvegetation verschwunden oder stark dezimiert. All dies beeinträchtigt die Libellenbestände. Welche Auswirkungen solche Störungen allerdings im Detail haben und wie sie sich womöglich gegenseitig verstärken, ist oft noch unklar. Dazu wollen die RPTU-Expertinnen mehr Einblick bekommen.
Kescherjagd am Bach
Der Modenbach ist an den meisten Stellen keine zwei Meter breit und kaum mehr als knöcheltief. Vom steilen Einstieg neben der Brücke geht es direkt auf den sandigen Grund. Jeder Schritt wirbelt Schlick auf, der das Wasser trübt. Die beiden Biologinnen pirschen voran und spähen konzentriert in den dichten Uferbewuchs. Kurz darauf schickt Victoria Juston ihren Kescher mit einem gezielten Stoß ins Röhricht und macht den ersten Fang des Tages. Es ist eine Calopteryx splendens, sprich eine Gebänderte Prachtlibelle aus der Unterordnung Zygoptera. Dunkelblaue Flecken auf den Flügeln weisen dieses Exemplar eindeutig als männlich aus. Juston holt das Insekt aus dem Netz und zückt einen weißen Filzstift. Die Libelle bekommt die Kennzeichnung H78 auf einen ihrer Vorderflügel geschrieben, anschließend wird sie sofort wieder freigelassen. Scheinbar verdutzt landet das Tier auf einem Halm. „Anfangs sind sie noch etwas in Schockstarre“, erklärt Julia Gieser. Deshalb bleiben die Libellen nach dem Fang erst mal eine Weile still sitzen. Schaden tue die Prozedur den Insekten aber nicht.
Plötzlich bricht kurz die Sonne durch die Wolken und bringt im Grün hängende Regentropfen zum Funkeln. Die Forscherinnen fangen drei weitere Wasserjungfern, diesmal ist auch eine lokale Seltenheit dabei, von der die Forscherinnen noch Referenzmaterial brauchen: die Blauflügel-Prachtlibelle (Calopteryx virgo). Ihr wird für DNA-Untersuchungen eines der Mittelbeinchen abgenommen. Für das Tier ist das ein verkraftbarer Verlust, beruhigt Gieser. Das Projekt indes benötige unbedingt Informationen aus dem Erbgut. „Wir wollen wissen, ob städtische Verbauungen eine Barriere für den Genfluss darstellen.“
Auch in einem eher ländlichen Ort wie Edesheim fließen Bäche zumindest teilweise in Mauerwerkskorsetten und durch Unterführungen, die von den Libellen gemieden werden. Die Insekten sitzen stattdessen fast immer in der Vegetation, wo sie besser geschützt sind und mehr Nahrung finden. Eine wichtige Frage lautet deshalb: Überqueren die eleganten Fliegerinnen bewuchslose Bereiche, und wenn ja, wie oft? Falls sie es nicht tun, könnten viele Teilpopulation praktisch voneinander isoliert sein. Dann droht genetische Verarmung.
Am Modenbach wächst trotz der Begradigung zum Glück noch so einiges. Weiß blühendes Mädesüß mischt sich mit allerlei Gräsern, Weidenröschen der Gattung Epilobium, lila leuchtender Blutweiderich und Solanum dulcamara, besser bekannt als Bittersüßer Nachtschatten. Ein hübscher Anblick.
Leider ist das invasive Drüsige Springkraut ebenfalls präsent, aber nicht dominierend. Die heimischen Arten können sich offenbar behaupten. Stellenweise sind die Ufer auch mit Brombeerdickicht überzogen, was wiederum die Libellenjagd der Forscherinnen behindert. Zu leicht bleiben die Kescher in den Dornen hängen. Dennoch gelingt es den beiden, mehrere Dutzend Exemplare der hier lebenden Libellen einzufangen. Das schlechte Wetter macht sich wenig bemerkbar.
Menschliche Eingriffe
Knapp 700 Meter stromabwärts der Einstiegsstelle verläuft der Bach durch den Hof eines Weinguts und verkommt dort vorübergehend zur betonierten Abflussrinne. Hier wurden eine Woche zuvor etwa 3.000 Liter Rotwein illegal eingeleitet, berichtet Julia Gieser. Vermutlich handelte es sich um verdorbenen Wein, den man auf diesem Weg loswerden wollte. Es gab tote Fische, die Polizei ermittelte. „Wir wissen noch nicht, wie sich das auf die Libellenpopulation auswirkt.“ In der kleinen Parkanlage neben dem Betrieb sind immerhin mehrere ausgewachsene Exemplare unterwegs, doch unter der Wasseroberfläche haben die Biologinnen noch nicht nachgeschaut. Die Larven könnten verendet sein – mit gravierenden Folgen für den gesamten Bestand.
