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Wachstum steuern – mit Licht
Wie lassen sich bald neun oder zehn Milliarden Menschen ernähren, ohne noch mehr Boden in landwirtschaftliche Fläche umzuwandeln? Mehr noch: Wie kann man mehr Flächen der Natur überlassen, damit sich wichtige Ökosysteme erholen und CO2 speichern können? Selbst wenn es gelingt, die Produktivität auf den vorhandenen…
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von LUDGER WEß
Wie lassen sich bald neun oder zehn Milliarden Menschen ernähren, ohne noch mehr Boden in landwirtschaftliche Fläche umzuwandeln? Mehr noch: Wie kann man mehr Flächen der Natur überlassen, damit sich wichtige Ökosysteme erholen und CO2 speichern können? Selbst wenn es gelingt, die Produktivität auf den vorhandenen Agrarflächen weiter zu erhöhen, kann das den Mehrbedarf vermutlich nicht decken. Dazu kommt, dass es immer mehr Menschen in die Städte zieht. Inzwischen gibt es weltweit fast 40 Megacitys mit jeweils mehr als zehn Millionen Einwohnern. Die Menschen in solchen Ballungsräumen mit qualitätsvollen, frischen Lebensmitteln zu versorgen, ist nicht nur ein logistisches Problem, sondern durch den Transportverkehr auch eine immense Belastung der Umwelt.
Einen Ausweg könnte der innerhalb von Gebäuden betriebene vertikale Anbau darstellen, bei dem Pflanzen gestapelt übereinander oder auch an Wänden wachsen. Solche Pilotanlagen, in denen hochwertige Spezialkulturen mithilfe von künstlicher Beleuchtung und in weitgehend geschlossenen Kreisläufen angebaut werden, existieren bereits in Asien, den USA und auch in Europa.
„Aber können wir wirklich von einer Pflanze, die für das Feld gezüchtet wurde, erwarten, dass sie in einem Hochregal gut wächst?“, fragt Kevin Folta, Professor für Gartenbauwissenschaften an der University of Florida in Gainesville. „Das ist das Problem. Es bedeutet, dass wir die Lichtverhältnisse, unter denen wir die Pflanzen anbauen, genau wie die Genetik der Pflanzen überdenken müssen.“ Über die Frage, wie Licht pflanzliche Prozesse beeinflusst, forscht Folta seit mehr als einem Jahrzehnt. Er gilt als einer der Pioniere der Photomorphogenese-Forschung.
Licht ist für Pflanzen überlebenswichtig und hat über die reine Photosynthese hinaus großen Einfluss auf zahlreiche Prozesse: Keimung des Samens und Entwicklung des Sämlings, die Einleitung der Blütenbildung sowie ganz allgemein die Wachstumsrichtung und die Gestaltbildung – Farne und Nacktsamer wie Palmfarne, Koniferen und ähnliche Pflanzen ausgenommen. „Da Pflanzen an einem Ort festsitzen, müssen sie in der Lage sein, Umweltveränderungen zu erfassen und flexibel auf sie zu reagieren“, sagt Folta. Pflanzen haben daher mithilfe von Farbstoffen Lichtsensoren entwickelt, die ihnen als Informationsquelle über ihre Umwelt dienen. Auf Basis dieser Lichtinformationen aus dem Spektrum Rot, Blau und Grün steuern die Pflanzen Vorgänge wie Wachstum und Entwicklungsänderung, etwa die Umstellung auf die Blühphase.
Dass sich diese Steuerungsmechanismen gezielt zur Beeinflussung von Pflanzen im Sinne des Menschen nutzen lassen, ist allerdings erst durch Fortschritte bei der LED-Technologie gelungen (LED steht für „Light-Emitting Diode“). Ende des 20. Jahrhunderts begann die Massenfertigung von bunten LEDs, die monochromatisches Licht in einer Vielzahl von Wellenlängen darstellen können. Durch sie ist es heute möglich, die Spektren für eine bestimmte Pflanzenreaktion gezielt zu optimieren – aufgrund der inzwischen preisgünstigen Angebote nicht mehr nur im Labor, sondern auch im kommerziellen Salat- oder Gemüseanbau.
