Der Stammbaum des Menschen ähnelt eher einem Busch als einem geordneten Schema. Denn im Laufe der letzten gut drei Millionen Jahren entwickelten sich in Ost- und Südafrika viele verschiedene Formen von Vor- und Frühmenschen, die teils nebeneinander, teils nacheinander in einem Lebensraum vorkamen. Welche dieser Homininen zu unseren direkten Vorfahren gehörten, welche Linien ohne Nachfolger ausstarben und wie die verschiedenen Spezies zusammenhingen, ist erst in Teilen geklärt. Klar scheint aber, dass die Vormenschengattung Australopithecus in der Zeit vor mehr als drei Millionen Jahren dominierte. Zu ihr gehört unter anderem das berühmte Fossil „Lucy“ aus der Afar-Region in Äthiopien. Ab der Zeit vor rund 2,5 Millionen Jahren tauchten dann die ersten Vertreter der Gattung Homo auf. Doch wann und wie der Übergang von Vormenschen wie Australopithecus zu diesen ersten Frühmenschen stattfand, ist bisher ungeklärt – auch, weil es aus der Zeit vor drei bis zwei Millionen Jahren nur sehr lückenhafte Fossilfunde gibt.
Eine besondere Rolle für unser Wissen um die frühe Menschheitsentwicklung spielt die Fundstätte Ledi-Geraru in der Afar-Region. Dort haben Forschende vor rund zehn Jahren das bisher älteste bekannte Fossil der Gattung Homo entdeckt. Sie ordneten den 2,8 Millionen Jahre alten Unterkieferknochen samt Zähnen aufgrund seiner eher archaischen Merkmale einem Vorgänger des Homo habilis und Homo rudolfensis zu. Dazu passt, dass im Jahr 2019 ganz in der Nähe von Ledi-Geraru die mit 2,6 Millionen Jahren ältesten bekannten Steinwerkzeuge der Oldowan-Technologie gefunden wurden – sie gilt als Kennzeichen der Gattung Homo.
13 Zähne – aber nicht dieselbe Art
Jetzt gibt es neue Funde aus Ledi-Geraru. Ein internationales Forschungsteam um Brian Vilmoare von der University of Nevada hat bei Ausgrabungen an drei verschiedenen Stellen dieser Fundstätte mehrere Zähne von Homininen entdeckt. Die in diesem Gebiet abgelagerten vulkanischen Ascheschichten erlaubten es den Forschenden, die Funde relativ genau zu datieren. Die ältesten neu entdeckten Zahnfossilien sind demnach rund 2,78 Millionen Jahre alt, die jüngsten 2,59 Millionen Jahre. Aber von wem stammen sie? Nähere Analysen der Zahnmorphologie ergaben: Der älteste Zahnfund zeigt Merkmale der Gattung Homo und ähnelt den Zähnen des schon zuvor an dieser Fundstätte entdecktem Unterkiefer. Auch die beiden jüngsten Zahnfossilien, zwei Backenzähne, ordnet das Team der Gattung Homo zu. „Die neuen Funde bestätigen damit das hohe Alter unserer Gattung“, sagt Vilmoare. Welcher Art diese Frühmenschen angehörten, lässt sich jedoch allein anhand dieser Zähne nicht feststellen.
Als überraschend erwiesen sich weitere zehn Zähne, die aus der rund 2,63 Millionen Jahre alten Fundschicht Lee Adoyta von Ledi-Geraru stammen. Denn wider Erwarten stammen sie nicht von einem Frühmenschen, sondern von einem Vormenschen. „Da diesen Funden klare Eigenmerkmale früher Homo-Vertreter fehlen, ordnen wir sie provisorisch dem Australopithecus zu“, schreibt das Team. Damit könnten diese Funde von einer der letzten überlebenden Populationen dieser Vormenschen in Ostafrika stammen. Doch zu welcher Art des Australopithecus diese Zähne gehören, ist unklar, wie Vilmoare und seine Kollegen erklären. Die Zahnmerkmale weichen sowohl von denen des Australopithecus afarensis als auch des Australopithecus garhi oder des Paranthropus ab. Die Forschenden kommen daher zu dem Schluss: „Die Zähne aus Lee Adoyta repräsentieren eine bisher unbekannte Spezies des Australopithecus aus dem frühen Pleistozän“, schreiben sie.





