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Wenig Raum für Nachhaltigkeit
Für die einen ist es ein romantischer Wohntraum, für andere der Inbegriff einer minimalistischen Lebensweise im Einklang mit der Natur: das Tiny House. Wieder andere verdammen die kleinen „Holzhütten“, die vor allem via Social Media einen riesigen Hype erfahren. Sie zweifeln deren Umweltverträglichkeit massiv an und…
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von ROLF HEßBRÜGGE
Für die einen ist es ein romantischer Wohntraum, für andere der Inbegriff einer minimalistischen Lebensweise im Einklang mit der Natur: das Tiny House. Wieder andere verdammen die kleinen „Holzhütten“, die vor allem via Social Media einen riesigen Hype erfahren. Sie zweifeln deren Umweltverträglichkeit massiv an und behaupten, der Bau von Tiny Houses verschlimmere die allgemeine Wohnungsknappheit. Wer hat nun recht?
„Tiny House“ bedeutet schlicht „winziges Haus“. Der gleichnamige Trend wurde maßgeblich durch die US-Architektin Sarah Susanka und ihr 2008 erschienenes Buch „The Not So Big House“ losgetreten. Zu eher unromantischen Massenquartieren waren die Winzlinge bereits vorher avanciert – durch zwei dramatische Ereignisse: 2005 machte Hurrikan Katrina Hunderttausende Menschen im Südosten der USA obdachlos; viele von ihnen kamen zunächst in kleinen Holzhäuschen unter. Für einige Betroffene wurde die Notlösung zum dauerhaften Lebensstil. Auch das massenhafte Platzen von Baukrediten während der Finanzkrise von 2007 und 2008 trieb viele Amerikaner in Tiny Houses. Nicht wenige Menschen arrangierten sich mit dem neuen Minimalismus, manche empfinden ihn inzwischen gar als Erleichterung.
Noch ein zarter Trend
In Deutschland ist der Tiny-House-Trend noch eher schwach. „Doch er hat seine Anhänger“, berichtet Marcus Menzl aus eigener Anschauung: „Einmal pro Jahr gibt es in Karlsruhe eine Tiny-House-Messe. Der Andrang ist beträchtlich.“ Menzl, Stadtsoziologe an der Technischen Hochschule Lübeck, hat die Bewegung und ihre Potenziale kürzlich im Auftrag des Bundeslands Schleswig-Holstein untersucht. Demnach gab es in Deutschland im Mai 2022 elf Tiny-House-Siedlungen mit zusammen etwa 200 Häuschen. 51 weitere Siedlungen mit insgesamt rund 1.000 Einheiten waren in Planung. Wie viele dauerhaft bewohnte Tiny Houses insgesamt im Bundesgebiet stehen, weiß wohl niemand genau. Die Winzlinge unterscheiden sich vor dem Gesetz kaum von „normalen“ Häusern und werden nicht gesondert erfasst.
Die Grundfläche deutscher Tiny Houses beträgt laut Menzl in der Regel 20 bis 30 Quadratmeter. Die meisten Häuser messen zwischen 3 mal 8 und 3 mal 10 Meter. Tiny Houses mit fahrbarem Untergestell dürfen laut Straßenverkehrszulassungsordnung maximal 2,55 Meter breit sein. Ob mobil oder stationär: Im Inneren sind die Behausungen in der Regel spartanisch eingerichtet. Das oberste Design-Ziel lautet: Platz sparen. Billig sind Tiny Houses trotzdem nicht, im Gegenteil: Je nach Ausstattung und Lage schlägt ein zum Dauerwohnen geeignetes Tiny House mit rund 4.000 bis 21.000 Euro pro Quadratmeter zu Buche. Vergleichbare Etagenwohnungen kosten je Quadratmeter teils deutlich weniger als die Hälfte davon.
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„Tiny Houses sind ein Phänomen der Mittelschicht“, sagt Marcus Menzl, der die Klientel genau erforscht hat. Anhand von rund 700 Bewerbungen für eine geplante Tiny-House-Siedlung im ländlichen Schleswig-Holstein ermittelte der Wissenschaftler, dass rund drei Viertel der Interessenten alleinstehend waren. Lediglich drei Prozent der Bewerbungen kamen von Haushalten, die drei oder mehr Personen umfassten. Gut ein Drittel der Bewerber war zwischen 51 und 60 Jahre alt, zwei Drittel waren weiblich. Deutlich überrepräsentiert waren Berufe aus dem Gesundheits-, Sozial- und Kulturwesen mit zusammen 44 Prozent.
Doch wie nachhaltig sind Tiny Houses? Die Umweltingenieurin Maria Saxton von der US-Universität Virginia Tech wollte es wissen und nahm 80 noch recht neue Mini-Haushalte unter die Lupe. Zunächst führte Saxton Interviews mit den Bewohnern und hörte als meist genannte Gründe für das „Downsizing“ finanzielle Erwägungen, die Sehnsucht nach einem minimalistischen Leben sowie das Streben nach mehr Nachhaltigkeit. Anschließend verglich Saxton den CO2-Fußabdruck der Tiny-Häusler vor und nach ihrem Umzug, der im Mittel knapp drei Jahre zurücklag.
