von RÜDIGER VAAS
Als der Dresdner Geologe Ernst Kalkowsky 1908 vermutete, bestimmte geschichtete und knollige Steine im rund 250 Millionen Jahre alten norddeutschen Buntsandstein wären durch Lebewesen gebildet worden, glaubte ihm niemand. Damals gab es dafür noch keine geochemischen und mikrobiologischen Indizien. Doch er sollte Recht behalten, denn diese Strukturen, die Kalkowsky Stromatolithen nannte, entstehen durch den Stoffwechsel von Cyanobakterien und anderen Mikroorganismen. Es gibt sie auf der Erde immer noch, etwa in der westaustralischen Shark Bay. Und Stromatolithen gehören zu den frühesten Lebensspuren auf der Erde überhaupt – mit einem Alter von teilweise mehr als 3,5 Milliarden Jahren.
Kalkowsky argumentierte auf rein morphologischer Basis, also nach dem Aussehen. Das war nicht unwissenschaftlich. Und warum sollten geologische Kriterien, die auf der Erde gelten, nicht auch auf dem Mars sinnvoll sein? Das fragte Vincenzo Rizzo vom Nationalen Forschungsrat in Cosenza, Italien, bereits in der Überschrift eines Artikels, den er in diesem März im International Journal of Astrobiology veröffentlicht hat. Darin interpretierte er ring- und zylinderförmige sowie konzentrische zwiebelförmige Strukturen, fotografiert von den Mars-Rovern Spirit, Opportunity und Curiosity, als Indizien für Leben. Tatsächlich sehen einige dieser Makrostrukturen irdischen Stromatolithen verblüffend ähnlich.
Erklärungen basierend auf abiotischen Verwitterungsprozessen hält Rizzo für unwahrscheinlich. So lange nur visuelle Inspektionen möglich sind, müsse man sich eben – wie Kalkowsky – auf deren Interpretation beschränken, bedauert er. Analysen etwa des Gehalts der Kohlenstoff-Isotope 12 und 13 könnten künftig weiterhelfen, ebenso mikroskopische und geochemische Untersuchungen. Auch wenn sich Rizzo recht vorsichtig ausdrückt, betrachtet er die an Stromatolithen erinnernden Strukturen doch als plausible Kandidaten für einstige Lebensformen auf dem Mars.
„Zwar bin ich sehr skeptisch, was rein optisch beurteilte Formen betrifft, weil das menschliche Gehirn die Tendenz hat, in Muster etwas hineinzuinterpretieren, das es nicht gibt“, kommentiert Dirk Schulze-Makuch. Der Astrobiologe ist Professor an der Technischen Universität Berlin. „Allerdings hat mich Rizzos Studie nachdenklich gemacht. Wenn – und das ist ein großes Wenn! – es Stromatolithen auf dem Mars gäbe, würden sie wohl so aussehen wie auf den Fotos der Rover.“
Organische Moleküle im Sediment
Im Prinzip kann jede Struktur, die von Lebewesen gebildet wurde, auch durch einen rein physikalischen oder geochemischen Prozess entstanden sein. Wahrscheinlich sind einige solcher Prozesse sogar unbekannt, wenn sie auf einem fremden Planeten mit ganz anderen Umweltbedingungen stattfinden. Doch der Mars ist inzwischen recht gut erforscht. Vor vier Milliarden Jahren gab es dort wohl Seen, Flüsse und im Norden sogar einen Ozean. Noch heute könnten unter der Oberfläche miteinander verbundene Wassersysteme existieren, erwärmt vielleicht durch vulkanische Aktivität. Und im Mars-Boden stecken beträchtliche Mengen an Wassereis. Allerdings hat der Mars nur eine dünne Atmosphäre, seine Oberfläche ist meistens extrem trocken und kalt sowie fast schutzlos der ultravioletten Sonnenstrahlung ausgesetzt.





