In Mitteleuropa gab es lange Zeit nur eine heimische Wasserschildkröte: die Europäische Sumpfschildkröte (Emys orbicularis). Diese bis zu 20 Zentimeter lange, meist dunkelbraun gefärbte Schildkröte lebt im ruhigen, flachen Uferbereich von Seen, Teichen, Flussaltarmen und anderen stillen Gewässern. Sie bevorzugt schlammige, mit Wasserpflanzen zugewachsene und nährstoffreiche Gewässer. Diese einst häufige Schildkrötenart ist jedoch selten geworden und gilt als potenziell gefährdet, in Deutschland sogar als vom Aussterben bedroht. Die wenigen noch existieren Bestände haben sich zum Teil aus ausgesetzten Tieren entwickelt.
14 nicht heimische Wasserschildkrötenarten
Doch inzwischen hat die Sumpfschildkröte Gesellschaft bekommen: In deutschen Gewässern leben zahlreiche Wasserschildkrötenarten, die hier ursprünglich nicht heimisch waren. Welche und wie viele dies sind, haben nun Biologen um Hedi Schloddarick von der Technischen Universität Berlin genauer untersucht. „Im Mittelpunkt unserer Untersuchung standen drei Fragen: Wie groß ist die Vielfalt nichtheimischer Wasserschildkrötenarten? Wie sind diese Arten in Deutschland verbreitet? Und wie stark hängt ihre Verbreitung mit menschlichen Faktoren zusammen?“, erklärt Schloddarick. Dafür wertete das Team 1770 Schildkröten-Nachweise aus, die aus wissenschaftlichen Veröffentlichungen und Citizen-Science-Projekten stammen.

Das Ergebnis: In den Seen, Flüssen, Tümpeln und Bächen Deutschlands gibt es mit der Europäischen Sumpfschildkröte 15 Wasserschildkrötenarten – 14 davon sind hier ursprünglich nicht heimisch. Sie wurden über den Tierhandel importiert und von Tierhaltern ausgesetzt. „Die mit Abstand häufigste in Deutschland auftretende Art ist mit 1237 Nachweisen die Nordamerikanische Buchstaben-Schmuckschildkröte Trachemys scripta – sie macht rund 70 Prozent aller Beobachtungen aus“, berichtet Seniorautor Johannes Penner vom Museum für Naturkunde Berlin. Diese Wasserschildkröte stammt ursprünglich aus der Mississippi-Region der USA und ist als Haustier beliebt.
Tierhandel und ausgesetzte Exemplare
Schon in den 1950er Jahren erfreute sich eine Unterart dieser Spezies, die Rotwangen-Schmuckschildkröte (Trachemys scripta elegans) so großer Beliebtheit, dass sie millionenfach verkauft wurde und zu den weltweit am häufigsten gehandelten Reptilienarten gehörte. Allerdings stellte sich bald heraus, dass diese nordamerikanische Wasserschildkröte bei Einschleppung in andere Regionen schnell zur invasiven Art werden kann. 1997 verbot die Europäische Union deshalb den Import dieser Unterart. Weil aber die Nachfrage hoch blieb, wurden stattdessen andere Unterarten von Trachemys scripta und Kreuzungen nach Europa eingeführt und gehandelt.
Als Folge sind nun die verschiedenen Varianten und Unterarten der Nordamerikanischen Buchstaben-Schmuckschildkröte auch in Deutschland weit verbreitet. Der neuen Erhebung zufolge gehört sie auch zu den drei eingeschleppten Arten, die sich inzwischen bei uns fortpflanzen können und daher als etabliert gelten. Die anderen beiden Wasserschildkrötenarten sind die Gewöhnliche Schmuckschildkröte (Pseudemys concinna) und die Falsche Landkarten-Höckerschildkröte (Graptemys pseudogeographica). „Die weite Verbreitung dieser Arten lässt sich vermutlich durch ihre große Beliebtheit als Haustiere erklären. Sie gelten als vergleichsweise pflegeleicht, sehen attraktiv aus und waren lange Zeit günstig erhältlich“, sagt Schloddarick.
Am häufigsten in Ballungsräumen und stadtnahen Gebieten
Die geografische Verteilung der 14 bei uns nicht heimischen Wasserschildkrötenarten stützt die Annahme, dass sie größtenteils durch Aussetzen in die Natur gelangten. Denn Vielfalt und Anzahl der Schildkröten sind in Städten und stadtnahen Gebieten besonders hoch, wie das Team ermittelte. Schwerpunkte liegen vor allem in den Ballungsräumen im Westen Deutschlands, aber auch in und bei Hamburg, Heidelberg, Freiburg, Stuttgart und München. In Ostdeutschland gibt es dagegen nur einen größeren Verbreitungsschwerpunkt im Raum Berlin sowie einige Nachweise bei Leipzig.
„Das Muster bestätigt einen engen Zusammenhang zwischen der Verbreitung der Tiere und menschlicher Präsenz. Es deutet stark darauf hin, dass menschliche Aktivitäten – insbesondere das Aussetzen von Haustieren – eine entscheidende Rolle spielen“, sagt Schloddarick. Nach Ansicht der Biologen sind Maßnahmen gegen eine weitere Verbreitung dieser nicht heimischen Schildkrötenarten dringend nötig. Denn auch wenn bisher nur wenige dieser Arten als potenziell invasiv gelten, könnte sich dies in naher Zukunft ändern: „Durch den Klimawandel könnten sich jedoch künftig mehr Arten erfolgreich vermehren, eventuell ausbreiten und stärkere Auswirkungen auf heimische Ökosysteme verursachen“, erklärt die Biologin.
Was kann man tun?
Für einige bereits bei uns etablierte Wasserschildkrötenarten könnten Importverbote und Handelsbeschränkungen schon nicht mehr ausreichen: „2016 wurde Trachemys scripta in die ‚EU-Liste der unerwünschten Spezies‘ aufgenommen“, sagt Penner. Dennoch hat sich diese Schildkröte weiter ausgebreitet. In den ohnehin künstlichen Umgebungen der Ballungsräume sei die Ausbreitung gebietsfremder Schildkröten weniger problematisch. „Aber in natürlichen Gebieten, die an Habitate bedrohter Arten angrenzen, beispielsweise die der Europäischen Sumpfschildkröte, ist schnelles Handeln entscheidend“, schreiben die Forschenden. Dort sei es nötig, die Bestände genauer zu überwachen und gegebenenfalls zu regulieren.
„Zudem können Schildkrötenbeobachtungen über iNaturalist und das dortige Projekt ‚Turtles of Germany‘ gemeldet werden“, erklärt Co-Autor Frederic Griesbaum vom Museum für Naturkunde Berlin. „Je mehr Menschen sich beteiligen, desto besser lassen sich Verbreitung und Ausbreitung nicht heimischer Schildkrötenarten in Deutschland nachvollziehen und gezielt Schutzmaßnahmen für Tiere und Ökosysteme entwickeln.“
Quelle: Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung; Fachartikel: NeoBiota, doi: 10.3897/neobiota.107.178668





