„Wenn alles digitalisiert wird, kann der Hörfunk als das wichtigste Medium nicht abseits stehen”, meint Helwin Lesch, stellvertretender Vorsitzender der Initiative Marketing Digital Radio. Die Experten sind sich zwar einig, dass das digitale Radio kommen wird. Bei der Frage, nach welcher Norm, hört die Gemeinsamkeit aber auf. Schon 1980 wurde die Entwicklung des digitalen Radiosystems DAB, das langfristig die UKW-Technik vollständig ablösen soll, in Angriff genommen. Mehrere hundert Millionen Mark sind bisher investiert worden. Jetzt droht die Erkenntnis, dass die Entwicklung am Markt vorbeiging. „Wenn der Durchbruch nicht jetzt in den Monaten nach der Internationalen Funkausstellung in Berlin kommt, ist das System tot”, prophezeit Jürgen Bischoff von der Competent-Consulting in Berlin.
Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt ist das System schon seit über drei Jahren „on air”. Ende 2004, so das Versprechen der Betreiber, wird deutschlandweit fast ein flächendeckender Empfang möglich sein. Was also ist schief gelaufen?
So manches. Zunächst fehlte lange Zeit eine schlagkräftige Marketing-Kampagne. Infolgedessen blieb die Nachfrage nach der Technik gering. Jetzt steckt die Branche in einem Teufelskreis. Die geringe Nachfrage und die mangelnden Strategien haben die Empfangsgeräte zu Exoten gemacht. Mangels Nachfrage können die Receiver nicht in Großserie produziert werden, sie sind deshalb viel zu teuer und finden somit kaum Absatz. Für ein DAB-Autoradio sind mindestens 1000 Mark fällig, bei Heimtunern liegen die günstigsten Angebote bei zirka 1500 Mark. Für das Jahr 2000 war noch 1997 ein Absatz von 470000 Geräten prognostiziert worden. Tatsächlich wurden aber ganze 10000 Geräte verkauft.
Gewiss, auch die ersten CD-Spieler waren teuer. Aber im Unterschied zum digitalen Radio lagen die Vorteile gegenüber den klassischen Schallplatten auf der Hand: perfekter Klang auf einem handlichen Datenträger, dem Kratzer und Flecken nichts anhaben können. Die Qualität der UKW-Sender ist jedoch sehr gut. Die meisten Radiohörer werden sich deshalb die Frage stellen, warum sie viel Geld für einen neuen Empfänger ausgeben sollen. Drastisch formuliert es Prof. Klaus Schrape vom Baseler Prognos Institut: „DAB ist ein typisches Beispiel für eine Antwort auf eine Frage, die niemand gestellt hat.”
Was spricht also für das DAB-System? Es gewährleistet einen störungsfreien Empfang in CD-Qualität, denn die digitalen Daten werden komprimiert und mit Schutzsignalen zur Vermeidung von Übertragungsfehlern versehen. Auf einem Frequenzblock werden gleichzeitig die digitalen Programme von bis zu sieben Hörfunkstationen ausgestrahlt. Zusätzlich können andere Informationen übertragen werden, die in einem Display angezeigt werden. DAB erlaubt die Verwendung eines Gleichwellennetzes. Das bedeutet: Für einen DAB-Block kann stets die gleiche Frequenz verwendet werden. Die verschiedenen Sender stören sich nicht gegenseitig, und eine um den Faktor zwei bis vier bessere Ausnutzung des Frequenzspektrums wird möglich. Das könnte die Hörfunklandschaft in Deutschland bereichern. Zurzeit haben neue Radiostationen fast keine Chance, da nahezu alle Frequenzen vergeben sind.
Jetzt ist DAB mit einer groß angelegten Marketing-Kampagne in die Offensive gegangen. Mit dem schlagkräftigen Slogan „Digital Radio On Air Now” versucht die Initiative Marketing Digital Radio (IMDR) das System zu retten. Beteiligt sind acht Sendernetzbetreiber und drei Gerätehersteller.
Gegen DAB machen vor allem die Betreiber von kleineren Lokalradios mobil. DAB teilt die Sendegebiete deutschlandweit in 120 Zellen auf, kleinere Strukturen sind unwirtschaftlich. Somit käme es zu einer kompletten Umstrukturierung der Hörfunklandschaft. „Für kleinere Sender würden sich die laufenden Kosten etwa verdoppeln”, schätzt Stefan Rein vom Bundesverband freier Radios.