Von der Larve zur flugfähigen Libelle
In Bezug auf ihre Entwicklung gibt es bei den mitteleuropäischen Libellenarten erstaunlich große Unterschiede. Die Jugendstadien mancher Spezies leben bis zu sieben Jahre im Wasser, bis sie schließlich herausklettern und sich in flugfähige, geschlechtsreife „Imagines“ verwandeln. Bei anderen Gattungen dagegen sind die Larven schon nach wenigen Monaten bereit. Calopteryx liegt eher im Mittelfeld. Ihr Heranwachsen dauert, je nach klimatischen Bedingungen, ein bis zwei Jahre. Die geschlechtsreifen Prachtlibellen leben allerdings nur noch ein paar Wochen. Und die müssen sie logischerweise für ihre Fortpflanzung nutzen.
Clevere Weibchen und territoriale Männchen
Trotz ihrer kurzen Lebensspanne ist das Paarungsverhalten mancher Prachtlibellen äußerst komplex. Maria Golab, Biologin am Institut für Naturschutz an der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Krakow, hat Calopteryx splendens genauer unter die Lupe genommen. Die Forscherin erklärt, dass weibliche Prachtlibellen ihre Eier stets unter der Wasseroberfläche in Pflanzenstängel absetzen, die sie mit ihren eigens dafür vorgesehenen Legebohrern anstechen. Am besten eignen sich dichtwüchsige Wasserpflanzen, wie etwa das Schwimmende Laichkraut (Potamogeton natans).
Derartige Spezies bilden oft verankert schwimmende Krautflöße, welche ideale Lande- und Eiablageplätze für die Libellenweibchen sind. Kein Wunder also, dass die territorialen Männchen solche natürlichen Mini-Pontons besetzen und mögliche Konkurrenten verscheuchen. Wer Erfolg bei den Damen haben will, muss ihnen schon etwas bieten. Doch eine attraktive Immobilie reicht offenbar nicht aus. Prachtlibellen-Männchen praktizieren auch faszinierende Balzrituale, berichtet Maria Golab. Potenzielle Partnerinnen werden in der Luft mit beschleunigtem Flügelschlag angetanzt. Zeigt die Angehimmelte Interesse, umkreist der Galan zunächst sein Territorium und führt dann ein kleines Bravourstück auf: Er landet auf der Wasseroberfläche und lässt sich von der Strömung einige Sekunden lang forttragen. Der Sinn dieser Aktion zeugt – mal wieder – vom verblüffenden Einfallsreichtum der Evolution.
Libelleneier brauchen für eine gute Entwicklung viel Sauerstoff. Je stärker das Wasser strömt, desto besser die Versorgung mit dem lebenswichtigen Atemgas. Der Revierinhaber tut mit seinem Manöver den Weibchen die Fließgeschwindigkeit an seinem Pflanzenfloß kund, erklärt Golab. Unter Wasser indes lauern auch hungrige Fische. Das riskante Verhalten auf der Wasseroberfläche hat deshalb noch eine weitere Funktion, sagt die Expertin. „Es zeigt, wie tapfer das Männchen ist.“ Wer hier Parallelen zum Imponiergehabe junger Homo sapiens zieht, liegt vermutlich nicht falsch.
Ihre wichtigsten Künste vollführen Libellen allerdings in der Luft. Die Tiere sind überaus wendige Flieger, was natürlich beim Beutefang hilft. Alle Arten, Zygopteren wie Anisopteren, ernähren sich ausschließlich karnivor. „Sie sind extrem effiziente Prädatoren, betont Golab. Ihre Erfolgsquote liege bei etwa 90 Prozent, das sei Weltrekord. Calopteryx frisst vor allem Mücken, so die Forscherin. „Jede Prachtlibelle kann bis zu 100 Stück davon am Tag vertilgen.“ Zwar stehen harmlose Zuckmücken aus der Familie Chironomidae meist an erster Stelle, aber es sind bestimmt auch stechende Plagegeister darunter, meint Golab. Ein kleines Plus für Menschen, die in Gewässernähe leben.
Großlibellen nutzen ihre Flugfähigkeit nicht nur bei der Jagd. Einige Anisopteren-Spezies, wie die Herbst-Mosaikjungfer (Aeshna mixta), ziehen regelmäßig Hunderte Kilometer weit, unter anderem von Finnland aus ins Baltikum. Pantala flavescens, die fast weltweit verbreitete Wanderlibelle, schafft es mithilfe der Passatwinde sogar, zwischen Indien und Ostafrika den Ozean zu überqueren.
Zygopteren dagegen neigen eher zur Heimattreue, was zu einer genetischen Isolation einzelner Populationen führen könnte. Umso erfreulicher für Julia Gieser und ihr Team, dass sie bereits mehrere der in Edesheim markierten Calopteryx-Männchen am Triefenbach in Edenkoben wiederfanden. Diese Tiere müssen mindestens 1,75 Kilometer weit geflogen sein. Welche menschengemachten Barrieren die Prachtlibellen dabei überwanden, werden genauere Analysen der Forscherinnen noch zeigen.





