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Wissenschaft im Rampenlicht
Es ist immer wieder verwirrend: Kaum gibt es Neuigkeiten zu Covid- 19, etwa die Zulassung eines neuen Impfstoffs, melden sich viele Experten zu Wort: die Verbände der Intensivmediziner, der Kinderärzte, der Lehrer, die „Stimme der Vernunft“ in dieser Pandemie, Christian Drosten, und andere Virologen sowie natürlich das Robert Koch-Institut, überdies politikberatende Institutionen wie die Leopoldina. Das Ergebnis ist eine erschlagende Fülle von Perspektiven.
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von SUSANNE DONNER
Es ist immer wieder verwirrend: Kaum gibt es Neuigkeiten zu Covid- 19, etwa die Zulassung eines neuen Impfstoffs, melden sich viele Experten zu Wort: die Verbände der Intensivmediziner, der Kinderärzte, der Lehrer, die „Stimme der Vernunft“ in dieser Pandemie, Christian Drosten, und andere Virologen sowie natürlich das Robert Koch-Institut, überdies politikberatende Institutionen wie die Leopoldina. Das Ergebnis ist eine erschlagende Fülle von Perspektiven.
Selten stoßen Erkenntnisse und Ratschläge der Wissenschaftler und ihrer Institutionen auf so viel Resonanz wie zurzeit. „Diese Pandemie ist für die Wissenschaft in ihrer Wucht und Reichweite außergewöhnlich. Sonst wird die Forschung kaum in solchem Umfang von der Politik einbezogen“, sagt der Kommunikationswissenschaftler Bernd Blöbaum von der Universität Münster. Er meint: „Es wäre besser, manchmal weniger als so viel zu kommunizieren.“ Und Hans-Bernd Brosius, Kommunikationswissenschaftler an der Ludwig-Maximilians-Universität München, hinterfragt: „Was sagen uns die Infiziertenzahlen jeden Tag? Oder die Erkenntnis, dass es die dritthöchste Zahl seit letztem März ist?“ Er warnt: „Wenn die Dosis der Kommunikation zu hoch ist, wenden sich die Menschen ab. Das wissen wir aus der Werbeforschung.“
Eine Flut von Informationen ruft Widerwillen und Trotz hervor. Das lässt sich auch anhand des Medienkonsums messen: Die Einschaltquoten von TV-Sendungen zur Pandemie sind im Lauf der Zeit immer mehr gesunken, nachdem sie im März und April 2020 zunächst stark gestiegen waren, berichtet Brosius.
Eine völlig neue Situation
Diese Krise unterscheidet sich von vorausgegangenen in vieler Hinsicht. „Es gibt keine Muster, auf die wir zurückgreifen können“, sagt Blöbaum. Im Vergleich zum Klimawandel beispielsweise hat sich die Situation während der Corona-Pandemie wesentlich dynamischer verändert. Forscher publizieren in rasantem Tempo zu SARS-CoV-2. Rund 100.000 Veröffentlichungen zählte die medizinische Literaturdatenbank Pubmed am 3. Februar 2021. Wissenschaftler und ihre Organisationen kommunizieren und appellieren in atemberaubender Geschwindigkeit, angefangen bei neuen Erkenntnissen über das Virus bis zu den täglichen Infektions- und Todeszahlen. Die Politiker müssen kurzfristig reagieren und brauchen dafür ad hoc basiswissenschaftlichen Rat. Während also auf der einen Seite coronabedingt alles stillsteht, sind Wissenschaft und Politik von Dynamik und Zeitnot getrieben.
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In der Krisenkommunikationsforschung kennt man viele Präzedenzfälle von Katastrophen, die sofortiges Handeln erfordern, etwa einen Brand in einer Chemiefabrik. Auch hier drängt die Zeit. Doch ein solcher Notfall betrifft nicht den ganzen Staat. Die Entscheidung liegt in der Verantwortung des Unternehmens. „Ein Unternehmen wie die BASF ist seinen Arbeitnehmern gegenüber weisungsbefugt. Diese sind zur Verschwiegenheit verpflichtet, und ein Parlament, das über die Krisenmaßnahmen abstimmen müsste, gibt es auch nicht“, erklärt Blöbaum. Deshalb könne Krisenkommunikation bei Katastrophen wie Tschernobyl oder Sandoz konsistent und stringent ablaufen. Doch als Blaupause für die Kommunikation in einer globalen Krise eigne sie sich nur sehr begrenzt, meint Blöbaum.
