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Algen-Snacks für Rinder
Wenn Wiederkäuer verdauen, rülpsen sie Methan aus. Dadurch verursachen Rinder global einen größeren Treibhauseffekt als der Betrieb aller Pkw. Das übliche Rezept lautet: Weniger Fleisch essen. Aber es gibt noch eine andere Lösung: Eine Handvoll Rotalgen pro Rind und Tag verfüttern.
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von ULRICH EBERL
In Sachen Hightech müssen sich Rinder heute einiges gefallen lassen. In vielen Ställen erfassen Kameras die Euter der Kühe, wenn sie das Melkkarussell betreten. Roboterarme bringen die Melkbecher an, und Sensoren messen die Qualität der Milch. Manche Kühe bekommen vorher noch eine automatische Bürstenmassage. In den Weiten Kentuckys trainieren Forscher Drohnen darin, aus der Luft selbsttätig bestimmte Tiere zu finden und festzustellen, ob sie genug fressen. Und in Australien werden Herden mithilfe der aggressiv summenden Flugobjekte zusammengetrieben. Die Zeit der Cowboys scheint vorbei zu sein.
Doch was Wissenschaftler nun vorhaben, hat eine ganz neue Qualität. Fredrik Åkerman, einer der beiden Gründer des schwedischen Start-up-Unternehmens Volta Greentech, schwärmt vom „möglicherweise größten Ereignis in der Branche seit Erfindung der pasteurisierten Milch“. Es geht darum, wie man eine der stärksten Quellen für Treibhausgase versiegen lassen kann: die Mägen der Rinder. Wie das funktionieren könnte, lässt sich mit den 17 kräftigen Jungbullen demonstrieren – Kreuzungen zwischen Hereford-, Angus- und Charolais-Rindern –, die vor einigen Monaten auf der Farm „Tre Bönder“ bei Eskilstuna westlich von Stockholm Teil einer Volta-Greentech-Studie waren.
Mehrmals am Tag steuerten die Rinder eine Hightech-Maschine an, die mit leckerem Futter lockte. Während die Bullen ihren Kopf in die Öffnung steckten, um einige Minuten lang zu fressen, saugte ein Ventilator die Luft rund ums Maul ab, und Sensoren bestimmten die Atemgase, vor allem das Klimagas Methan. Auf den Tag gerechnet waren es 250 Liter Methan, die jedes Rind ausrülpste – ein Durchschnittswert, bei größeren Tieren können es auch schon mal 400 Liter sein. Bei weltweit rund 1,4 Milliarden Rindern kommt da eine Menge zusammen: in Gewicht umgerechnet etwa 100 Millionen Tonnen Methan pro Jahr.
Das Problem: Klimaforscher haben ermittelt, dass Methan ein 28 Mal so starkes Treibhausgas ist wie Kohlendioxid. Das Gas aus den Rindermägen entspricht also 2,8 Milliarden Tonnen an CO2-Äquivalenten. Oder plakativ ausgedrückt: Die 1,4 Milliarden Rinder sind aufgrund ihrer Verdauung klimaschädlicher als der Betrieb der weltweit 1,25 Milliarden Pkw. Denn ein typisches Benzin- oder Diesel-Auto mit durchschnittlich 12.000 Fahrkilometern stößt pro Jahr etwa zwei Tonnen CO2 aus, alle Pkw zusammen also 2,5 Milliarden Tonnen.
84 Mal so schlimm wie Kohlendioxid
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Genau genommen ist die Lage sogar noch schlimmer, weil bei den Berechnungen der Klimawirksamkeit üblicherweise ein Vergleichszeitraum von 100 Jahren angenommen wird. Allerdings bleibt Methan, anders als das langlebige CO2, im Mittel nur 12 Jahre in der Atmosphäre. Wenn man daher die Wirkung innerhalb von 20 Jahren betrachtet, ist Methan sogar 84 Mal so klimawirksam wie CO2.
Wer eine möglichst schnelle Verringerung des Treibhauseffekts erreichen will, sollte also zunächst den globalen Methan-Ausstoß reduzieren. Dazu muss man Lecks bei der Öl- und Gasförderung schließen, Methan aus Mülldeponien auffangen, Reis klimafreundlicher anbauen und sich vor allem auf die Wiederkäuer konzentrieren: Schafe, Hirsche, Ziegen und – am wichtigsten – Fleischrinder und Milchkühe.
