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Verheizt!
Heizen mit Holz statt mit Öl gilt als Beitrag zum Klimaschutz. Doch Wissenschaftler warnen: Die Abgase aus Holzöfen sorgen nicht nur für schmutzige Luft, sondern führen zu steigenden Treibhausgas-Emissionen.
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von GÜVEN PURTUL
Das erste von Menschenhand entfachte Feuer war ein Meilenstein der Zivilisation. Über 30.000 Jahre später kocht und heizt noch immer ein Drittel der Weltbevölkerung mit Holz. Doch Qualm und Ruß, die dabei entstehen, bedrohen die Gesundheit der Menschen, und der starke Holzbedarf gefährdet die Wälder. Dennoch sind Holzfeuer auch in Deutschland beliebt: Dreifach verglaste Kamine haben sich als heimeliger Mittelpunkt in Luxuswohnungen etabliert. Das gute Gewissen gibt es gratis dazu, denn schließlich wächst der Brennstoff im Wald und gilt als nachhaltig.
Doch Wissenschaftler warnen vor den Folgen für Luftqualität, Wälder und Klima: Deutschland importiert Brennholz aus Osteuropa, wo alte Naturwälder von Kahlschlag bedroht sind. Und im Winter, wenn in den Öfen die Holzscheite knistern und aus den Schornsteinen graue Rauchschwaden steigen, sinkt die Luftqualität auch in Luftkurorten drastisch. Ein Vergleich der Emissionsfaktoren zeigt, dass Holzöfen vor allem bei den Feinstaub-Emissionen weit an der Spitze liegen: Gas erzeugt pro Terajoule Energie 30 Gramm Feinstaub. Bei Öl ist es mit 850 Gramm das 28-Fache. Gar 600-mal so schmutzig ist Kohle, die aber im Vergleich zu Holz immer noch gut abschneidet. Denn der vermeintlich ökologische Brennstoff emittiert im Schnitt 3000-mal so viel Feinstaub.
Kaum öffentliche Aufmerksamkeit
Doch die öffentliche Diskussion kreist vor allem um andere Themen. Im Vordergrund stehen nicht Feinstaub-, sondern Stickoxid-Emissionen. Und der Fokus richtet sich nicht auf Holz, sondern auf Autos mit Dieselmotor, deren Hersteller den überhöhten Schadstoffausstoß ihrer Fahrzeuge mit Softwaretricks getarnt haben. Zudem gab es Stimmen wie die des Lungenarztes Dieter Köhler, der in etlichen Talkshows auftrat. Seine These: Die Grenzwerte für Stickoxide und Feinstaub hätten keine wissenschaftliche Basis, Überschreitungen führten zu „keiner relevanten Gefährdung“.
Wissenschaftler reagierten irritiert, Bundeskanzlerin Angela Merkel bat die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina um Klärung. Die Autoren der Stellungnahme „Saubere Luft“ wiesen darauf hin, dass Stickstoffdioxid (NO2) zwar schädlich sei und bei langfristiger Belastung Atemwegserkrankungen wie Asthma bewirken könne. Doch insgesamt seien die Gesundheitsfolgen „geringer als bei Feinstaub“. NO2 sei ein guter Indikator für die verkehrsbezogene Umweltbelastung, doch „Feinstaub ist pro Masseeinheit schädlicher“, sagt Barbara Hoffmann von der Universität Düsseldorf. In der Leopoldina-Arbeitsgruppe ist die Umweltepidemiologin mitverantwortlich für den Abschnitt über die Gesundheitseffekte.