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Für Rot gibt es ein Farbstoff-Rezeptorsystem mit zwei Formen: die Hellrot absorbierende Form (Pr von „Phytochrome red“) und die Dunkelrot absorbierende Form (Pfr von „Phytochrome far-red“). Rotes Licht mit etwa 660 Nanometer Wellenlänge wandelt Phytochrom-Rot in die aktive Form Phytochrom-Dunkelrot um. Dunkelheit oder dunkelrotes Licht mit etwa 730 Nanometern inaktiviert das Phytochrom-Dunkelrot, sodass es in die Phytochrom-Rot-Form zurückkehrt. Da natürliches Licht beide Wellenlängen enthält, befindet sich das System normalerweise in einem Gleichgewicht, das sich jedoch verschiebt, wenn sich das Lichtspektrum etwa durch Beschattung, Sonnenstand oder Dunkelheit ändert.
Sowohl Intensität und Qualität des Lichts als auch die Belichtungsdauer beeinflussen das System, das die Verteilung von Kohlenstoff in der Pflanze und den Stoffwechselstatus steuert, etwa die CO2-Verwertung am Tag und die Dunkelatmung nachts. In der Regel besitzen Pflanzen mehrere Phytochrome, die unterschiedliche Reaktionen steuern.
In der natürlichen Umgebung regulieren Phytochrome auch das sogenannte Schattenfluchtsystem, das aktiviert wird, wenn die Pflanze durch Abschattung dauerhaft nicht genügend Licht für die Photosynthese erhält. Sie reagiert dann mit verstärktem Längenwachstum, veränderter Blattneigung, Reduktion von Verzweigungen und anderen Vorgängen, die es ihr ermöglichen, mehr Licht für die Photosynthese zu erlangen. Bringt das alles nichts, kommt es zur „Vergeilung“, also zur Ausbildung dünner, langer Triebe, oder es wird eine verfrühte Blütenbildung eingeleitet.
In einer künstlichen Umgebung lassen sich durch Bestrahlung mit rotem Licht weitere Effekte auslösen. Manche Pflanzen bilden mehr Biomasse, und manche Obst- und Gemüsesorten entwickeln vorteilhaftere sensorische Merkmale, beispielsweise wird ihr Geruch intensiver, ihr Geschmack kräftiger, und auch ihre Textur und Farbe können sich ändern. Je nach gewünschter Eigenschaft der zu kultivierenden Pflanze kann rotes Licht gezielt eingesetzt werden. Bei Salat etwa wird die Keimung gehemmt, wenn Rotlicht zu einem bestimmten Zeitpunkt eingestrahlt wird.
Dunkelrotes Licht während der Wachstumsphase führt zu einem verstärkten Wachstum von Trieben und Wurzeln, Frischgewicht und Blattfläche nehmen zu. Auch bei Bohnen und Tomaten fördert dunkelrotes Licht Wachstum und Ertrag. Zum richtigen Zeitpunkt eingesetzt, kann dunkelrotes Licht unerwünschtes Wachstum hemmen und weniger chemische Wachstumshemmer erforderlich machen oder sogar ganz vermeiden.
Blau und Grün
Kryptochrome wiederum reagieren auf blaues und UV-A-Licht. Pflanzen besitzen mindestens vier verschiedene Kryptochrom-Rezeptoren für Licht dieser Wellenlängen. Auch sie sind an der Ausbildung der Gestalt der Pflanzen beteiligt, etwa an der Länge von Stamm oder Stängel sowie am Aussehen der Blattfläche. Sie beinflussen auch den Tagesrhythmus und die Bildung bestimmter Farbstoffe.
Die Phototropine gehören ebenfalls zu den Blaulichtrezeptoren. Sie regulieren unter anderem die Bewegung von Chloroplasten in den Zellen und die Öffnung der Stomata (Spaltöffnungen), über die der Gasaustausch der Pflanzen stattfindet. Hinzu kommen ein UV-B-Rezeptor und – als neue Erkenntnis – offenbar auch Rezeptoren für grünes Licht.
Bis vor wenigen Jahren wurde die Bedeutung von grünem Licht für Pflanzen als gering eingeschätzt – schließlich sind Pflanzen grün, weil sie grünes Licht reflektieren, was nicht für eine Nutzung spricht. Doch mittlerweile hat sich herausgestellt, dass auch dieses Lichtspektrum physiologische Reaktionen und anatomische Merkmale in Pflanzen steuert und reguliert. Reflektiert werden nämlich nur 10 bis maximal 50 Prozent des grünen Lichts. Der Rest kann die Photosynthese tief im Blatt- und Baldachinprofil stimulieren und dadurch zum Ernteertrag beitragen. Grünes Licht steuert darüber hinaus Prozesse, die bei Beschattung durch andere Blätter für eine optimale Nutzung der Ressourcen und die Anpassung der Photosynthese an die Bestrahlungsstärke sorgen.
