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Am Hof des Sonnenkönigs
Archäologie

Am Hof des Sonnenkönigs

Seit ihrem Umzug nach Paris als Ehefrau des Bruders von Ludwig XIV. fertigten die französischen Hofmaler regelmäßig aufwendige Porträts von Liselotte an. Dieses Werk von Jean François de Troy entstand im Jahr 1680. Lilie und Hermelin zeichnen sie als Mitglied der königlichen Familie aus. bpk / GrandPalaisRmn

Lange war die Forschung der Ansicht, Liselotte habe sich in Paris als Fremdkörper gefühlt, doch inzwischen weiß man: Die selbstbewusste Pfälzerin etablierte sich am Hof Ludwigs XIV. schnell. Nur mit einer Mätresse des alternden Königs kam es zu einer Dauerfehde.
Autor
Redaktion
17. April 2026
Lesezeit
15 Minuten
Rubrik
Archäologie
Lange war die Forschung der Ansicht, Liselotte habe sich in Paris als Fremdkörper gefühlt, doch inzwischen weiß man: Die selbstbewusste Pfälzerin etablierte sich am Hof Ludwigs XIV. schnell. Nur mit einer Mätresse des alternden Königs kam es zu einer Dauerfehde.

Am 30. Juni 1670 starb völlig überraschend in Saint-Cloud Henriette Anne Stuart, Herzogin von Orléans, die Frau Philippes von Orléans (1640–1701), des Bruders Ludwigs XIV.; wahrscheinlich an einer Bauchfellentzündung. Noch auf dem Sterbebett rief sie, man habe sie vergiftet, und legte so den Grundstein zu zahlreichen Spekulationen und Verschwörungstheorien, die auch bei Liselotte ein offenes Ohr finden sollten.

Sehr bald bewegte den Hof nur diese Frage: Wer kam als Ersatz für Henriette für Monsieur, wie der Bruder des Königs am Hof genannt wurde, infrage? Es gab keinen Zweifel daran, dass Philippe von Orléans wieder heiraten musste, denn die Zukunft der Dynastie der Bourbonen stand auf zu wackeligen Füßen: Ludwig XIV. hatte nur einen Sohn, weitere Kinder waren bislang im frühen Kindesalter gestorben, und Philippe hatte zu diesem Zeitpunkt nur zwei kleine Töchter.

Kaum dass die Trauerfeierlichkeiten für Henriette beendet waren, nannte Ludwig XIV. bereits eine erste Kandidatin für seinen Bruder. Er eröffnete seiner Cousine, Anne-Marie-Louise von Orléans, Herzogin von Montpensier (1627–1693), genannt Grande Mademoiselle, der Platz an der Seite seines Bruders sei nun frei. Doch sprach vieles gegen diese Verbindung – die nahe Verwandtschaft (ihr Vater war Gaston d’Orléans, der Onkel Philippses und Ludwigs), ihr Alter und schließlich auch der Unwille sowohl Philippes als auch Anne-Maries.

Das Projekt wurde schnell fallengelassen. Dies war die Stunde von Anna Gonzaga (1616–1684), der Princesse Palatine. Sie hatte 1645 Eduard von der Pfalz (1625–1663) geheiratet, den jüngeren Bruder von Liselottes Vater Karl Ludwig. Die Nachricht vom Tod Henriettes erhielt sie, als sie sich zu Besuch in Heidelberg aufhielt, und sie erkannte sofort die Chance, die sich bot: Schnell gewann sie den Kurfürsten für die Idee, seine Tochter mit dem Bruder des Königs zu verheiraten. Anna Gonzaga, die einen „guten Draht“ zum König hatte, gelang es tatsächlich, ihn von dem Projekt zu überzeugen. Philippe, der Bräutigam in spe, wurde nicht gefragt, er wusste, dass Widerspruch weitgehend zwecklos sein würde.

Dank der Vermittlung Anna Gonzagas gelang eine schnelle Einigung über die Heirat, auch für die heikle Frage der Konfession – undenkbar, dass Monsieur eine Calvinistin heiratete – wurde ein Weg gefunden, der es Karl Ludwig gestattete, das Gesicht zu wahren. Urbain Chevreau (1613– 1701), ein Libertin, den Anna am Hofe des Herzogs von Hannover kennengelernt hatte, übernahm die „Einweisung“ Elisabeth Charlottes in die katholische Konfession. Die junge Pfälzerin, die verstanden hatte, was man von ihr verlangte, konvertierte.

