Die Eisströme in der Westantarktis können ihre Fließrichtung in relativ kurzer Zeit ändern. Diese überraschende Dynamik erschwert es zu bestimmen, ob der westantarktische Eisschild wächst oder schrumpft, berichten Forscher um Howard Conway von der University of Washington im Fachblatt Nature (Bd. 419, S. 465).
Das Interesse der Klimaforscher an der Westantarktis ist groß, weil die Gefahr besteht, dass der dortige Eisschild bei zunehmender Erwärmung instabil wird. Wenn sich der Eisschild auflöst, könnte der Meeresspiegel um einige Meter ansteigen. Berechnungen zufolge könnte sich das Eis aus einigen Teilen der Westantarktis schon in 7000 Jahren komplett zurückgezogen haben.
Das Team um Conway betrachtete den Teil der Westantarktis, aus dem das Eis ins Rossmeer fließt. Einer der Eisströme dort ist vor 150 Jahren zum Stillstand gekommen und wird seitdem immer dicker. Mit Feldmessungen und Daten aus der Fernerkundung stellten die Forscher fest, dass einige kleinere Eisströme, die früher in den mittlerweile stehen gebliebenen “Eisstrom C” mündeten, ihre Richtung um 180 Grad gewechselt haben und statt nach Süden jetzt nach Norden in den “Whillans-Eisstrom” fließen.
Die Forscher warnen daher davor, aus kurzfristigen Veränderungen auf die langfristige Entwicklung der Massenbalance des Eisschildes zu schließen. “Die Veränderungen sind kennzeichnend für ein sehr dynamisches Abflusssystem, das an verflochtene Stromsysteme erinnert”, schreiben die Forscher. “Als Ganzes kann so ein Flussdelta relativ stabil sein, auch wenn einzelne Kanäle sich über kurze Zeiträume rasch umorganisieren.”
In dem von den Forschern betrachteten Gebiet nimmt die Eismasse gegenwärtig zu. Conway und seine Kollegen fanden allerdings Hinweise darauf, dass sich die Ströme in Zukunft durch Schmelzwasser am Fuße der Gletscherströme beschleunigen könnten. Dann wäre die Bilanz wieder ausgeglichen.
Ute Kehse





