Sei es ein persönliches Gedicht zum Muttertag, mitfühlende Formulierungen für eine Trauerkarte oder eine Gute-Nacht-Geschichte für die Kinder: generative Künstliche Intelligenz kann helfen. Da große Sprachmodelle wie GPT-4 inzwischen weit verbreitet und einfach zugänglich sind, kommen sie immer häufiger bei alltäglichen kreativen Aufgaben zum Einsatz. Auch einige Autoren lassen sich von künstlicher Intelligenz inspirieren und gründen neue Ideen auf maschinell generierte Vorschläge. Doch wie beeinflusst KI unsere individuelle und kollektive Kreativität?
Kreative Kurzgeschichten
Um diese Frage zu klären, führten Anil Doshi vom University College London und Oliver Hauser von der University of Exeter ein Experiment durch: In einer Onlinestudie baten sie 293 Personen, eine Kurzgeschichte aus acht Sätzen zu einem beliebigen Thema zu verfassen. Dabei teilten sie die Schreiber in drei Gruppen auf: Eine Gruppe musste sich allein auf die eigene Kreativität verlassen, eine durfte sich eine Idee von GPT-4 vorschlagen lassen, eine hatte die Auswahl aus fünf KI-generierten Ideen. Die maschinell erzeugten Vorschläge bestanden jeweils aus drei Sätzen als möglicher Start für die eigene Geschichte.
Vor Beginn der Schreibaufgabe komplettierten alle Testpersonen eine sogenannte divergente Assoziationsaufgabe – ein standardisierter Kreativitätstest, bei dem es darum geht, zehn möglichst unterschiedliche Wörter zu finden. Um die Kreativität der Geschichten zu bewerten, legten Doshi und Hauser die Texte 600 Freiwilligen vor, die für jeweils sechs Geschichten einstufen sollten, wie neuartig und überraschend sie waren, wie sie emotional wirkten und inwieweit sie zur Veröffentlichung geeignet sein könnten.
Individuell neuartiger, kollektiv gleichförmiger
Das Ergebnis: „Wir stellen fest, dass der Zugang zu generativen KI-Ideen dazu führt, dass Geschichten als kreativer, besser geschrieben und unterhaltsamer bewertet werden“, berichtet das Team. Das galt insbesondere für Texte von Schreibern, die zuvor beim Assoziationstest unterdurchschnittlich abgeschnitten hatten. Wenn diese Personen Hilfe von GPT-4 erhielten, steigerte sich die Unterhaltsamkeit ihrer Geschichten um bis zu 22,6 Prozent, die Neuartigkeit um 10,7 Prozent. Damit schnitten ihre Geschichten ähnlich gut ab wie die von Personen, die laut DAT-Ergebnissen überdurchschnittlich kreativ sind. Kreative Personen hingegen profitierten der Studie zufolge nicht zusätzlich von der KI-Unterstützung.
Zudem stellte das Team einen gravierenden Nachteil der KI-inspirierten Geschichten dar: „Generative KI-gestützte Geschichten ähneln sich stärker als Geschichten, die von Menschen allein verfasst wurden“, berichten Doshi und Hauser. Verglichen mit der Gruppe, die keine Künstliche Intelligenz einsetzte, waren die Geschichten aus den Gruppen mit Zugang zu GPT-4 um mehr als zehn Prozent gleichartiger, wie Textanalysen ergaben. „Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass die individuelle Kreativität zunimmt, während die kollektive Neuartigkeit verloren zu gehen droht.“





