Der Amazonas-Regenwald gilt als „grüne Lunge“ der Erde und als wichtige CO2-Senke im Klimasystem. Denn seine dichte Vegetation nimmt durch Photosynthese große Mengen des Treibhausgases aus der Atmosphäre auf und bindet es. Schätzungen zufolge speichert der Amazonas-Regenwald rund 123 Milliarden Tonnen Kohlenstoff in seinen Pflanzen und Böden. Er wirkt dadurch wie ein Puffer und kann einen Teil unserer CO2-Emissionen ausgleichen – so jedenfalls die gängige Annahme. Doch Abholzung, Klimawandel und Brände haben dem Amazonasgebiet in den letzten Jahrzehnten stark zugesetzt.
Netto-Kohlenstoffbilanz für das Amazonasgebiet ermittelt
Das wirft die Frage auf: Wie stark ist der Amazonas-Regenwald schon geschädigt? Ist er noch eine CO2-Senke? Um dies zu klären, hat ein Team um Luciana Gatti vom Nationalinstitut für Weltraumforschung in São Paulo einen einzigartigen Langzeit-Datensatz ausgewertet. Dieser beruht auf Satellitendaten und Messungen mit Forschungsflugzeugen, die seit 15 Jahren regelmäßig über dem Amazonasgebiet durchgeführt werden.
„Solche Luftmessungen bieten die direkteste Möglichkeit, den Kohlenstoffaustausch zwischen tropischen Landökosystemen und der Atmosphäre auf regionaler Ebene zu quantifizieren“, erklären die Forschenden. Konkret untersuchten Gatti und ihr Team, wie sich die Netto-Kohlenstoffbilanz des Regenwalds in den letzten rund 25 Jahren verändert hat - und welche Faktoren dafür ausschlaggebend waren. Dafür kombinierten sie Messdaten zur Biomasse, zum Wachstum der Vegetation und zum Waldverlust mit den CO2-Messdaten

Vor allem Brände und Abholzung setzen dem Amazonas-Regenwald zu und verschieben seine Kohlenstoffbilanz. — © University of Kansas/ Gatti et al.
CO2-Freisetzung fast durchgängig größer als Aufnahme
Das ernüchternde Ergebnis: Der Amazonas-Regenwald ist keine Netto-CO2-Senke mehr. In den letzten 15 Jahren hat das Gebiet im Schnitt 0,32 Milliarden Tonnen Kohlenstoff pro Jahr freigesetzt, wie die Analysen ergaben. Zwar schwankt die Bilanz von Jahr zu Jahr, dennoch war die Netto-Kohlenstoffbilanz des Regenwalds selbst in den günstigsten, besonders regenreichen Jahren kaum besser als neutral. Das Amazonasgebiet wirkt demnach nicht mehr als Puffer im Klimasystem - es ist stattdessen zu einer weiteren CO2-Quelle geworden.
Doch was sind die Hauptursachen für diesen Wandel? „Ist der Einfluss des globalen Klimas der wichtigste Faktor für die Kohlenstoffbilanz des Amazonasgebiets oder sind regionale, vom Menschen verursachte Aktivitäten wie Abholzung und Brandrodung ebenso wichtig oder sogar noch bedeutender?“, beschreibt Co-Autorin Jen Johnson von der University of Kansas die Fragestellung. Auskunft darüber lieferten Vergleiche der Niederschläge, Temperaturen, Brände und Abholzung in den verschiedenen Jahren.
Gruppenvergleich enthüllt Ursachen
Die Analysen zeigten, dass sich die Kohlenstoffbilanz des Amazonasgebietes in drei Kategorien einteilen lässt. Am wenigsten CO2 setzt der Regenwald demnach in regenreichen Jahren mit wenig Abholzung und wenig Waldbränden frei – dazu gehören 2011 bis 2014, 2017 und 2018. Unter solchen Bedingungen ist die Netto-Kohlenstoffbilanz mit 0,11 Milliarden Tonnen Kohlenstoff pro Jahr fast neutral, wie Gatti und ihre Kollegen berichten. Allerdings ist der Regenwald selbst unter diesen günstigen Bedingungen damit keine Netto-CO2-Senke mehr.
Deutlich ungünstiger sieht es in der zweiten Kategorie aus: Jahren mit günstigem Klima, aber viel Abholzung und ausgedehnten Bränden, wie von 2019 bis 2022 der Fall. Unter solchen Bedingungen stiegen die CO2-Emissionen aus dem Amazonasgebiet drastisch an. „Die Netto-Bilanz liegt in dieser Gruppe bei 0,43 Milliarden Tonnen Kohlenstoff jährlich - das entspricht einem Anstieg von 291 Prozent gegenüber der ersten Gruppe“, berichten die Forschenden.
Noch etwas schlechter fällt die CO2-Bilanz jedoch aus, wenn zu den starken Waldverlusten und Bränden noch Dürren und Hitze dazukommen, wie beispielsweise 2010 und in den El-Niño-Jahren 2015/16 und 2023/24 der Fall. In Jahren dieser dritten Kategorie setzte der Amazonas-Regenwald im Schnitt 0,49 Milliarden Tonnen Kohlenstoff mehr frei als er aufnahm.

Der Vergleich der drei Kombinationen von Einflussfaktoren zeigt, dass sich Abholzung und Brände stärker auf die Netto-Kohlenstoffbilanz des Amazonasgebiets auswirken als das Klima. — © Gatti et al./ Nature, CC-by 4.0
Der Mensch hat es in der Hand
Nach Ansicht von Gatti und ihrem Team demonstriert dies, wie entscheidend die menschlichen Eingriffe in den Regenwald sind: „Das globale Klima und die dadurch verursachten Belastungen sind zwar wichtige Einflussgrößen. Aber die Veränderung der Landnutzung ist der entscheidende Einflussfaktor für die Netto-Kohlenstoffbilanz des Amazonasgebiets“, sagt Johnson. Ob und wie stark der Regenwald zur CO2-Quelle wird, hängt vor allem von der Abholzung und den vom Menschen verursachten Waldbränden ab.
Dies ist Chance und Risiko zugleich. Chance deshalb, weil wir direkt und kurzfristig gegensteuern können: „Es gibt einen konkreten, wirksamen Weg, um die Kohlenstoffbilanz des Amazonasgebiets positiv zu beeinflussen. Wir müssen die Entwaldung auf Null reduzieren und Brände besser kontrollieren“, sagt Johnson. Risiko deshalb, weil diese Maßnahmen vom Willen und den Entscheidungen der Regierungen und der Bevölkerung im Amazonasgebiet abhängen. Wird nicht schnell und effektiv genug gehandelt, könnte es für die „grüne Lunge“ der Erde zu spät sein – mit weltweiten Folgen.
Quelle: Luciana Gatti (National Institute for Space Research, São Paulo, Brasilien) et al., Nature, 2026; doi: 10.1038/s41586-026-11168-1