Eine verblüffende Entdeckung
Aufgerüttelt wurden die Rinderhalter vor wenigen Jahren, als Forscher in Australien und den USA bei Experimenten entdeckten, dass Rinder, die neben ihrem Grün- und Kraftfutter noch eine geringe Menge an Rotalgen verschlangen, in ihrem Gewicht normal zulegten, aber kaum noch Methan ausstießen. Fredrik Åkerman und sein Mitgründer von Volta Greentech, Angelo Demeter, waren sofort elektrisiert und beschlossen, mit ihrer Firma diese Idee zu verfolgen.
In Tanks mit frischem Meerwasser und künstlichem Licht kultivieren sie seither die Rotalge Asparagopsis taxiformis, die weltweit in tropischen und warmen Meeren vorkommt und unter anderem in der hawaiianischen Küche verwendet wird. Nach der Ernte werden die Algen gefriergetrocknet, pulverisiert und dem Futter der Rinder beigemischt. „60 Gramm pro Tag reichen, das sind 0,6 Prozent des Trockenfutters, das ein Bulle täglich frisst“, berichtet Angelo Demeter in einer Zusammenfassung der Tre-Bönder-Studie. Die Messergebnisse waren eindeutig: Statt 250 Liter Methan pro Tag enthielt die Atemluft der Rinder im Durchschnitt nur noch rund 50 Liter, also etwa 80 Prozent weniger Treibhausgas.
Die Rinder fraßen die Rotalgenbeimischung gerne, hatten keinerlei gesundheitliche Probleme, und nach der Schlachtung ließen sich auch keine Geschmacksveränderungen beim Fleisch feststellen. Zusammen mit Lebensmittelunternehmen peilte Volta Greentech daraufhin die Supermärkte an. Im Juli 2022 brachte die Start-up-Firma unter der Marke LOME („Low on methane“) das nach eigenen Angaben „weltweit erste methanreduzierte Rindfleisch“ auf den Markt – zunächst für einige Wochen als Pilotprojekt. Doch das Ziel ist weiter gesteckt. „Wir wollen die Algen als Futterergänzungsmittel zum Industriestandard in der Milch- und Fleischindustrie machen“, sagt Fredrik Åkerman.
Wenn das gelingt, könnten Rotalgen tatsächlich einen wichtigen Beitrag zur Klimagasreduktion leisten. Warum allerdings eine so verschwindend geringe Menge an Algenfutter pro Tag einen so gewaltigen Effekt hat, ist noch nicht ganz klar. Der größte Vormagen der Rinder, der Pansen, steckt voller Hochleistungs-Mikroorganismen, die schneller arbeiten als jede Biogasanlage. Neben vielen Bakterienarten, die Kohlenhydrate aufspalten, sind darunter auch Archaeen. Sie verhindern, dass bei der Gärung zu viel Ethanol und Milchsäure entsteht – doch dabei bildet sich eben Methan. Wissenschaftler vermuten, dass die Rotalgen über halogenierte Kohlenwasserstoffe, darunter Bromoform, Enzyme der Archaeen blockieren, die für die Methanproduktion gebraucht werden.
Allerdings: Bromoform ist bekannt dafür, dass es giftige Verbindungen bilden und die Ozonschicht angreifen kann. Insofern sind noch einige Forschungsarbeiten nötig, um nachzuweisen, dass die Rotalgen nicht nur das Methanproblem der Rinder lösen, sondern als Futterergänzungsmittel dauerhaft für Tier und Umwelt unschädlich sind. Sollten sich die ersten positiven Ergebnisse bestätigen, müssten Firmen wie Volta Greentech nur noch einen Weg finden, wie man täglich Tausende Tonnen Algen an Hunderte Millionen Rindern verfüttern kann – ein Logistikproblem der Extraklasse.
Weltweit wachsender Fleischkonsum
Für Klima, Umwelt und eine gesunde Ernährung am besten wäre natürlich, wenn der Fleischkonsum insgesamt sinken würde. Doch weltweit zeigt die Entwicklung bisher in die andere Richtung: So hat sich seit 1960 der globale Fleischkonsum – vor allem Geflügel, Schwein und Rind – auf 340 Millionen Tonnen pro Jahr fast verfünffacht. Das gilt nicht nur für Industrienationen: Chinesen essen heute im Durchschnitt sechsmal so viel Rindfleisch wie noch vor 30 Jahren.