Deutlich weniger Treibhausgase
Die Forscherin errechnete, dass die Bewohner ihren Treibhausgasausstoß um durchschnittlich 45 Prozent verringert hatten, unter anderem durch Nutzung erneuerbarer Energien. Doch der von Saxton ermittelte CO2-Fußabdruck resultiert nicht ausschließlich aus der Wohnweise, sondern überdies aus dem Ernährungs-, Mobilitäts- und Konsumverhalten. Vor allem in den drei letztgenannten Kategorien schnitten die Tiny-Häusler hervorragend ab. 50 Prozent beschrieben ihren Einkaufskonsum als „kleinstmöglich“ oder „nicht existent“. Teilweise, berichtet Saxton, sei es der schiere Mangel an Lagerraum, der diese Menschen dazu bewege, nah und frisch einzukaufen und Gebrauchsgüter mit Nachbarn zu teilen.
Allerdings: Laut dem Statistischen Bundesamt entfallen mehr als ein Drittel aller privaten CO2-Emissionen allein auf das Wohnen und da nicht zuletzt auf das Heizen. Und hier schneidet das meist aus Holz gefertigte Tiny House schlecht ab. Zwar entlässt es in der Regel weniger CO2 in die Atmosphäre als ein rund zehnmal so großes Einfamilienhaus. Betrachtet man aber die Energieeffizienz pro Kubikmeter Wohnraum, gerät der Winzling schnell ins Hintertreffen. Denn es ist schwierig, Holzhäuser so effizient zu isolieren, dass sie den Anforderungen des Gebäudeenergiegesetzes (GEG) entsprechen. Die zuverlässigsten Dämmverfahren, etwa mit dicken Glaswollfilzen zwischen zwei hölzernen Wänden, rauben den Miniatur-Behausungen viel wertvollen Wohnraum. Topwerte bei der Energieeffizienz erzielen sie dennoch äußerst selten.
Dürftige Energieeffizienz
Richtig schlecht schneidet ein hölzernes Tiny House im Energieeffizienzvergleich mit einer modernen Etagenwohnung ähnlicher Größe ab. Das liegt vor allem am Verhältnis von Außenfläche zu umbautem Raum: Viele kleine Etagenwohnungen weisen nur eine Außenmauer auf und sind ansonsten komplett mit anderen Wohnungen umbaut – und dadurch automatisch gut isoliert. Bei einem Tiny House hingegen ist in aller Regel keine der sechs Außenflächen (Boden, Decke sowie vier Seitenwände) umbaut. Dadurch geht unweigerlich Raumwärme verloren, das kostet Heizenergie. Ein weiteres Minus bei der Nachhaltigkeit bekommen hölzerne Tiny Houses für ihre geringere Lebensdauer: Viele Hersteller beziffern diese mit 30 Jahren. Zwar lassen sich die meisten Altstoffe eines Holzhauses sortenrein trennen, doch für Abbau, Entsorgung sowie die anschließende Neuanschaffung werden große Mengen an Energie und Ressourcen verbraucht.
„Tiny Houses kommen gern unter dem Signum der Nachhaltigkeit daher“, erklärt der Architektur- und Bauhistoriker Wolfgang Sonne von der Technischen Universität Dortmund. „Aber in vielerlei Hinsicht sind sie das genaue Gegenteil – auch wegen ihres immensen Grundflächenverbrauchs.“ Zwar leben viele Menschen in Tiny Houses auf einem deutlich kleineren Raum als der deutschen Durchschnittswohnfläche von 47,7 Quadratmeter pro Kopf. Allerdings: Die in der Regel eingeschossigen Tiny Houses stehen meist frei auf Grundstücken, die häufig ein Vielfaches ihrer Grundfläche messen. „So taugen Tiny Houses natürlich auch nicht zur Lösung der allgemeinen Wohnungsknappheit“, meint Sonne. Sie würden das Problem eher verschlimmern, denn: „Auf denselben Grundstücken könnten leicht fünf- bis zehnmal so viele Wohneinheiten in Form von Etagenwohnungen stehen.“
Immenser Flächenverbrauch
Hinzu kommt das Problem der Bodenversiegelung. Zwar lagern viele Tiny Houses auf Punkt- oder Streifenfundamenten oder auf Stützen, was bedeutet: Für das Haus selbst muss wenig bis gar keine Fläche versiegelt werden – dafür aber für die Infrastruktur. Der Gesetzgeber in Deutschland verlangt, dass Straßen-, Wasser- und Elektrizitätsnetz auch für ein 28-Quadratmeter-Quartier erweitert werden müssen, falls das Häuschen dauerhaft bewohnt wird. Außerdem befinden sich Tiny Houses zu 86 Prozent im vorstädtischen Bereich oder im Grünen, wie Marcus Menzl ermittelt hat. Diese buchstäbliche Naturnähe ist ein handfestes Umweltproblem. „Hier sind wir beim Thema Zersiedlung“, stellt Bauhistoriker Sonne fest: „Tiny Houses in der Fläche verschlimmern die durch die vielen Einfamilienhaussiedlungen ohnehin prekäre Lage.“ Denn durch Tiny Houses drohen weitere Flächen erschlossen zu werden.
