Schon Albert Einstein hat nach einer „Weltformel” gesucht, um alle grundlegenden Kräfte der Physik zu vereinheitlichen – vergeblich. Mit der String-Theorie versuchen Physiker seit über 30 Jahren erneut, eine einheitliche Beschreibung der Welt zu finden. Auch das wohl vergeblich, meint der amerikanische Physiker Lee Smolin in seinem Buch, das im Original „The Trouble with Physics” heißt. Und „Trouble” gibt es: Die String-Forschung, so meint der Autor, habe bislang nicht nur keine brauchbaren Ergebnisse gebracht. Sie blockiere auch Fortschritte in der theoretischen Physik, da sie sich zum alles beherrschenden Mainstream entwickelt habe.
Smolin, selbst renommierter theoretischer Physiker, Doktortitel in Harvard, weiß, worüber er schreibt. Die String-Forschung hat er von Anfang an verfolgt. Damals verfügten die Physiker mit dem Standardmodell der Teilchenphysik über eine Theorie der Elementarteilchen und Kräfte, die alle Experimente erklären konnte. Seither ist in der theoretischen Physik nichts wirklich Neues dazugekommen, ist Smolin überzeugt.
Die String-Theorie postuliert die Existenz eindimensionaler Objekte, sogenannter Strings. Alle Elementarteilchen, so die Annahme, erwachsen aus Schwingungen dieser Strings. Inzwischen gibt es zahlreiche Spielarten dieser Theorie. Doch trotz aller Anstrengungen der letzten 20 Jahre, so Smolin, haben die Forscher noch keine Vorhersagen treffen können, die sich experimentell überprüfen ließen.
Smolin erläutert seine Kritik ausführlich und verständlich. Dabei gibt er Einblicke in seinen eigenen Denkprozess und in Diskussionen mit Kollegen. Wie es mit der Physik weitergehen könnte, beschreibt er in einem eigenen Abschnitt. Dabei bleibt es allerdings, dem Stand der Forschung entsprechend, bei vielversprechenden Fragen und Ansätzen.
Sehr lesenswert ist der letzte Abschnitt. Auf 120 Seiten begibt sich der Physiker aufs soziologische Feld und beschreibt, wie Wissenschaft funktioniert: Der „Peer Review”, die Begutachtung eingereichter Veröffentlichungen, und die institutionelle Macht älterer Wissenschaftler führten zu einem „ erzwungenen Konsens” und zu einer „Mitläufer-Wissenschaft”, kritisiert Smolin. Der wissenschaftliche Nachwuchs würde auf Anpassung und Risikovermeidung geeicht. „Revolutionäre”, folgert Smolin, „werden an Forschungsuniversitäten einfach nicht mehr geduldet.” Eine provozierende Analyse, die nicht nur für die String-Forschung gilt. Heinz Horeis
Lee Smolin DIE ZUKUNFT DER PHYSIK Deutsche Verlags-Anstalt München 2009 494 S., € 24,95 ISBN 3–421–04296–9