Auslöser von Entzündungen
Die winzigen Partikel könnten tief in feinste Verästelungen der Lunge vordringen und dort Entzündungen auslösen, erläutert sie. Neue Studien deuten darauf hin, dass die Mikropartikel die Sterblichkeitsrate durch Covid-19 erhöhen. Und dass Feinstaub die Sterblichkeit etwa durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen deutlich steigert, ist wissenschaftlich bereits gut belegt. Denn die winzigen Partikel führen zu Entzündungen in Bronchien und Lunge. Die dabei entstehenden Botenstoffe können über die Blutbahn Entzündungsreaktionen im gesamten Körper auslösen. Ultrafeine Partikel können sogar direkt ins Blut gelangen.
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Die EU-Grenzwerte werden dem kaum gerecht, da sie für Feinstaub weniger streng sind als für NO2. Für Feinstaub-Partikel unter 2,5 Mikrometer (PM2,5) gilt in der EU ein großzügiger Jahresmittelwert von 25 µg/m3, der nicht einmal an Brennpunkten des Verkehrs überschritten wird. Doch die WHO empfiehlt einen Grenzwert von 10 Mikrogramm wie in der Schweiz (USA: 12 µg/m3). Dieser Wert wird im Großteil Deutschlands überschritten, unter anderem wegen der beliebten „Wohlfühlkamine“. Ein offener Kamin erzeugt im Schnitt 144 Kilogramm Feinstaub pro Terajoule und damit 4800-mal so viel wie eine Gasheizung. Selbst Pellet-öfen haben mit 33,8 Kilogramm einen mehr als 1100-mal so hohen Ausstoß.
Ungefiltert aus dem Schornstein
In Deutschland gibt es etwa elf Millionen Kleinfeuerungen wie Kamin- oder Kachelöfen sowie etwa eine Million Zentralheizkessel für Holz oder Pellets. Die meisten pusten ihre Abluft ungefiltert aus dem Schornstein. Für die Feinstaubbelastung spielen sie eine größere Rolle als die Motoren von über 60 Millionen Kraftfahrzeugen: 1995 lag der Beitrag privater Holzfeuerungen am Gesamtausstoß von Feinstaub mit Partikelgrößen unter 2,5 Mikrometern (PM2,5) bei etwa 5 Prozent, bis 2018 verdreifachte er sich auf 17 Prozent. Der Rest stammt vor allem aus Verkehr, Industrie, Landwirtschaft und Kraftwerken.
Die Kurve der Verkehrsemissionen sinkt steil aufgrund verbesserter Abgasreinigung, denn neue Diesel-Pkw haben seit mehr als zehn Jahren einen Partikelfilter. Ihre Abgase enthalten daher oft weniger Staub als die Stadtluft, wie unabhängige Messungen belegen. Die Holzverbrennung ist das größere Problem, obwohl die meisten Holzöfen in Haushalten nur als Zusatzheizung dienen.
Neben der schieren Menge ist auch die Struktur des Feinstaubs aus Holzöfen problematisch: „Bei der Holzfeuerung haben wir eher kleinere Partikel“, sagt Ralf Zimmermann vom Helmholtz-Zentrum München. An der Universität Rostock untersucht der Chemiker Abgase unterschiedlicher Quellen per Aerosol-Massenspektrometer. Dabei gilt die Faustregel: Je kleiner die Partikel, desto gefährlicher sind sie. Die kleinsten mit einem Durchmesser bis 0,1 Mikrometer können über die Lunge sogar in den Blutkreislauf gelangen und in anderen Organen Schaden anrichten.
Krebserregende Stoffe im Rauch
Für „Ultrafeinstaub“ gibt es keine Richt- oder Grenzwerte. Sein Gewichtsanteil am gesamten Feinstaub beträgt kaum 5 Prozent, doch er kann 90 Prozent aller Partikel im Feinstaub ausmachen. Dazu kommen toxische Zutaten: „Krebserregende Verbindungen sind im Holzrauch besonders stark vertreten – viel stärker als im Dieselabgas“, sagt Zimmermann. Neben anderen Giften treten vor allem polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) auf. „Bei stückhaften Festbrennstoffen wie Scheitholz sind nie alle Bereiche ausreichend mit Luft versorgt“, erklärt der Chemiker, „sodass es zwangsläufig zu einer unvollständigen Verbrennung kommt.“ Verstärkt wird dieser Effekt durch falsche Bedienung der Öfen, etwa durch Überladung oder den Einsatz von feuchtem Holz.
