Der Amazonas-Regenwald gilt als einer der artenreichsten Lebensräume der Erde. Doch wie viele Tier- und Pflanzenarten es in diesem riesigen und teils unzugänglichen Dschungel tatsächlich gibt, ist unbekannt. Selbst bei so großen und gut sichtbaren Tieren wie den Affen ist nicht immer geklärt, welche Arten existieren und wie diese sich in den Stammbaum einfügen.
Dies gilt auch für eine der häufigsten Affengattungen Mittel- und Südamerikas: die Brüllaffen (Alouatta). „In Amazonien sind Brüllaffen allgegenwärtig. Sie haben eine große Bedeutung als Blattfresser und Samenverbreiter und sind eine wichtige Fleischquelle für die einheimische Bevölkerung“, erklären Romina Batista von der University of Salford in Manchester und ihre Kollegen. Bisher sind 16 verschiedene Formen dieser Affen bekannt, aufgeteilt auf 13 Arten und drei Unterarten. Es blieben jedoch Fragen zur Artenzahl und zu den Verwandtschaftsverhältnissen offen.
Artenzuwachs bei den Brüllaffen
Deshalb hat das internationale Forschungsteam um Batista jetzt die bislang umfassende Untersuchung der Brüllaffenvielfalt und Entwicklungsgeschichte durchgeführt. Dafür analysierten die Biologen DNA-Proben von 83 verschiedenen Brüllaffen aus verschiedenen Teilen des Amazonasgebiets. Zusätzlich untersuchten sie die Anatomie und Morphologie von Brüllaffenexemplaren aus Museumssammlungen.
Dabei zeigte sich Überraschendes: „Unsere Ergebnisse enthüllen zwei bislang unkannte Arten von Amazonas-Rotbrüllaffen“, berichten Batista und ihr Team. Die erste neuentdeckte Art, Alouatta iroi, kommt im nördlichen Amazonasgebiet Brasiliens, Guyanas und Venezuelas vor. Die zweite Art, Alouatta matogrossensis, lebt südlich des Amazonas-Unterlaufs in Brasilien. Eine weitere, bislang als Unterart eingestufte Population erwies sich zudem als vollwertige Art.
Amazonasflüsse fördern die Artbildung
„Anders als bislang gedacht umfasst die Gattung Alouatta damit 16 Arten und zwei Unterarten“, so die Biologen. 85 Jahre nach der Beschreibung der letzten neuen Brüllaffenart im Jahr 1941 hat diese häufige Affengattung damit nun Zuwachs bekommen. „Unsere Studie zeigt, dass der Amazonas noch immer bemerkenswerte biologische Geheimnisse birgt, selbst bei relativ bekannten Tieren wie den Primaten“, sagt Batista.
Die Verteilung der Brüllaffenarten innerhalb des Amazonasregenwalds zeigt zudem, dass die großen Flüsse eine wichtige Rolle für die Entstehung der verschiedenen Arten spielen: Sie wirken als Barrieren, die die einzelnen Affenpopulationen voneinander trennen und so ihre Entwicklung zu eigenen Spezies fördern. „Große Amazonasflüsse schränken den Genfluss der in den Wäldern lebenden Arten ein und fördern so eine allopatrische Artbildung“, erklären die Forschenden. Dies gilt nicht nur bei den Brüllaffen.
Kaum entdeckt, schon gefährdet
Doch die gerade erst neu entdeckten Affenarten sind bedroht – ebenso wie ihr gesamter Lebensraum: „Diese Entdeckung kommt zu einem kritischen Zeitpunkt, da zunehmende Entwaldung, Klimawandel und Lebensraumverlust viele amazonische Arten bedrohen, noch bevor sie von der Wissenschaft vollständig erforscht oder gar entdeckt wurden“, sagt Seniorautor Jean Boubli von der University of Salford. Vor allem die großflächige Zerstörung des Regenwalds durch Abholzung, Brandrodung und Brände nimmt den Tieren ihren Lebensraum und bedroht die ohnehin meist kleinräumigen Populationen.
Welche Brüllaffenarten am stärksten gefährdet sind, haben Batista und ihr Team anhand ihrer Analysen näher eingegrenzt. „Wir hoffen, dass unsere Erkenntnisse Naturschutzorganisationen dabei helfen werden, die am stärksten gefährdeten Populationen zu identifizieren und Schutzmaßnahmen im gesamten Amazonasbecken zu priorisieren““, sagt die Forscherin.
Quelle: Romina Batista (University of Salford, Manchester) et al., Communications Biology, 2026; doi: 10.1038/s42003-026-11187-8