Nachdem sie sich am 11. November 1671 in Straßburg von ihrem Vater, der Familie (auch Tante Sophie von Hannover war angereist) und seinem Gefolge verabschiedet hatte, wurde sie von den Vertretern Ludwigs XIV. in Empfang genommen. In Metz – auf französischem Territorium – machte sie ihre Konversion öffentlich. Karl Ludwig spielte den getäuschten und enttäuschten Vater, der schweren Herzens ihre Gewissensentscheidung akzeptierte.

Philippe von Orléans kommt in der Geschichtsschreibung nicht gut weg

In Metz erfolgte nicht nur die Konversion, in derselben Zeremonie heiratete sie per Prokuration Philippe von Orleáns, den sein alter Erzieher, der Herzog von Plessis-Praslin, vertrat. Von Metz ging es zügig weiter nach Châlons-sur-Marne, wo sie ihren Mann erstmals traf, und dann weiter nach Villers-Cotterêts, einem Landsitz, der ihm gehörte. Hier begegnete sie zum ersten Mal Ludwig XIV., der sie mit seinem Gefolge erwartete.

Wer war Philippe von Orléans? Sicher nicht die „Tunte“, als die man ihn in der Forschung und populären Literatur charakterisierte. Als jüngerer Bruder eines machtbewussten Königs hatte er eine schwere Rolle auszufüllen. Er symbolisierte gleichsam die „Thronreserve“ der Dynastie, sollte es zu einem Aussterben der ersten Linie kommen. Aber er hatte sich auch jeglicher politischer Ambitionen zu enthalten, da er ansonsten sofort mit seinem Onkel Gaston gleichgesetzt würde, der seinem königlichen Bruder Ludwig XIII. (reg. 1610–1643) zeitlebens durch zahlreiche Verschwörungen das Leben schwer gemacht hatte. Daher verzichtete man für ihn schon in jungen Jahren auf eine politische Erziehung und lenkte ihn in Richtung Amüsements.

Immer wieder liest man, seine Mutter Anna von Österreich und Kardinal Mazarin hätten ihn bewusst zur Homosexualität erzogen; eine Theorie, die genauerer Prüfung nicht standhält. Eher ist es so, dass Philippe früh erkannte, was man von ihm verlangte – Gehorsam, Zurückhaltung und keine Ansprüche stellen –, und er sich seinen Freiraum selbst schuf. Dafür wurden seine homoerotischen Neigungen geduldet, und er konnte seine männlichen Favoriten um sich sammeln. Genügend Geld zog er aus der königlichen Schatulle und aus seinem großen Besitz, wozu unter anderem das Schloss Saint-Cloud bei Paris und später auch das Palais Royal gegenüber des Louvre zählten.

Mätressen des Königs sind Teil der Hofgesellschaft

Liselotte traf im November 1671 auf einen dynamischen Hof, geprägt von vielen Ortswechseln und einer gewissen „Galanterie“, wie ein Zeitgenosse, der Diplomat Ezechiel Spanheim (1629–1710), ein Freund Liselottes aus Heidelberger Jugendtagen, im Rückblick schreiben sollte. Ludwig XIV. ging mit „gutem“ Beispiel voran: Bis 1674 unterhielt er Beziehungen zu zwei Mätressen; zu Louise de La Vallière (1644–1710) und zu seiner eigentlichen Favoritin, Françoise-Athénaïs de Rochechouart-Mortemart, Marquise de Montespan (1640–1707). Die Königin Maria Theresia, Tochter des Königs von Spanien, akzeptierte dies still, ohne sich – zumindest öffentlich – zu beschweren.

Am Hof verkehrten Abenteurer und Glücksritter wie der Italiener Primi Visconti, der in seinen „Memoiren“ berichtet, Philippe habe bei der ersten Begegnung mit Liselotte seinen Höflingen zugeraunt, „oh, wie könnte ich je mit ihr schlafen“? Hinter dieser und weiteren Bemerkungen Viscontis über das Eintreffen Liselottes am Hof verbirgt sich Herablassung gegenüber einer Frau, die nicht den gewohnten Vorstellungen entsprach und sich nicht als so unterwürfig wie die Königin erweisen sollte. Ludwig XIV. erkannte dies schnell. Er soll zu seiner Cousine, der Grande Mademoiselle, gesagt haben, Liselotte sei „geistreich und habe eine bessere Figur“ als die erste Frau seines Bruders.

