Was bisher geschah: Entmachtung
Eine Woche später veröffentlichte Facebook ein bereits 2012 durchgeführtes Experiment, in dem es heimlich die Emotionen Hunderttausender Nutzer manipuliert hatte. Die eine Hälfte bekam in der persönlichen Timeline vorwiegend negative Postings von Freunden gezeigt, die andere vorwiegend positive. Daraufhin posteten die “Negativempfänger” selbst eher negative Nachrichten und die ”Positivempfänger” eher positive. Andere Experimente zeigen, dass Google und Facebook sogar Wahlen entscheiden können. Oder tun sie es bereits? Wir wissen es nicht. Das ist die höchste Stufe der Macht.
Die primitivste Form der Machtausübung ist Gewalt. Eleganter und in Demokratien üblich sind Regeln und Strukturen, denen die Menschen folgen. Foucault nennt dies Gouvernementalität. Auf der höchsten Stufe der Macht steuert jemand Gefühle, Wünsche und die daraus folgenden Handlungen anderer in seinem Sinn – und zwar ohne dass die Ohnmächtigen es bemerken. Frei nach dem Motto: “Lass sie glauben, es war ihre Idee.” So wie Facebook die Emotionen seiner User.
Keine Agenten mehr
Wie wurden solche Unternehmen binnen weniger Jahre so mächtig? So wie Machthaber aller Zeiten: Sie vernichteten die Privatsphäre. Dazu müssen sie uns heute nicht mehr durch Nachbarn oder Agenten bespitzeln. Stattdessen benutzen sie – und, wenn wir schon dabei sind, auch Geheimdienste und Behörden – Telefone, Computer, Leitungen, Kredit-, Bank-, Kunden-, Rabatt- und Vielfliegerkarten, GPS, Überwachungskameras, “Wearables” und immer mehr Sensoren in unserer Umwelt.
Unsere Welt wird komplett “sensorisiert”. Das klingt nicht zufällig wie “zensuriert”. Datensammel-, -analyse- und -handelsprogramme bewerten und verkaufen uns sekundenschnell an den Meistbietenden. Zivilisierte Gesellschaften ächten Leibeigenschaft, Sklaverei, Organ- und Menschenhandel als schwere Verletzung der Menschenwürde. Warum lassen wir die nichtphysische Form zu? Der Trick: Diese Teile unserer Menschenwürde, nämlich unsere Gedanken und Wünsche, werden “Daten” genannt und so zu einem Produkt gemacht. Nennen wir es Menschendatenhandel.
Die meisten Menschen erkennen ihre Ohnmacht. Resigniert bemerken sie: “Ich kann ja nichts dagegen machen.” Dabei haben wir ein System geschaffen, das dem Einzelnen Macht gibt: die Demokratie. Nicht zufällig fällt die rechtliche Etablierung der Privatsphäre zeitlich zusammen mit dieser historischen Machtverschiebung von einer kleinen Elite zu breiten Teilen der Bevölkerung.
Was weiß Google?
Jetzt hat sich die Macht erneut verschoben, wieder zu einer kleinen Gruppe hin. Schon 2010 erklärte Googles Executive Chairman Eric Schmidt: “Wir wissen, wo du bist. Wir wissen, wo du warst. Wir wissen mehr oder weniger, woran du denkst.” Was weiß Google 2015?