Auch wenn DAB sich als Norm für den digitalen Hörfunk nicht durchsetzen sollte: „Die Digitalisierung des Rundfunks ist nicht nur unvermeidlich, sondern auch von volkswirtschaftlichem Interesse”, schreibt Jürgen Bischoff in seiner Studie über die Perspektiven digitaler Hörfunkübertragung. Die Gründe dafür sind neben einer besseren Nutzung des Frequenzspektrums ein geringerer Bedarf an Energie für die Ausstrahlung von digitalen Hörfunkprogrammen. Als gesichert gilt zurzeit außerdem, dass nur ein terrestrisches Verfahren infrage kommt. Satellitensignale können nur bei direkter Sichtverbindung zum Satelliten empfangen werden und erlauben deshalb keinen flächendeckenden Empfang, ebenso naturgemäß Kabelsysteme.
Ein heißer Kandidat für die Digitalisierung des Rundfunks ist das DVB-T-Netz. Dieses System ist ein Bruder des DAB-Systems, der speziell für das digitale Fernsehen entwickelt wurde. Beide Verfahren nutzen teilweise die gleiche Technik. Mit ihr lassen sich 50 Hörfunkprogramme in einem Kanal bündeln. Die Kombination von Fernseh- und Radiosignalen bringt eine Reihe handfester Vorteile. So wäre nur ein Decoder für Fernseh- und Radiosignale erforderlich. Auch würden Radio- und Fernsehsignale von dem gleichen Sender ausgestrahlt. In einem Feldversuch hat das System seine Feuertaufe bestanden. Die Preise für die Empfänger werden weit unter denen für DAB-Empfänger liegen. Eine abschließende Bewertung, ob DVB-T als alternative Technologie zur Verbreitung des digitalen Hörfunks geeignet ist, steht aber noch aus.
Eine interessante Entwicklung gibt es im Bereich des Digitalen Hörfunks für Kurzwelle und Mittelwelle (DRM). Bei Tests konnten Programme, die in Portugal abgestrahlt wurden, noch in Weißrussland in Fernsehtonqualität empfangen werden. Ein internationaler Standard soll noch dieses Jahr festgelegt werden. Die Empfangsgeräte werden nur wenig teuerer als herkömmliche Radios sein, schätzt Bischoff.
Dürftige Kenntnisse
Wer sich für den Umstieg auf den digitalen Hörfunk interessiert, ist weitgehend auf sich selbst gestellt. Eine Beratung seitens der Händler gibt es mangels Kenntnis kaum. Händler, die das System kennen, raten oft vom Kauf eines DAB-Receivers ab: „Die Hersteller ziehen sich von der Technik zurück”, sagen viele. Keiner der angesprochenen Händler hatte einen Empfänger auf Lager, bestenfalls auf Bestellung konnte er liefern.Derzeit gibt es bei digitalen Autoradios nur zwei integrierte Geräte: von Grundig das Modell Challenge 530 DAB und von Pioneer das DEH-P90DAB. Alle anderen Hersteller liefern Zusatzgeräte für den DAB-Empfang, die nur in Kombination mit einem Car-HiFi-System geliefert werden. Bei den Receivern für die heimische Stereoanlage sieht es noch schlechter aus. Der Kunde hat hier die Auswahl zwischen vier Empfängern. Kein einziger Händler konnte Auskunft zu diesen Geräten geben. Auch portable Heimempfänger sucht man vergebens. Wer sich zum Kauf eines DAB-Receivers entschließt, sollte zuvor unbedingt überprüfen, ob ein Empfang in seinem Wohngebiet derzeit überhaupt möglich ist. Denn besonders in den nördlichen Bundesländern gibt es noch erhebliche Lücken. In den süddeutschen Bundesländern dagegen ist der Empfang von mindestens sechs Sendern fast lückenlos gewährleistet, in Ballungsgebieten können oft sogar mehr Programme empfangen werden.
Kompakt
• Das digitale Radio soll bis 2015 den UKW-Hörfunk vollständig ersetzen.• Digital Audio Broadcasting erlaubt einen störungsfreien Rundfunkempfang in CD-Qualität – auch im Auto.• Doch ein neuer DAB-Empfänger ist teuer. Fraglich ist, ob sich die Investition für den Radiohörer lohnt.
bdw-Community
INTERNETUmfassende Informationen über die Technik auf der Homepage der Initiative Marketing Digital Radio (IMDR):www.digitalradio-info.de
Infos über die Grundlagen des Digitalen Rundfunks auf der Grundig-Homepage: www.grundig.de/produkte/caraudio.html
Studie über die Perspektiven der digitalen Hörfunkübertragung: www.g-bettin.de/pm20010404183326.htm
Sebastian Moser