„Geistreich“, sie verfüge über esprit – diese Charakterisierung durch den König ist ein Schlüssel, um Liselottes „Erfolg“ in ihren ersten Jahren am Hof zu erklären. Die Pfälzerin ließ sich, nachdem der Schock über die Trennung von der Familie überwunden war – sie habe den ganzen Weg in der Kutsche nach Metz geweint, schrieb sie später an ihre Tante Sophie –, vom Hof und den sie skeptisch beäugenden Höflingen nicht einschüchtern.

Die Aktivitäten am Hof entsprachen ihrer Natur. Sie ging mit Begeisterung auf die Jagd, entpuppte sich als gute Reiterin und gewann mit ihrem esprit nicht nur ihren Mann, sondern auch den Schwager, Ludwig XIV. Bekannt sind die Anekdoten, wie er ihr nach einem Sturz vom Pferd zu Hilfe kam oder wie der von ihr aus Heidelberg „importierte“ Pelzumhang („mein alter Zobel“) zum Modestück am Hof wurde.

Die Integration und das Einleben am Hof wurden zweifellos auch durch die wenig beachtete Tatsache erleichtert, dass Liselotte auf zahlreiche Verwandte traf. Da war beispielsweise die im vorhergehenden Artikel bereits erwähnte Tante Louise Hollandine, die 1658 wie ihr Bruder Eduard zum Katholizismus konvertiert war und 1664 zur Äbtissin des Klosters Maubuisson ernannt wurde, wo sie ihrer Leidenschaft, der Malerei, weitgehend ungestört nachgehen konnte.

Die Tante im Kloster als kluge Gesprächspartnerin

Der Besuch bei ihrer Tante wurde im Laufe der Jahre zu einem festen Bestandteil im höfischen Alltag Liselottes. Louise Hollandine war, folgt man den Erzählungen Liselottes, alles andere als eine devote Katholikin, sondern eine kluge und witzige Gesprächspartnerin, die für alle Sorgen Liselottes ein offenes Ohr hatte.

Wie sehr „Tante“ Anna Gonzaga, die Princesse Palatine, Liselotte beim Einleben am Hofe half, muss noch weiter erforscht werden. Liselotte traf Annas drei Töchter, ihre Cousinen, jedenfalls regelmäßig, auch noch lange nach dem Tod ihrer Tante. Und dann war da noch ihre Tante mütterlicherseits, Emilie von Hessen-Kassel (1626– 1693), die 1648 mit Henri Charles de La Tremoille (1620–1672), Fürst von Tarent, verheiratet worden war und als Witwe ihre Zeit zwischen dem Hof und ihrem Witwensitz in der Bretagne verbrachte. Von ihr ist immer wieder die Rede in den Briefen, doch hat sich von ihrer Korrespondenz nur ein Brief erhalten.

Die Ehe entwickelte sich zur allgemeinen Zufriedenheit: Innerhalb von drei Jahren wurden drei Kinder, zwei Söhne und eine Tochter, geboren. Der älteste Sohn starb 1676, was Liselotte in große Verzweiflung stürzte. Weitere Schwangerschaften gab es nicht, was sie nicht bedauerte, denn die Geburten waren schwierig gewesen. Bei der ersten habe sie „16 Stunden in Kindsnöten“ gelegen, wie sie ihrer ehemaligen Gouvernante Anna von Uffeln-Harling berichtete.

Dirk Van der Cruysse hat diese Jahre in seiner Liselotte-Biographie als „zehn glückliche Jahre“ bezeichnet, die auch nicht durch den 1672 von Ludwig XIV. ausgelösten Holländischen Krieg getrübt wurden, der die heimatliche Kurpfalz in Mitleidenschaft zog und ihre hannoverische Familie im gegnerischen Lager sah. Ganz im Gegenteil, man lobte am Hof die Ritterlichkeit ihres Onkels Ernst August von Braunschweig, der die Franzosen 1675 an der Conzer Brücke in der Nähe von Trier besiegte. Höhepunkt dieser Jahre war sicherlich der Besuch von Liselottes Tante Sophie von Hannover am französischen Hof im August/September 1679.

