Die Alpen zeugen von einer anhaltenden Kollision der Kontinente: Die adriatische Platte – ein Teil der afrikanischen Platte – kollidierte auf ihrer Nordwanderung mit der europäischen Platte. Vor rund 30 Millionen Jahren begannen sich dadurch Teile der Erdkruste aufzuwölben. Riesige Mengen an Gestein wurden übereinander geschoben, zerbrochen und aufgefaltet - die Alpen wuchsen in die Höhe. Weil die Plattenbewegung bis heute anhält, heben und verformen sich die Alpen bis heute.
Welche Rolle spielt die Plattenkollision heute noch?
Doch wie sich die Plattentektonik heute noch auf die Alpen auswirkt, ist nicht ganz einfach festzustellen. Zwar hält die Nordwanderung der adriatischen Platte an, mit nur drei bis vier Millimetern pro Jahr bewegt sie sich aber nur sehr langsam. Dieses in der Tiefe wirkende tektonische Signal ist dadurch schwer zu detektieren. „Spuren tektonischer Bewegung werden oft durch Erosion, Vergletscherung und andere landschaftsformende Prozesse überprägt oder gelöscht“, erklärt Christoph Grützner von der Universität Jena.
Um mehr Klarheit zu schaffen, haben Grützner und sein Team nun die Ergebnisse mehrerer großer seismologischer und geologischer Messkampagnen und Studien der letzten Jahre zusammengetragen und ausgewertet. Mithilfe dieser Daten konnten sie klären, welche Rolle die aktive Tektonik für die anhaltende Hebung der Alpen – im Schnitt um 1,8 Millimeter pro Jahr - spielt. Auch die langsame Drift der Ost- und Südalpen Richtung Osten haben sie untersucht.

Tektonische Karte der Alpen, der sie prägenden Plattenteile und der Verwerfungen. — © Grützner et al./ Tectonics, CC-by 4.0
Eiszeit-Ausgleich statt tektonische Prozesse
Das Ergebnis: „Unsere Daten zeigen, dass wir die heutige Verformung nicht einfach direkt aus tiefen geologischen Prozessen ableiten können“, berichtet Grützner. Die anhaltende Nordwanderung der adriatischen Platte ist demnach – anders als landläufig angenommen - nicht der Hauptmotor für die heutige Hebung der Alpen. „Stattdessen werden die heutigen Hebungsraten, die entlang der höchsten Gebirgsketten Spitzenwerte von 1,5 bis 2 mm/Jahr erreichen, primär durch isostatische Entlastung seit dem letzten glazialen Maximum bestimmt“, berichten die Geologen.
Das bedeutet: Die Alpengipfel heben sich heute nicht wegen der Plattenkollision tief im Untergrund, sondern weil die alpine Erdkruste noch heute auf das Ende der Eiszeit reagiert. Als die dicken Eispanzer der Eiszeit schmolzen, verringerte sich die enorme Auflast, die die Erdkruste unter den Alpen in die Tiefe gedrückt hatte. Als Reaktion auf diese Entlastung hebt sich die Erdkruste unter den Alpen wieder – mit tausenden Jahren Verzögerung und in Zeitlupe.
Plattenkollision verschiebt und verkürzt die Alpen
Doch auch die Plattenkollision geht nicht spurlos an den heutigen Alpen vorüber: Sie verursacht vor allem die horizontalen Verformungen und Bewegungen der Alpen. Besonders deutlich ist dies am Südrand der Alpen: „Der überwiegende Teil dieser horizontalen Deformation wird durch Verkürzung um rund zwei Millimeter pro Jahr an Verwerfungen entlang der südalpinen Front erzeugt“, erklären die Geologen. Die Plattenkollision staucht demnach die Erdkruste unter den Südalpen weiterhin auf.
Auch die Ostdrift der Süd- und Ostalpen und deren Verformung geht auf diese Nordwanderung zurück: Tektonische Verwerfungen tief im Untergrund lenken den Druck seitlich um und verschieben dadurch Teile der Ostalpen um rund 1,5 Millimeter pro Jahr nach Osten. Beides zusammen – die Verkürzung im Süden und die Verschiebungen entlang dieser Verwerfungen nach Osten erklären, warum sich die meisten Erdbeben entlang des südlichen Alpenrands und in den dinarischen Alpen konzentrieren, so die Geologen.
Allerdings hängen Erdbebenrisiko und Deformation noch von einem weiteren Faktor ab: „Die Festigkeit der Erdkruste bestimmt, wo sich Spannungen aufbauen und damit auch, wo Erdbeben auftreten. So sorgt ein besonders stabiler Krustenblock unter den Dolomiten für eine seismisch ruhige, nahezu unveränderte Zone“, erklären Grützner und sein Team. In den Gebieten um solche Krustenblöcke sind die Spannungen dafür umso höher.
Quelle: Christoph Grützner (Friedrich-Schiller-Universität Jena, 2026; doi: Tectonics 2026; doi: 10.1029/2025TC009267