Kommerzieller Anbau mit Licht
All diese Erkenntnisse lassen sich nutzen, um das Pflanzenwachstum in geschlossenen Räumen zu steuern, wie sie für vertikales Wachstum nötig sind. Zahlreiche Firmen entwickeln derzeit „Lichtrezepte“, um die beste Lichtstimulation für das kommerzielle Wachstum von Gartenbaupflanzen zu schaffen. Wie in der Forschung kommen hier LEDs zum Einsatz. Herkömmliche Beleuchtung mit Metallhalogenid-, Natriumdampf-Hochdruck- oder Röhrenfluoreszenz-Lampen sind für die gezielte Steuerung des Pflanzenwachstums unbrauchbar. Sie liefern nur ein unveränderliches breites Spektrum mit großen Anteilen an grüner, dunkelroter und Infrarotstrahlung. Überdies sind sie ineffizient und verursachen hohe Energiekosten.
LED-Leuchten hingegen sind nicht nur energiesparender, sondern bieten auch ein genau definiertes, schmales Spektrum und sind programmierbar. Damit bieten sie die Möglichkeit, schnell zwischen verschiedenen Spektren und Bestrahlungsstärken hin und her zu schalten. So ist es etwa durch Kopplung verschiedener LEDs mit Sensoren für Umgebungslicht und pflanzenphysiologischen Status möglich, die Leistung gemäß den Photosynthese-Anforderungen der Pflanze und den gewünschten Eigenschaften wie Aroma, Geschmack, Textur, Farbe oder Nährstoffgehalt zu regulieren.
Folta denkt an künftige Gewächshäuser, in denen automatische Beleuchtungssysteme und reflektierende Oberflächen installiert sind, die unterschiedliche Lichtfarben verwenden, um Ernährung, Geschmack und viele andere Eigenschaften von Pflanzen zu optimieren: „Jetzt, da preiswerte LEDs in vielen Wellenbereichen verfügbar sind, haben wir Möglichkeiten gefunden, die Umsetzung genetischer Informationen zu beeinflussen und damit Blüh- und Reifezeit zu verändern oder Pflanzenkrankheiten zu bekämpfen.“
Geschmackvoller und nährstoffreicher
Doch auch bereits geerntete Pflanzen wie Obst oder Salat lassen sich noch durch Licht beeinflussen. „Wir können Geschmack oder Nährstoffgehalt sozusagen dynamisch verbessern und das Verderben verzögern“, sagt Folta. Diese Techniken werden bereits in Form von farbigen Mulchfolien und reflektierenden Filmen auf Feldern eingesetzt. „Vielleicht“, spekuliert Folta, „haben wir in Zukunft auch Kühlschränke mit Lichtzonen, in denen wir Salat oder Gemüse kontrolliert in eine bestimmte Geschmacksrichtung nachreifen lassen können.“
„Wir wollen mithilfe von Licht Lebensmittel von besserer Qualität oder mehr davon herstellen, ohne mehr Ressorcen zu brauchen und ohne negative Auswirkungen auf die Umwelt in Kauf zu nehmen“, sagt Folta. „Die Frage ist: Können wir es schaffen, den städtischen Raum neu zu nutzen, Talenten mit grünem Daumen Arbeit vor Ort anzubieten und die Menschen mit qualitativ hochwertigem Obst und Gemüse zu versorgen, das möglicherweise weniger kostet und sogar länger hält? Denn das sind aus meiner Sicht die potenziellen Vorteile. Hinzu kommt die Idee der Ganzjahreslandwirtschaft: Können wir im Winter etwa in New York City Blattgemüse anbauen, statt es aus Kalifornien oder Südamerika zu importieren?“
Die LED-Technik wird mittlerweile kommerziell angewandt. 2019 berichtete Andy Roe, Produktionsleiter der Firma Flavourfresh in Großbritannien, die jährlich fast drei Millionen Kilogramm Tomaten produziert, die Ergebnisse seien nach der Installation von LED-Leuchten „erstaunlich“.