In der Corona-Pandemie herrscht noch dazu weder über die Risiken noch über die erforderlichen Maßnahmen Klarheit. Es gibt beispielweise keine Forschungsergebnisse darüber, welchen Beitrag die Schließung des Einzelhandels zur Reduktion der Infektionszahlen liefern kann. Auch liegen keine Zahlen vor, welches Risikopotenzial die Öffnung von Kitas, Schulen oder Friseurgeschäften genau hat. „Der Lockdown ist nicht evidenzbasiert – er kann es auch nicht sein, weil Forschung Zeit braucht“, sagt Brosius.
Hinzu kommt eine weitere Besonderheit der Corona-Pandemie. „Mittlerweile haben wir es mit multiplen Krisen zu tun: Psychologische, soziologische und ökonomische Probleme kommen zu den Gesundheitsproblemen dazu“, sagt der Kommunikationsforscher Andreas Schwarz von der TU Ilmenau. Es erkranken und sterben nicht nur jeden Tag Menschen an und mit einer SARS-CoV-2-Infektion, sondern Unternehmen melden auch Insolvenz an, Menschen müssen ihren Beruf aufgeben oder in Kurzarbeit gehen und mit Existenzangst leben. Die Scheidungsrate steigt, die Quote erwerbstätiger Mütter geht zurück. Schüler verlieren im Vergleich zu vorausgegangenen Jahrgängen an Bildung. Die psychischen Belastungen in der Bevölkerung werden größer. Durch Langeweile-Essen und mangelnde Bewegung werden immer mehr Menschen übergewichtig.
All diese Effekte sind in ganz unterschiedlichen Studien offenbar geworden. „Wir haben es das erste Mal damit zu tun, dass Mediziner mit Psychologen, Soziologen, Ökonomen und anderen Experten gemeinsam Probleme analysieren und ihre Erkenntnisse zusammentragen müssten, um eine umfassende Lösung zu finden. Es gibt aber in der Wissenschaft keine Mechanismen, wie das geschehen kann. Das fängt damit an, dass es schwierig ist, eine gemeinsame Sprache zwischen den Disziplinen zu finden“, sagt Schwarz. Hinzu kommt: Nach wie vor fassen Politiker die Corona-Pandemie primär als Gesundheitskrise auf und lassen sich hauptsächlich von Intensivmedizinern und Virologen beraten.
Interdisziplinärer Ansatz erforderlich
Die Nachhaltigkeitsforscherin Anne-Katherina Hornidge, Direktorin des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik in Bonn, betont, dass alle drängenden Menschheitsprobleme vom Artensterben bis zur Frage des gesellschaftlichen Zusammenhalts einen interdisziplinären Ansatz erforderlich machen: „Der Mehrwert von Spezialisierung stößt bei solch komplexen Problemen an Grenzen. Dann führt sie zu einer Fragmentierung.“
Beim Klimawandel ist es – moderiert durch den Weltklimarat – gelungen, Hunderte Experten ganz unterschiedlicher Fachrichtungen zusammenzubringen. Diese veröffentlichen im Abstand mehrerer Jahre die Sachstandsberichte zu den Folgen der Erderwärmung. „Am Klimawandel kann man gut sehen, dass das Thema erst dann wirklich auf die politische Agenda gekommen ist, als die Experten sich über die Disziplinen hinaus zusammengetan haben“, sagt Blöbaum und fordert: „In Zukunft muss Wissenschaftskommunikation weniger im Sinne eines Reiz-Reaktionsschemas ablaufen. Man muss sich überlegen, wie man unterschiedliches Wissen zusammenführen kann.“
Solide belegt ist: Gute Krisenkommunikation muss einfach, klar und verständlich sein. Wer sie verkündet, muss glaubwürdig auftreten und Maßnahmen gut begründen. Das sei mit der „AHA-L-Formel“ für Abstand, Hygiene und Atemschutz plus Lüften gelungen, analysiert Blöbaum. Diese Maßnahmen würden auch von der Mehrzahl der Menschen beherzigt.