Die Auswirkungen sind enorm. Knapp ein Drittel der Landfläche der Erde dient heute der Landwirtschaft. Viehweiden übertreffen dabei mit 3,3 Milliarden Hektar die Ackerflächen ums Doppelte. Mehr noch: Knapp die Hälfte der Ernte wird an Tiere verfüttert – mit der Folge, dass die Fleischindustrie fast 80 Prozent der weltweiten landwirtschaftlichen Fläche direkt und indirekt braucht. Beispielsweise landen über vier Fünftel der Sojaerträge als Proteinfutter in den Ställen. Etwa ein Viertel aller Abholzungen in Südamerika geht auf das Konto dieser Hülsenfrucht, und einen Großteil der restlichen Waldverluste haben die Rinderbarone zu verantworten, die Weideflächen brauchen. Neben den Palmölplantagen in Asien ist die Fleischwirtschaft eine Hauptursache für den Artenverlust bei Pflanzen und Tieren in den Tropen.
Gegenläufiger Trend
In Deutschland ist immerhin ein Anfang gemacht: 2019 sank der Fleischverzehr erstmals unter den langjährigen Wert von 60 Kilogramm pro Kopf und Jahr – 2021 sogar auf nur 55 Kilogramm, weniger als in China. Es zeichnet sich ein Trend zu weniger, aber qualitativ besserem Fleisch aus artgerechterer Tierhaltung ab. Salat und Gemüse könnten künftig nicht mehr die Beilage zu einem großen Steak sein, sondern umgekehrt: Ein zartes, aromatisches Filetstück liegt dann auf einem bunten Bett aus frischen Zutaten. Aber der Weg dorthin ist noch weit: Der Umsatz mit Biolebensmitteln hat sich in Deutschland in den letzten zehn Jahren zwar mehr als verdoppelt. Sein Anteil liegt dennoch bei nur sieben Prozent aller Lebensmittel, bei Fleisch sogar unter vier Prozent.
Doch immer mehr Menschen in Deutschland verzichten ganz auf Fleisch: 2021 bezeichneten sich 7,5 Millionen als Vegetarier und 1,7 Millionen als Veganer. Besonders beliebt ist diese Ernährungsweise bei den 14- bis 29-Jährigen: Hier liegt der Anteil derer, die auf Fleisch verzichten, schon bei 18 Prozent, bei den Älteren bei 12 Prozent. Und noch ein Faktum belegt den Trend: Vor vier Jahren waren die Ausgaben deutscher Haushalte für Obst, Gemüse und Kartoffeln zum ersten Mal höher als die für Fleisch und Fisch.
Fleischersatzprodukte, die aus pflanzlichen Proteinen bestehen, aber wie Fleisch aussehen und so ähnlich riechen und schmecken, sind zwar nach wie vor Nischenprodukte, aber mit enormen Wachstumsraten. Vegane Chicken-Nuggets, Würstchen und Veggie-Burger finden sich nun in Supermärkten ebenso wie in Fastfood-Ketten. Erste vegane Pseudo-Steaks aus Erbsen- und Sojaproteinen und pflanzlichem Fett werden sogar mit 3D-Druckern hergestellt, die für jeden Punkt der Bioschichten festlegen, wie viel Eiweiß, Fett oder Flüssigkeit enthalten sein soll.
In Lateinamerika, Afrika und vielen Ländern Asiens sind Insekten beliebte Snacks. Ihre Klimabilanz ist weit besser als die von Schweinen oder Rindern. Doch für Europäer ist das „Novel Food“ aus gebratenen Heuschrecken, frittierten Grillen mit Chili und Limetten oder Mehlwürmern in Schokolade noch gewöhnungsbedürftig. Vielleicht wären Meeresalgen eine Alternative. Sie enthalten ebenfalls viele Vitamine und Mineralstoffe sowie ungesättigte Fettsäuren und Proteine mit allen essenziellen Aminosäuren.
Algen für Salat, Suppe und Sushi
China produziert pro Jahr in Meeresfarmen 15 Millionen Tonnen Algen für den heimischen Markt. In Indonesien und Südkorea gibt es teils riesige Algenfarmen vor den Küsten, die sogar aus dem Weltall zu sehen sind. In Japan werden grüne, braune, rote und schwarze Algen für Salate, Suppen, Gemüse und Sushi teilweise gehandelt wie Wein. Und selbst in Nordeuropa wachsen kommerzielle Meeresalgen, zum Beispiel produziert vom dänischen Unternehmen Ocean Rainforest auf 20 Kilometer langen Leinen vor den Färöer-Inseln. Das könnte auch ein Weg in die Zukunft sein: Algen, die sowohl zur Methanreduktion bei Rindern dienen als auch zur Fleischreduktion bei der menschlichen Ernährung.
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