Laut Umweltbundesamt betrug der Gesamtausstoß krebserregender PAK in Deutschland 2018 rund 175 Tonnen. Für mehr als 90 Prozent davon sind Haushalte und Kleinverbraucher verantwortlich, während auf den Verkehr weniger als zwei Prozent entfallen. Gasheizungen sind sauber, Ölheizungen emittieren nur geringe Mengen krebserregender PAK. 2400-mal so viel hingegen emittieren Holzfeuerungen. Regen spült die Schadstoffe aus der Atmosphäre in Böden und Gewässer oder von versiegelten Flächen in die Kanalisation. Im Winter steigt die PAK-Belastung, im Sommer sinkt sie. Das saisonale Muster ist sogar im Zulauf von Kläranlagen messbar. „Das Problem ist, dass ein Holzofen überhaupt keine Emissionsreduktion hat, sondern einfach nur ein Ofenrohr nach draußen“, sagt Zimmermann. Dabei brauche eine Feststofffeuerung zwingend einen Abgasfilter, der aber nicht vorgeschrieben sei.
Die 2010 novellierte Bundesimmissionsschutzverordnung sollte dafür sorgen, dass schmutzige Öfen durch saubere ersetzt werden. Seitdem seien die Emissionen häuslicher Feuerstätten „deutlich gesunken“, sagt Frank Kienle vom HKI Industrieverband Haus-, Heiz- und Küchentechnik. Doch für fast die Hälfte aller Holzfeuerungen gelten Ausnahmeregelungen, zum Beispiel für die besonders schmutzigen offenen Kamine. Die sollen nur gelegentlich angeheizt werden, was aber niemand kontrolliert. Für andere Öfen gelten lange Übergangsfristen, sodass viele erst bis 2025 ausgetauscht werden müssen. Doch auch neue Holzöfen sind keineswegs so „sauber und effizient“ wie die Branche behauptet. Das von der Europäischen Union finanzierte Projekt Be.Real hat bewiesen, dass ihre Emissionen nur auf dem Papier niedrig sind. Real liegen sie weit über den Grenzwerten.
Ingo Hartmann vom Deutschen Biomasseforschungszentrum (DBFZ) in Leipzig bestätigt das: „Wir haben in den letzten Jahren mehrere Öfen gemessen und festgestellt, dass wir die Typenprüfwerte, die da zertifiziert sind, nicht erreichen.“ Viele zugelassene Öfen überschritten die laschen Emissionsgrenzwerte. Bei der für die Zulassung erforderlichen Typenprüfung werde alles auf niedrige Emissionen getrimmt, sagt Hartmann. Die Laborbedingungen sind auch deshalb unrealistisch, weil die besonders kritische Phase der Anfeuerung ignoriert wird.
Der Hersteller beauftragt und bezahlt die Prüfung und kann sie wiederholen lassen. In der Praxis führten viele Faktoren dazu, dass die Emissionen im Betrieb „nach unten oder nach oben“ abweichen, etwa der „inhomogene Brennstoff Holz“ sowie Umwelteinflüsse. Diese alltäglichen Einflussfaktoren ließen sich „im Rahmen einer standardisierten Prüfung nicht sinnvoll abbilden“, sagt HKI-Geschäftsführer Kienle.
Die realen Emissionen von Kaminöfen überprüft in der Regel niemand: Schornsteinfeger kontrollieren Heizkessel, aber keine Einzelraumfeuerungen. Behörden sehen sich nicht als zuständig. Dabei wünschen sich sogar manche Hersteller Kontrollen, damit besonders schmutzige Öfen vom Markt verschwinden.
