Das Internet und im Speziellen soziale Medien kann das Verhältnis der Bevölkerung zur Politik auf vielfältige Weise beeinflussen. Zu diesem Ergebnis kam schon eine 2023 veröffentlichte Studie, für die ein Team um Philipp Lorenz-Spreen vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung (MPIB) in Berlin fast 500 empirische Studien ausgewertet hat. Demnach können Facebook, X, Instagram, Tiktok und Co die politische Partizipation und den Konsum politischer Informationen für breite Teile der Bevölkerung verbessern. Gerade in Autokratien und sich entwickelnden Demokratien sorgt das für positive Effekte. Andererseits zeigen sich auch negative Folgen, darunter abnehmendes Vertrauen in staatliche Institutionen, zunehmenden Populismus und eine wachsende Polarisierung – insbesondere in etablierten Demokratien.
Positive und negative Einflüsse
Ein Team um Ziqian Xia von der University of Cambridge in Großbritannien hat diese Studie nun unter Einbeziehung neuer Daten repliziert. „Wir haben den ursprünglichen Datensatz um 110 Veröffentlichungen erweitert, die bis Mai 2024 erschienen sind“, berichtet das Forschungsteam. „Unsere Ergebnisse bestätigen die Schlussfolgerungen der ursprünglichen Studie und zeigen, dass die Auswirkungen digitaler Medien auf die Demokratie je nach politischem Kontext und spezifischen Variablen variieren.“
Im Einklang mit der ursprünglichen Studie kommen auch Xia und seine Kollegen zu dem Ergebnis, dass in etablierten Demokratien wie Deutschland oft negative Effekte der digitalen Medien auf die Demokratie überwiegen. So erleichtern das Internet und im Besonderen soziale Medien nicht nur die Verbreitung von Falschinformationen, sondern tragen auch dazu bei, dass viele Menschen vor allem solche Nachrichten konsumieren, die zu ihrer eigenen Weltanschauung passen. Zudem zeigen mehrere empirische Studien, dass populistische Narrative online besonders erfolgreich sind, gerade wenn sie emotionale Botschaften verbreiten, die Vorurteile gegen andere gesellschaftliche Gruppen schüren.
Zwischen Partizipation und Polarisierung
„Die Replikationsstudie untermauert unsere Ergebnisse und die besorgniserregenden Trends halten an“, sagt Lorenz-Spreen, der Erstautor der ursprünglichen Studie. „Die korrelativen Belege häufen sich, dass digitale Medien politische Prozesse negativ beeinflussen können – wir sehen verschärfte Polarisierung, steigendes Misstrauen in demokratische Institutionen und Medien sowie eine verstärkte Verbreitung von Fehlinformationen.“
In manchen Fällen sind über die statistischen Korrelationen hinaus bereits kausale Zusammenhänge belegt. „Zum Beispiel stieg die Polarisierung an Orten, nachdem dort Zugang zu Breitband-Internet möglich wurde“, berichtet Lorenz-Spreen. In vielen Bereichen ist allerdings noch unklar, inwieweit digitale Medien wirklich einen kausalen Einfluss haben. „Für zukünftige Replikationen der Studie wäre es interessant, noch mehr Publikationen zu kausalen Zusammenhängen einzubeziehen“, schreiben Xia und seine Kollegen. „Doch bereits die bisherigen Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit weiterer Forschungs- und Regulierungsbemühungen.“





