Seit Jahrtausenden halten Menschen Erfahrungen und Erlebnisse auf verschiedene Weise fest – sei es mit Höhlenmalereien, Schriftrollen und Büchern oder durch mündlich weitergegebene Erzählungen. Durch die Digitalisierung findet die Dokumentation des eigenen Lebens jedoch in zuvor undenkbarem Ausmaß statt. Wir fotografieren unsere Mahlzeiten, berichten anderen in sozialen Medien von unserem Tag oder tracken unsere Schrittzahlen und Gesundheitsparameter per Smartwatch. Die ersten Worte unserer Kinder zeichnen wir per Sprachaufnahme auf, die ersten Schritte halten wir im Video fest.
Einfluss der Digitalisierung
„Man kann sehr unterschiedliche Intuitionen dazu haben, wie diese verdichtete Aufzeichnung unseres Lebens zu bewerten ist“, sagt Fabian Hutmacher von der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. „Manche hoffen beispielsweise, dass wir auf diese Weise den Schwächen und Verzerrungen des menschlichen Gedächtnisses etwas entgegensetzen können. Andere befürchten eher, dass so neue Missbrauchs- und Überwachungspotenziale entstehen.“
Um den Einfluss der Digitalisierung auf unsere autobiografischen Erinnerungen systematischer erforschen zu können und Chancen und Risiken besser zu erfassen, haben Hutmacher und seine Kollegen ein Modell zum Zusammenspiel von menschlichem Gedächtnis und Technik entwickelt. „Unser Modell für das autobiografische Gedächtnis im digitalen Zeitalter – kurz AMEDIA-Modell – systematisiert die vorhandene Literatur und skizziert Wege für die zukünftige Forschung“, erklären die Autoren.
Kombination aus Gedächtnisinhalten und äußeren Informationen
Dabei gehen Hutmacher und sein Team davon aus, dass unsere Erinnerungen das Ergebnis eines Prozesses sind, bei dem wir die im Gedächtnis gespeicherten Informationen mit äußeren Informationen abgleichen. Dieses grundlegende Prinzip ist nicht auf die digitale Welt beschränkt: Auch wenn wir unsere eigenen Gedächtnisinhalte mit denen anderer abgleichen, in alten Fotoalben blättern oder zeitgeschichtliche Dokumente lesen, rekonstruieren wir unsere Erinnerungen auf ähnliche Weise.
„Was die digitalen Ressourcen aber von diesen anderen Optionen unterscheidet, ist neben der bereits angesprochenen Möglichkeit zur verdichteten Aufzeichnung auch die Tatsache, dass wir so eine multimediale Datenbasis erhalten, die wir relativ einfach durchsuchen können und die uns – zumindest potenziell – immer und überall zur Verfügung steht“, sagt Hutmacher. Da wir jederzeit die Möglichkeit haben, Fotos vom letzten Urlaub durchzuscrollen, Chatnachrichten aus der Zeit unserer ersten Dates zu lesen oder Videos von den ersten Schritten unserer Kinder anzusehen, bleibt unsere Erinnerung an diese Ereignisse potenziell wacher.