„Unsere Erwartungen wurden alle im ersten Jahr erfüllt – vom Pflanzenwachstum bis zur Fruchtqualität und dem Fruchtgeschmack“, sagte er der Fachzeitschrift Lux Review. Die Qualität der Tomaten, die im Winter mit LED-Licht gezogen wurden, sei „identisch mit der Qualität, die im Sommer erzeugt werden kann. Dies ist mit Kosten verbunden, aber die britischen Kunden sind bereit, dafür zu zahlen.“
In den USA eröffnet in diesem Herbst die Firma AppHarvest ein neues Gewächshaus, das mit mehr als 2,7 Millionen Quadratmetern das neuntgrößte Gebäude der Welt sein wird. Es wird mit einem Hybrid-LED-Beleuchtungssystem für 15 Millionen US-Dollar ausgestattet und ist damit die weltweit größte LED-Installation für ein einzelnes Gebäude.
AppHarvest will dort pro Jahr rund 22 Millionen Kilogramm Tomaten anbauen, wobei es die LEDs ermöglichen, die Pflanzen dichter als bisher zu setzen und die Produktivität zu erhöhen. Herkömmliche Natriumdampf-Hochdrucklampen wird es ebenfalls geben, wobei die abgegebene Wärme zur Beheizung genutzt wird, sagt Jonathan Webb, Gründer und CEO von AppHarvest. Er sieht das Gewächshaus als einen Schritt auf dem Weg, die mindestens 50 Prozent mehr Nahrungsmittel zu erzeugen, die nach Angaben der Vereinten Nationen bis 2050 notwendig sind, um die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren. „Landwirtschaftliche Anlagen mit regulierten Umgebungsbedingungen ermöglichen es, bis zu 20-mal so viel wie in der traditionellen Freilandlandwirtschaft zu erzeugen, während gleichzeitig der Wasserverbrauch um 90 Prozent reduziert, der Einsatz von Chemikalien praktisch vollständig vermieden und – in unserem Fall – eine Umweltbelastung durch Rückstände ausgeschlossen wird.“
In Frankreich hat das technische Institut des Gartenbauverbands ASTREDHOR die Anwendung von LED-Systemen in Gewächshäusern für die Zucht von Jungpflanzen untersucht – mit dem Ergebnis, dass eine LED-Zusatzbeleuchtung die Pflanzenvermehrung verbessert, indem sie die Tageslänge vergrößert. Allerdings sind diese Ergebnisse von der jeweiligen Pflanzenart abhängig und in einigen Fällen sogar sortenspezifisch. Im Vergleich zu Sämlingen, die unter konventionellen Natriumdampf-Hochdrucklampen gezogen wurden, führte die Vermehrung von Sämlingen mit zusätzlicher LED-Beleuchtung bei kurzer Tageslänge (Oktober bis März) zu Jungpflanzen von besserer Qualität. Mehr Rot im Lichtspektrum erhöhte die Qualität der jungen Pflanzen und verkürzte die Vermehrungszeit.
Doch noch ist ein Einsatz auf breiter Front nicht in Sicht. Studien des Kompetenzzentrums Unterglasgemüseanbau in Straelen, einer Einrichtung der Norddeutschen Kooperation im Gartenbau, haben ergeben, dass der Einsatz von LEDs zur Beleuchtung eine frühere und größere Ernte erlauben, aber dennoch nicht rentabel ist. Solange die Stromkosten hoch sind, so das Fazit, bieten LEDs als kompletter Ersatz für herkömmliche Beleuchtung keinen Kostenvorteil.
Neue lichtoptimierte Pflanzen
Der Gartenbauwissenschaftler Kevin Folta denkt indessen schon weiter. Für ihn ist die Abstimmung des Lichts auf die bestehenden Pflanzen nur der erste Schritt. „Mir stellt sich die Frage: Wie können wir Obst- und Gemüsesorten identifizieren oder züchten, die Licht bestimmter Wellenlängen am besten in Wachstum, Entwicklung und letztlich ins Lebensmittelprodukt investieren? Am Ende zählt die Kombination aus Genetik plus optimalen Lichtbedingungen, damit wir hohe Qualität bei niedrigen Kosten erzielen können. Und ganz entscheidend ist bei den Kosten der Energieverbrauch.“ Für eine erfolgreiche vertikale Landwirtschaft braucht es also nicht nur neue Lichtrezepte, sondern auch neue Pflanzen.
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