Klar, einfach und verständlich – das bereitet der Wissenschaft jedoch ernste Schwierigkeiten. Denn sie lebt vom Widerspruch, wie der Wissenschaftshistoriker Friedrich Steinle von der TU Berlin klarstellt. Sie entwickelt sich infolge des Wettstreits der Hypothesen und Interpretationen. Forschung geschieht genau dort, wo Erkenntnisse unsicher sind.
Die Wissenschaft besteht noch dazu aus Tausenden von Forschern weltweit, aus Verbänden, Fachgesellschaften, Universitäten, Krankenhäusern und anderen Institutionen. Deshalb gibt es bislang keine konsensbasierte Wissenschaftskommunikation zu den Fragen der Corona-Pandemie. Institutionen wie die Leopoldina versuchen zwar, mit einer Stimme zu sprechen. „Politiker erwarten, dass die Wissenschaft Argumente liefert und dafür einhellig auftritt“, sagt Steinle. Aber dort, wo Wissen nicht gesichert ist, wo Einstellungen und Moral eine erhebliche Rolle spielen, droht der Versuch, mit einer Stimme zu sprechen, zu scheitern. „Wenn der einzig erkennbare Expertenkonsens darin besteht, dass die Pandemie schlimm ist, führt das zu Unsicherheit und Desorientierung“, warnt Blöbaum.
Mit Nichtwissen umgehen
Wissenschaftskommunikation in der Corona-Pandemie ist eine schwierige Aufgabe, weil Forscher vieles nicht wissen. Nur, was sollen sie dann raten? Aus Sicht der Kommunikationswissenschaftler gehört das Benennen von Unwissen und Unsicherheiten zur guten Kommunikation wie das Mehl zum Brot. Aber faktisch ist es manchmal so, wie Brosius beschreibt: „Wenn ein Forscher sagt, er wisse etwas nicht, wird das als Versagen gewertet. Und sofort kommt die Frage, wieso er das nicht weiß. Dann geht es um Schuld.“ Dieser Mechanismus und auch Eitelkeit führen dazu, dass Unwissen verschwiegen wird.
Das ist besonders dann der Fall, wenn zu befürchten ist, dass die genannten Fakten das Verhalten der Bevölkerung unerwünscht beeinflussen könnten. Ein Beispiel: „Wenn man sagt, dass die langfristigen Wirkungen der Impfstoffe nicht erforscht sind, weil sie zu kurz auf dem Markt sind, ist das ehrlich. Aber es verursacht Verunsicherung. Und weil viele Menschen Risiken fürchten, lassen sie sich dann vielleicht nicht impfen. Also spricht man lieber gar nicht über solche Ungewissheiten“, sagt Brosius.
Schnell folgt daraus die Gretchenfrage: Was ist wichtiger – Wahrheit oder Wirkung der Kommunikation? „Gute Wissenschaftskommunikation ist immer ehrlich“, betont Blöbaum. Er hat den Kommunikationsforscher Schwarz auf seiner Seite, der ausführt: „Wenn Verschwiegenes über andere Kanäle durch-sickert, ist der Verlust an Vertrauen unwiederbringlich.“ Solche Heimlichkeiten düngen dann Verschwörungstheorien.
Schwarz fordert: Experten sollen ihre Erkenntnisse benennen und eine dadurch hervorgerufene Verunsicherung auffangen, also Wahrheit und Wirkung bedenken. Bei der Impfung etwa lassen sich einige Risiken durch Erkenntnisse bei früheren Impfstoffen einordnen. Wenn noch nicht bekannt ist, ob eine geimpfte Person andere anstecken kann, hilft es zu sagen, was gerade getan wird, um das herauszufinden und wann man es voraussichtlich wissen wird.
