Ein Team um Anne Le Brocq von der University of Exceter beschreibt die Strukturen nun erstmals in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift „Nature Geoscience”. Die Forscher hoffen, mit Hilfe des neu entdeckten Kanalsystems mehr über den Fluss des Schmelzwassers auf dem Festland zu erfahren. Denn die riesigen Rinnen beginnen meist genau dort, wo Glaziologen seit langem die Mündung von Flüssen unter dem Festlandeis vermuten. Diese entstehen, wenn Schmelzwasser zum Grund des Eisschildes sickert und sich dort sammelt. Die Antarktis ist geradezu unterhöhlt von unterirdischen Seen und Flüssen, die auf diese Weise geschaffen wurden.
Warme Wasserwolken graben sich ins Eis
Doch das Schmelzwasser allein reicht nicht aus, um vor der Küste die monströsen Kanäle ins Schelf zu graben. Vielmehr vermuten die Forscher, dass die kleinen Flüsse warme Wassermassen im Ozean mitreißen und sich dadurch unterhalb des Eises Wärmewolken bilden, die sich immer tiefer in die Eisschicht hinein graben. Bereits unterirdische Flüsse von wenigen Metern Breite, so haben die Briten berechnet, führen genug Wasser, um jenseits des Landes Kanäle von mehreren Kilometern Breite entstehen zu lassen. Solche Rinnen gibt es übrigens auch unter dem Petermann-Gletscher in Grönland. Ursprünglich glaubten Forscher, sie seien ein Werk steigender Meerestemperaturen. Doch vor kurzem entdeckte ein Team der Universität Bristol einen gigantischen Canyon unter dem grönländischen Eis, durch den vermutlich bis heute Schmelzwasser ins Meer fließt. Es könnte die Kanäle nach dem gleichen Prinzip erzeugt haben, das offensichtlich in der Antarktis am Werk ist.
Eine Frage treibt die Forscher am Südpol dennoch um: Die Kanäle entstehen nicht überall – und dort, wo sie zu finden sind, sind sie nicht immer gleich ausgeprägt. „Es scheint, als liefere die Art der Schnittstelle zwischen Eis und Ozean keine Erklärung für die Entstehung dieser Strukturen”, schreiben die Forscher. Auch die vermutete Menge oder Geschwindigkeit des Schmelzwasser-Flusses unterhalb der Gletscher liefere keine Erklärung. „Das legt nahe, dass die Stabilität des hydrologischen Systems der entscheidende Faktor für die Entstehung dieser Formationen ist” – sprich: Je weniger sich der Fluss des Schmelzwassers über die Jahrzehnte verändert, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich Kanäle ausbilden.
Wie das Wasser an der Sohle der Gletscher entlang fließt, spielt eine wichtige Rolle für die Reise der darüber liegenden Eismassen. Bildet es einen dünnen, gleichmäßigen Film, rutscht der Gletscher schneller zum Meer. Fließt das Wasser durch ein Labyrinth von Kanälen zügig ab, kann es nicht als Schmiermittel dienen. „Wenn wir das Verhalten des Eisschildes und seinen Beitrag zu Veränderungen des Meeresspiegels begreifen wollen, müssen wir die Rolle des Wassers an der Sohle des Eisschildes vollständig verstehen”, sagt Le Brocq. „Die Informationen, die uns diese neu entdeckten Kanäle liefern, helfen uns genauer zu begreifen, wie das Wassersystem funktioniert und wie sich der Eisschild in Zukunft verhalten wird.”





