Professor Klaus Dieter Pohl hat erst kürzlich in einer Dortmunder Halle gleich sechs sündteure Mercedes- Fahrzeuge angezündet. Pohl ist jedoch kein Pyromane, sondern im Auftrag der Wissenschaft unterwegs: Der Forscher arbeitet im Fachbereich Sicherheitstechnik an der Bergischen Universität Wuppertal auf dem Feld des Brand- und Explosionsschutzes. Seit der Gründung dieses Fachgebietes 1978 sind hier unzählige Gegenstände zu höheren Zwecken in Rauch und Flammen aufgegangen oder anderweitig zerstört worden. Neulich hat ein Pohl-Student für seine Studienarbeit in einem Praxisversuch 300 Türen gewaltsam aufgebrochen, um “Optimierungsmöglichkeiten” bei Feuerwehreinsätzen zu erarbeiten.
Ziel all dieser Experimente ist ein besserer Brandschutz. Bei dem aktuellen Forschungsprojekt des Wuppertaler Wissenschaftlers und seiner Assistenten heißt das Zauberwort “Teilinertisierung”. Bei diesem neuen Verfahren wird der Sauerstoffgehalt der Raumluft mittels “10 bar Vordruck und etwas Steckdosenstrom” so viel wie nötig und so wenig wie möglich reduziert. Die Zugabe von sauerstoffarmer Luft in einen hermetisch abgedichteten Raum verringert den Sauerstoffgehalt von normalen 21 Prozent auf 17 Prozent. “Das ist auf jeden Fall genug für einen eventuell dort arbeitenden Menschen, aber zu wenig für ein Feuer – der Brand kann gar nicht erst entstehen”, so erklärt der Wuppertaler Experte. Dieses verblüffend einfache und “sehr wirkungsvolle Prinzip” könnte schon bald vielerorts die herkömmlichen Sprinkleranlagen ablösen und sei sogar viel kostengünstiger.
Die Teilinertisierung bietet sich an für Hochläger, besonders solche mit gefährlichen Lagerstoffen, für Müllsortieranlagen oder auch für automatische Garagen. Nur gut abgedichtet muss das Gebäude sein, damit die Sauerstoff-Reduktion erhalten bleibt. Brände im Freien, in Straßentunnels oder in ganzen Gebäudekomplexen lassen sich so leider nicht “löschen”. Durch das Wuppertaler Verfahren werden in einem abgeschlossenen Raum mit verringertem Sauerstoffgehalt jedoch sogar eventuell entstehende Selbstentzündungen, etwa an einem parkenden Fahrzeug, im Keim erstickt: Mit den ersten Flammen verbrennt der Sauerstoff im Fahrzeug, die Konzentration gleicht sich dann mit der Umgebungsluft wieder auf die magischen 17 Prozent aus.
Die versuchsweise von Pohl angezündeten Fahrzeuge sind jedenfalls dank dieser neuen Methode nicht in Flammen aufgegangen, sondern harren unbeschädigt dem Gegenversuch mit der Sprinkleranlage: “Aber ich sage Ihnen, die brennen uns ab”, ist sich der Wissenschaftler schon jetzt sicher. Der Sicherheitstechniker denkt jedoch schon über Autogaragen und Hochläger hinaus und kann sich längerfristig auch einen Einsatz dieses Brandschutzverfahrens in Kliniken vorstellen: “Auf einer Intensivstation, wo die Patienten meist künstlich beatmet werden und daher von der Raumluft ohnehin unabhängig sind, könnte man sehr gut mit diesem Prinzip arbeiten – zumal dort die Evakuierung bei einem Brand besonders schwierig ist.”
dpa