Doch Brosius warnt vor einem idealisierten Blick auf die Wissenschaftskommunikation. „Es geht zurzeit oft nicht um die Sache, sondern um Interessen: Die Kinderärzte treten für die Kinder ein, die Lehrer für ihre Kollegen und die Schüler und so weiter. Sie benutzen die Öffentlichkeit als Vehikel, um Gehör in der Politik zu finden. Denn wer es schafft, die Öffentlichkeit für sich einzunehmen, kann die Medienagenda bestimmen und hat Macht in der Politik.“
Näher an den Menschen
Einig sind sich Experten darin, dass es in der Krisenkommunikation bisher an Empathie gefehlt hat. „Und die ist wichtig für die Glaubwürdigkeit“, sagt Schwarz. Auch das Bundesamt für Bevölkerungs- und Katastrophenschutz in Bonn hebt diesen Punkt ausdrücklich hervor. Aus einer internen Evaluation der Koordinierungsstelle Nachsorge, Opfer- und Angehörigenhilfe wisse man, dass Empathie entscheidend ist, damit man Menschen mit Empfehlungen erreichen kann. „Einzelhändler, Künstler und andere hart Getroffene fühlen sich sonst ausgeschlossen. Auch gegenüber sogenannten Corona-Leugnern muss man sachlich und mit einem gewissen Maß an Empathie auftreten“, fordert Brosius.
Es ist in Krisen ganz normal, betonen die Experten, dass manche verängstigt, andere angepasst und wieder andere kritisch bis trotzig reagieren. Diesen Effekt habe man auch nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl beobachtet. Neu ist jedoch die Radikalisierung der Bürger. Wer Zweifel äußert, wird gleich als „Corona-Leugner“ beschimpft und in eine Ecke gestellt. Das begünstigt die Tabuisierung von Auffassungen, die nicht der Mehrheit entsprechen. Brosius sieht hier eine Gefahr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. „Wenn früher jemand die Wirkung der FCKW auf das Ozonloch bestritt und Sprays weiter benutzte, hat man ihn nicht beschimpft und ihm die Dosen aus der Hand gerissen. Und er hat auch nicht andere mit Spraydosen beworfen.“
Die Polarisierung führt zur Lagerbildung und Ausgrenzung. Und sie katalysiert die Kommunikation in Echokammern. Bürger informieren sich dann in immer gleichen Zirkeln. Jene, die SARS-CoV-2 fürchten, lesen die Fallberichte Schwerstbetroffener und sehen sich in ihrer Perspektive bestätigt. Jene, die nicht an eine SARS-CoV-2-Pandemie glauben, lesen Interviews, die diese These stützen.
Die Krisenkommunikationsforschung hat noch keine Antwort darauf, wie man auf diese Fragmentierung der Gesellschaft reagieren kann. „Ob wir künftig mehr in diese Echokammern vordringen und maßgeschneiderter kommunizieren müssen?“, denkt Brosius laut nach. Im Moment existierten noch nicht einmal die Methoden, solche Echokammern in den sozialen Netzwerken zu identifizieren. „In der Werbung haben wir die Strategien des Tailoring und der Targeted Communication“, sagt Brosius. Gemeint ist eine genau auf die Zielgruppe ausgerichtete Kommunikation. Raucher versucht man etwa mit dem gruseligen Bild eines Raucherbeins abzuschrecken. „Furchtappell“ nennen Kommunikationsforscher das. Analog dazu müssten Maskenverweigerer besonders viele und schauerliche Informationen über Corona-Tote beim Stöbern im Internet finden. „Das fruchtet dann aber auch nur bei einigen wenigen“, sagt Brosius.
Insgesamt schauen Kommunikationsforscher kritisch auf die bisherige öffentliche Rolle der Wissenschaft während der Pandemie. Informationen nicht nur zu veröffentlichen, sondern auch einzuordnen, wäre besser gewesen.
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