von HEIKE STÜVEL
Beim „i Vision Circular“ ist der Name Programm. Das sogenannte Visionsfahrzeug, das die BMW Group 2021 erstmal der Öffentlichkeit vorgeführt hat, soll ein deutliches Zeichen setzen für die Bewegung der Branche hin zu einer Kreislaufwirtschaft. Das Automobilunternehmen aus Bayern, das sich nach eigenem Bekunden zum Ziel gesetzt hat, „der nachhaltigste Hersteller für individuelle Premiumqualität“ zu werden, hat den futuristischen Wagen so konzipiert, dass sich seine Bestandteile nach dem Nutzungsende vollständig recyceln und wiederverwerten lassen. Auch das bloß zur Demonstration des Machbaren produzierte, elektrisch angetriebene Fahrzeug selbst besteht zu 100 Prozent aus recycelten oder aus der Natur stammenden Materialien wie Holz.
Den Forschern und Ingenieuren bei BMW dient es als Grundlage für die weitere Entwicklung. Ihr Ziel: Ab 2030 sollen Neuwagen des Autobauers zu 50 Prozent aus recycelten Werkstoffen gefertigt werden – beispielsweise Aluminium und verschiedene Kunststoffe. Bereits heute beträgt der Anteil sogenannter Sekundärmaterialien bei den Neufahrzeugen rund 30 Prozent. Darunter sind zum Beispiel Reste von Alttextilien und geschredderten Kunststoff-Getränkeflaschen. Umgekehrt werden – wie es in der für Altfahrzeuge vorgeschrieben ist – mindestens 85 Prozent dessen, woraus ein Auto besteht, nach dem Ende seiner Nutzungszeit dem Recycling zugeführt.
Fahrzeuge werden feinsäuberlich zerlegt
Wie das geht, lässt sich im Recycling- und Demontagezentrum bestaunen, das BMW in Unterschleißheim bei München betreibt. Dort werden Jahr für Jahr bis zu 10.000 Fahrzeuge, darunter etwa 1.500 Wagen mit Elektro- oder Hybridantrieb, Schritt für Schritt in ihre Einzelteile zerlegt. Die werden anschließend nach direkt wiederverwertbaren oder dafür nicht mehr tauglichen Komponenten getrennt. So lassen sich ausgediente Fahrzeugsitze in neue Prototypen für die Fahrzeugentwicklung einbauen, viele andere Komponenten hingegen liefern – nach einer stofflichen Aufbereitung – bloß das Rohmaterial für neue Produkte.
Allerdings: Viele der aus alten Autos stammenden Werkstoffe landen bislang letztlich nicht wieder in einem Fahrzeug, sondern in anderen, oft weniger hochwertigen Erzeugnissen. Ein Forscherteam der Universität Leipzig stellte 2024 in einer Studie fest, dass kaum ein Drittel des recycelten Materials aus der Fertigung von Automobilen später tatsächlich auch wieder im Automobilbau eine Verwendung findet. Ein echter Kreislauf sieht anders aus.
Neue Erkenntnisse darüber, wie sich das ändern lässt und wie sich die hohen Ansprüche der Automobilbranche an die Qualität der Werkstoffe auch durch Recyclingmaterial erfüllen lassen, soll ein 2023 gestartetes Forschungsprojekt liefern. In dem Projekt „Car2Car“ arbeitet BMW – als einziger Automobilhersteller – mit mehreren Recyclingfirmen, rohstoffverarbeitenden Betrieben und Forschungsinstituten zusammen. Gemeinsam wollen die Partner die Möglichkeiten für eine echte Kreislaufwirtschaft im Automobilbau ausloten und dafür geeignete Techniken entwickeln. Im Visier haben sie dabei neben Aluminium und Kunststoff auch Stahl, Kupfer und Glas. Um diese Stoffe erneut verwerten zu können, ist bislang viel manuelle Arbeit erforderlich, und ein Teil des Materials geht dabei verloren. Das macht die Sache oft unrentabel. Durch den verstärkten Einsatz digitaler Techniken, von Künstlicher Intelligenz, Robotern und neuartigen Sensoren, um verschiedene Werkstoffe zuverlässig zu unterscheiden und voneinander trennen zu können, wollen die Forscher dieses Manko beseitigen.