Mit dem Jahr 1680 begann ein Jahrzehnt der Schicksalsschläge: Im August 1680 starb Liselottes Vater Kurfürst Karl Ludwig; 1685 ihr Bruder. Zu ihrem Leidwesen fiel die Kurpfalz an die katholische Neuburger Linie. Ludwig XIV. nutzte dies, um im Namen Liselottes Teile des Kurfürstentums als Erbe zu fordern, und verschärfte damit schon bestehende Konflikte mit den Reichsständen um Kaiser Leopold I., was 1688/89 in den Neunjährigen Krieg (bekannt als Pfälzischer Erbfolgekrieg, Orléanscher Krieg oder in Frankreich „Krieg der Liga von Augsburg“) mündete. Mehrere ihrer Halbgeschwister, mit denen sie auch von Frankreich aus Kontakt gehalten hatte, starben im Laufe des Jahrzehnts.

Dass der Hof 1682 in Versailles „sesshaft“ wurde, gab Liselotte zweifellos mehr Zeit für ihre Korrespondenz, mit der sie ihre Tante und bisweilen den ganzen hannoverischen Hof „divertierte“. Ihr Leben am Hofe veränderte sich. Liselotte stritt mit den Favoriten ihres Mannes, und insbesondere mit dem Chevalier de Lorraine (1644–1701), über die Kontrolle der Vergabe von Ämtern in ihrem Haushalt und über die Finanzen des Hauses. Philippes Vorlieben für junge Männer störten sie nicht, sie machte sich Sorgen um die finanzielle Situation des Hauses und um die Kontrolle ihres eigenen „Hofes“.

Die Streitigkeiten führten zum Eklat: In einem Brief an den König, vom 24. Mai 1685, verteidigte sie sich und bot an, sich ins Kloster Maubuisson zurückzuziehen. Die Reaktion Ludwigs XIV. ließ an Deutlichkeit nicht zu wünschen übrig: Ihr Platz sei bei Hof, an der Seite ihres Mannes. Das Machtwort zeigte Wirkung, Liselotte „unterwarf“ sich.

Die Beziehung Liselottes zu Ludwig XIV. ist ein Schlüssel für das Verständnis ihres weiteren Lebens am Hof. Genoss sie im ersten „glücklichen“ Jahrzehnt ihrer Ehe die Gunst und die Aufmerksamkeit des Königs, so änderte sich dies in den 1680er Jahren. Die Ursachen sind vor allem beim König zu suchen. Ludwig wurde älter, war häufiger krank und veränderte sich. Liselottes Humor, ihre Schlagfertigkeit, ihre nicht der katholischen Orthodoxie entsprechende Religiosität stießen nun auf Ablehnung beim König, der sich zunehmend um sein Seelenheil fürchtete.

Liselottes Kinder müssen Ludwigs „Bastarde“ heiraten

Zugleich veränderte sich die politische „Großwetterlage“: Die Generation der Minister, die ihn seit 1661 begleitet hatte, starb nach und nach aus, und er wurde immer stärker im Regierungsalltag gefordert. Außenpolitisch formierte sich der Widerstand gegen die französische Hegemonie in Europa. Aus Angst um die erreichten Eroberungen führte dies dazu, dass Ludwigs Agieren gegenüber dem Kaiser und anderen Akteuren immer aggressiver wurde und eine außenpolitische Krise die andere jagte.

Der Tiefpunkt ihrer Beziehungen wurde 1692 erreicht, als Ludwig XIV. der überraschten Liselotte eröffnete, er wolle zwei seiner unehelichen Kinder aus der Beziehung mit Madame de Montespan mit den Kindern Liselottes und Philippes von Orléans verheiraten. Liselotte war außer sich. Als Angehörige einer kurfürstlichen Familie von königlichem Blut (durch ihre Großmutter Elisabeth Stuart) war sie extrem rangbewusst. Daher kam es für sie nicht infrage, ihre königlichen Kinder mit „Bastarden“ zu verheiraten, die aus einem doppelten Ehebruch stammten, denn sowohl Ludwig XIV. als auch Madame de Montespan waren zum Zeitpunkt ihrer Liaison verheiratet.