Schon jetzt ist Deutschland so engmaschig mit Häusern, Straßen, Rohren und Leitungen durchzogen, dass es kaum noch zusammenhängende Naturräume gibt. Laut einer Studie des Leibniz-Instituts für ökologische Raumentwicklung (IÖR) in Dresden gibt es in der gesamten Bundesrepublik keinen Punkt, der weiter als 6,3 Kilometer vom nächsten Gebäude entfernt liegt. In den allermeisten Landstrichen erreicht man das nächste Haus bereits nach höchstens 1,5 Kilometern. „Wenn man jetzt noch anfinge, lauter Tiny Houses auf die grüne Wiese zu stellen, würde man neben fortschreitender Zersiedlung auch mehr schädliches Verkehrsaufkommen verursachen“, erklärt Sonne. „Denn die Bewohner müssten ja fast alle Dinge des täglichen Lebens mit dem Auto erledigen.“ Das widerspräche jeglichen Prinzipien des nachhaltigen Städtebaus, findet der Forscher und legt sich fest: „Tiny Houses als Zukunftsmodell für einen nachhaltigen Wohnungsbau zu propagieren, ist nahezu absurd.“
Unkonventionelles Denken gefragt
Verteufeln will der Bau-Historiker die Winzlinge dennoch nicht. Mit Blick auf die Wohnungsknappheit könnten Tiny Houses vielleicht ein kleiner Teil der Lösung sein, räumt Sonne ein, „allerdings nur sehr punktuell und eher im urbanen Bereich.“ Dazu müsste man aber auch mal unkonventionell denken, fordert Sonne: „Vorstellbar finde ich beispielsweise, dass man im städtischen Bereich Tiny Houses in größeren Einfamilienhausgärten aufstellt und so die Flächen nachverdichtet.“ Der Experte verweist auf ein altes, aber durchaus vergleichbares Wohnmodell aus dem ländlichen Raum: „Auf Bauernhöfen gab es früher die sogenannten Ausgedinge; das waren kleinere abgesonderte Wohngebäude, in denen die Älteren unterkamen, nachdem sie den Hof an ihre Nachfolger übergeben hatten.“
Stadtsoziologe Marcus Menzl sieht in der Nachverdichtung durch Tiny Houses in den Gärten von Stadthäusern sogar ein mögliches Mittel gegen den sogenannten Donut-Effekt, der vielen kleineren und mittleren Kommunen Bauchschmerzen bereitet: leere Ortskerne, die umringt sind von aufgeblähten Einfamilienhaus-Stadtteilen aus den 1950er- und 1960er-Jahren mit großen Gärten. Diese Flächen sind heute, ein halbes Jahrhundert nach dem Ende des Babybooms, viel zu dünn besiedelt, um für belebte Innenstädte zu sorgen. „Eine Nachverdichtung mit Tiny Houses in den Gärten oder auf kleineren Restflächen wäre sicher ein Mittel, um gegenzusteuern“, meint Menzl. „Im Idealfall könnten auf diese Weise regelrechte Umzugsketten entstehen: Ältere Paare oder Alleinstehende ziehen aus den Einfamilienhäusern in die Tiny Houses in den Gärten. In die großen Häuser ziehen dann junge Familien ein.“ So ließen sich pro Grundstück je nach Familiengröße drei, vier oder mehr Personen zusätzlich ansiedeln – theoretisch. „Aber einen echten Mengeneffekt werden Tiny Houses wohl niemals erzielen“, räumt Menzl ein.
Oder doch? Wolfgang Sonne und sein Team von der TU Dortmund wollen demnächst eine weitere kreative Form der innerstädtischen Nachverdichtung testen: „Wir werden auf zwei Garagen auf dem Universitätsgelände je ein Tiny House obendrauf setzen.“ Und wer soll darin wohnen? „Vielleicht Studenten“, meint der Bauhistoriker, „oder Gastdozenten.“ Viel wichtiger als diese Frage sei das grundsätzliche Potenzial, das die Idee berge. „Man muss ja nur mal sehen, wie viele freistehende Garagen es hierzulande gibt“, sagt Sonne und betont: Ebenso gut könne man Tiny Houses auf eingeschossige Supermarktgebäude stellen. „Dazu müssten die Supermarktketten ihre Ladenlokale vielleicht nur etwas solider bauen als bislang.“ Dann könnte auf den Dächern buchstäblich das Leben blühen. Den Supermärkten könnte das neben Flächenpachtzahlungen auch potenzielle neue Kunden bescheren.
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