von THOMAS BRANDSTETTER
Je bunter die Blätter der Bäume werden, desto mehr Menschen leiden an Schnupfen. Doch ist die herbstliche Laubfarbe tatsächlich die Ursache für die vielen Erkältungen? Oder ist es gar umgekehrt? Natürlich nicht! Als Menschen, die selbst schon verstopfte Nasen hatten und in ihrem Leben bereits den einen oder anderen Waldspaziergang absolviert haben, wissen wir: Es muss eine dritte Variable als gemeinsame Ursache geben – den Wechsel der Jahreszeiten.
Was uns fast lächerlich einfach erscheint, ist für eine Künstliche Intelligenz (KI) noch eine große Herausforderung. Aktuelle KI-Systeme basieren in der Regel auf der Methode des maschinellen Lernens und kennen die Welt nur in Form der Daten, mit denen sie trainiert wurden. Und wenn in diesen Daten ein Zusammenhang zwischen verfärbtem Laub und Erkältungen steckt, werden sie ihn auch finden. Aber sie haben keinerlei Erfahrungen mit der echten Welt und wissen weder, was Blätter oder Bäume sind, noch, was es bedeutet, verschnupft zu sein. Ihre künstlichen neuronalen Netze sind mächtige Systeme zur statistischen Auswertung von Daten. Sie erkennen Muster und Korrelationen, doch von Ursache und Wirkung haben sie keine Ahnung.
Verständnis wird nur vorgetäuscht
Das gilt auch für die großen Sprachmodelle wie ChatGPT, wenngleich sie besonders gut darin sind, menschliche Intelligenz und ein Verständnis für kausale Zusammenhänge vorzutäuschen. Schließlich verwenden sie auch Worte wie „weil“ oder „obwohl“, um ihre in den meisten Fällen plausibel wirkenden Sätze zu formulieren. Und auch direkt auf kausale Zusammenhänge angesprochen, leisten sie recht Erstaunliches. Fragt man etwa Microsofts Chatbot Copilot nach dem Zusammenhang zwischen der Verfärbung des Laubes und Schnupfen, folgt der Hinweis, dass es hier keinen ursächlichen Zusammenhang gebe, der Herbst mit seinen Temperaturwechseln aber Erkältungen auslösen könne.
Das ist beeindruckend. Tatsächliches Verständnis für Kausalität im menschlichen Sinne steckt jedoch nicht dahinter. Vielmehr wurden diese Modelle anhand von riesigen Mengen durch Menschen generierter Texte trainiert. Und auch wenn sie damit bis zu einem gewissen Grad Zugriff auf menschliches Weltverständnis haben, geschieht das im Sinn einer statistischen Auswertung dieser Trainingsdaten. Copilot dürfte von dem speziellen Zusammenhang also bereits gelesen und ihn schlicht auswendig gelernt haben.
Den Sprachmodellen auf den Zahn gefühlt
Am Institut für Empirische Inferenz des Max-Planck-Instituts für Intelligente Systeme in Tübingen, einem Hotspot für kausales maschinelles Lernen, hat Zhijing Jin den Sprachmodellen nun genauer auf den Zahn gefühlt. „Menschen sind nicht auf ihr Gedächtnis angewiesen, um kausale Zusammenhänge zu erkennen“, sagt die Forscherin. Um die Maschinen zu testen, haben Jin und ihre Kolleginnen die Problemstellungen deshalb in abstrakten Symbolen formuliert, die für die Modelle neu waren. Aus Worten wie „verfärbtes Laub“, „Schnupfen“ und „Temperatur“ wurden also mathematische Variablen wie A, B und C. Und eine typische Frage lautete etwa: Lässt sich ein kausaler Zusammenhang zwischen A und B ableiten, wenn sowohl A als auch B mit C korrelieren?