Vergeblich versuchte sie, ihren Mann zu überzeugen, sich gegen dieses Projekt zu wehren. Doch Philippe stimmte, wenn auch nicht erfreut, angesichts großzügiger Hochzeitsgeschenke für seinen gleichnamigen Sohn (und für sich: er erhielt das Palais Royal) dem Projekt zu. Die Verkündigung der Verlobung endete in einem Eklat: Liselotte soll bei Hof ihrem Sohn, der ihr versprochen hatte, der Heirat nicht zuzustimmen, eine solche Ohrfeige verpasst haben, dass er „Sternchen“ sah.

In einem Brief an Sophie von Hannover erwähnte sie dies natürlich nicht. Aber sie zeigte kein Verständnis dafür, dass ihr Mann sein Einverständnis zu dieser Mesalliance geben konnte. Die Gerechtigkeit habe die Welt verlassen, so ihr Fazit. Immerhin mag dieser Widerstand dazu geführt haben, dass König Ludwig XIV. davon Abstand nahm, seinen unehelichen Lieblingssohn, den Herzog von Maine, mit Liselottes Tochter Élisabeth zu verheiraten. Sie heiratete 1698 den Herzog von Lothringen und sollte zur Mutter von Kaiser Franz I. Stephan, dem Stammvater des Hauses Habsburg-Lothringen, werden.

Die Marquise de Maintenon wird für die Pfälzerin zur Hassfigur

Was aber nachhaltig das Verhältnis zwischen Liselotte und ihrem Schwager belastete, war seine Beziehung zu Françoise d’Aubigné, Marquise de Maintenon (1635–1719). Die ehemalige Gouvernante der gemeinsamen Kinder Ludwigs XIV. mit der Marquise de Montespan nahm seit Anfang der 1680er Jahre die Rolle der Maitresse en titre, der offiziellen Geliebten, ein.

Die Marquise de Maintenon blieb bis zum Tode des Königs die einzige Frau an seiner Seite, und die Zeitgenossen notierten mit Erstaunen, wie ihr Einfluss auf den König stieg. Ihre Gegner machten sie – zu Unrecht – für die Aufhebung des Edikts von Nantes und die damit einsetzende Verfolgung der Hugenotten verantwortlich und schrieben ihr – zu Recht – großen Einfluss auf Personalentscheidungen zu. Sie nahm an Beratungen des königlichen Rates teil. Bei Krankheiten des Königs – die mit dem Alter zunahmen – wachte sie an seinem Bett.

Diese Verbindung war in den Augen Liselottes ein Skandal, denn die zur Marquise erhobene Françoise d’Aubigné entstammte dem niederen Adel, ihr Vater war verarmt und beinahe seines Titels verlustig gegangen. Hinzu kam, dass sie die Witwe eines libertinen Schriftstellers, Paul Scarron (1610–1660), war. Und diese Frau sollte nun die erste Frau des Königreiches sein und über Liselotte stehen?

So wurde die Marquise de Maintenon bis zu ihrem Tod zur bête noire, dem Schreckgespenst, in den Briefen Liselottes. Jeden Konflikt, den sie mit dem König hatte, führte sie auf seine zweite Frau zurück. In ihren Briefen bedachte Liselotte sie mit heftigen Schimpfwörtern, wie „alte Zot“, „altes Weib“, „Rompompel“. Sie beschimpfte sie als „bösen Teufel“ und als Heuchlerin und wünschte ihr sogar den Tod. „Ich wollte lieber, dass eine alte zott verreckt“, schrieb sie an Sophie am 10. August 1691.

Beide Frauen hätten nicht verschiedener sein können: auf der einen Seite die äußerst standesbewusste Liselotte, eine freigeistige Individualistin, die eine ganz persönliche Religiosität pflegte, die quer zur Orthodoxie der katholischen Reform lag, auf der anderen Seite Madame de Maintenon, die Aufsteigerin und Favoritin, auch hochintelligent, den katholischen „Mainstream“ verkörpernd, die das Ohr des Königs besaß, der ihre Intellektualität schätzte.

Der König zwingt die Rivalinnen zur Versöhnung

Ludwig XIV. war es, der beide zur Versöhnung zwang. Als am 9. Juni 1701 unvermittelt Philippe von Orléans an einem Schlaganfall starb, nötigte er Liselotte zur Aussprache mit seiner heimlichen Frau. „Freundinnen“ wurden sie auch danach nicht, aber es kam zu keinem größeren Konflikt mehr. Liselotte hatte es letztlich der „alten Zot“ zu verdanken, dass sie auch nach dem Tode ihres Mannes, mit dem sie sich in seinen letzten Lebensjahren wieder besser verstanden hatte, am Hof bleiben konnte.

So richtete sie sich in der Routine des Hofes ein, nutzte ihre Zeit zur Lektüre und zum Briefeschreiben, ging ins Theater und in die Oper, nahm an den wöchentlichen appartements und den Festlichkeiten (Musik und Spiele) in Versailles teil, besuchte die täglichen Gottesdienste, wo sie sich langweilte und über die geistliche Musik lästerte (die Musikkritik gibt ihr nicht recht: Marc-Antoine Charpentier und Michel-Richard Delalande gelten als Meister der französischen Barockmusik). Zudem führte Liselotte auch deutsche Besucher am Hofe ein, etwa 1714 den Kurprinzen von Sachsen.

Das Verhältnis zu Ludwig XIV. verbesserte sich nicht wesentlich während ihrer Witwenschaft, blieb aber ohne weitere Konflikte. Als 1701 der Spanische Erbfolgekrieg ausbrach, erschwerte dies den brieflichen Austausch nicht grundsätzlich, Liselotte schrieb weiter lange Briefe an ihre Tante Sophie und immer mehr auch an ihre Halbschwestern Louise und Amelie. Langjährige Vertraute starben, wie ihre Tante Louise Hollandine (1709) oder ihr philosophischer Freund aus Heidelberger Zeiten, Étienne Polier de Bottens (1711), und schließlich Sophie von Hannover (1714).

Die letzte große Zäsur in Liselottes Leben war der Tod Ludwigs XIV., dessen Verfall und Agonie sie in ihren Briefen beschrieb. Darin zeigte sie sich erschüttert und zutiefst beeindruckt von der Standhaftigkeit, mit der der König sein Sterben öffentlich inszenierte. Tief bewegt notierte sie, wie er von ihr und seiner überlebenden Familie Abschied nahm (Chronisten des Hofes bestätigen, dass Madame kurz davorstand, ohnmächtig zu werden). Sie wusste, dass eine Epoche zu Ende ging.

Auch nach seinem Tod sprach sie mit Bewunderung von Ludwig XIV. und bedauerte, dass er sich von einem „alten Weib“ habe beeinflussen lassen. Mit dem Sterben Ludwigs endete auch die „Herrschaft“ der Maintenon, die einen Tag vor dem Tod des Königs Versailles dauerhaft verließ. Nun war Liselotte, als Mutter des Regenten Philippe von Orléans, die zweite Frau des Hofs in der Hierarchie des Königreiches.

Neue Einschätzung: Liselotte war eher integriert als isoliert

Lebte Liselotte am Hofe des Sonnenkönigs isoliert inmitten eines „dekadenten“ Hofs, wie in der älteren, deutsch-nationalen Forschung immer behauptet? Angesichts neuerer Forschungsergebnisse muss man dieses Urteil revidieren. Liselotte war eingebunden in einen rigiden Tagesablauf am Hof, der sich im Laufe der Jahrzehnte veränderte. Es gelang ihr, sich Respekt und Anerkennung zu verschaffen. Sie wurde nicht zu einer der im Schatten ihrer Männer stehenden, von beständigen Schwangerschaften früh erschöpften Ehefrauen am Hof, wie die Königin Maria Theresia oder die Dauphine Marie Christine von Bayern.

Ihren Status in einer männlich dominierten Hofgesellschaft musste sie sich erkämpfen, und dies wertete eine nationalistisch inspirierte Geschichtsschreibung als Isolation einer „wahrhaft deutschen Frau“. Von dieser Perspektive muss sich die Liselotte-Forschung endgültig lösen, um Liselotte als eine der großen Frauenpersönlichkeiten des 17. Jahrhunderts neu zu entdecken.

Autor: Prof. Dr. Sven Externbrink

ist außerplanmäßiger Professor und Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fernuniversität Hagen.

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