Weniger Emissionen sind möglich
Ingo Hartmann demonstriert mit einem umgebauten Kaminofen, dass geringere Emissionen möglich sind: Mit automatischer Luftregelung, Katalysator und Partikelfilter senkte das DBFZ-Team den Feinstaubausstoß um 90 Prozent. Erste Öfen mit Blauem Engel sind bereits auf dem Markt. Sie haben ein strenges Prüfverfahren durchlaufen, das sicherstellen soll, dass die Öfen in der Praxis geringere Emissionen aufweisen. Allerdings sind auch emissionsarme Kaminöfen noch immer um Größenordnungen schmutziger als jede Gasheizung. Die Forscher wollen sie so weit verbessern, dass ihre Abgaswerte wenigstens in die Nähe von denen einer Ölheizung kommen. „Doch die Abgasreinigung ist teuer und hat am Markt keine Chance, solange die Politik keine strengeren Vorgaben festlegt“, sagt Hartmann.
Die Folgen für die Luftqualität in der Heizperiode sind drastisch, vor allem in Tälern und bei Inversionswetterlagen, wenn die Luft nicht abziehen kann. Ein sicheres Anzeichen dafür ist Brandgeruch. „Das ist ein hausgemachtes Luxusproblem, weil wir Kaminöfen in den meisten Wohnungen zur Heizung überhaupt nicht brauchen“, sagt Umweltepidemiologin Hoffmann.
Auch in vermeintlich unbelasteten Gebieten können die Feinstaubwerte an kalten Abenden stark ansteigen. Ein Tagesgrenzwert gilt jedoch nur für die Gesamtmenge an Feinstaub mit einem Partikeldurchmesser unter 10 Mikrometer (PM10). Für die relevanteren Partikel unter 2,5 Mikrometer (PM2,5) gibt es dagegen nur einen Jahresmittelwert, der die Extremwerte kalter Tage glättet, wenn Millionen Menschen gleichzeitig einheizen.
Die Rauchschwaden tragen vielerorts zu Überschreitungen der Grenzwerte bei, auch an Verkehrs-Hotspots. So steht eine der deutschlandweit am stärksten belasteten Stationen mitten in Berlin an der Frankfurter Allee. An Tagen mit einer Überschreitung des Feinstaubgrenzwerts für PM10 stammen im Mittel zwölf Prozent der Belastung aus Holzöfen, wie ein Forschungsprojekt der Berliner Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz gezeigt hat.
Laut Umweltbundesamt sind die Beiträge von Holzöfen und Verkehr zum Feinstaub mit dieser Partikelgröße ähnlich hoch, der Löwenanteil stammt aus Industrieprozessen. Der Jahresmittelwert für die kleine Feinstaubfraktion (PM2,5) lag an der Frankfurter Allee 2019 bei 16 µg/m3. Das liegt 36 Prozent unter dem geltenden Grenzwert, jedoch 60 Prozent über der WHO-Vorgabe. In ländlichen Gebieten kann die Feinstaubbelastung im Winter noch höher sein, sogar in Kur- und Erholungsorten.
Dicke Luft bei kalter Witterung
Seit 2009 misst der Deutsche Wetterdienst (DWD) die PM2,5-Werte mit einem speziellen Messnetz in Kurorten und an Referenzstationen wie auf dem Brocken im Harz, wo die Luft manchmal weniger als 2 µg/m3 PM2,5 enthält. Auch in Kurorten ist die Luft sehr sauber, außer es wird kalt: In den Wintermonaten steigen die Konzentrationen von Feinstaub und Stickstoffdioxid „infolge des zusätzlichen Schadstoffeintrags aus Heizungsemissionen“, wie der DWD feststellt. In Bad Schmiedeberg im Süden von Sachsen-Anhalt fielen die Temperaturen Mitte November 2018 auf unter zwei Grad – und prompt stieg der Mittelwert in der Woche ab dem 16. November auf erstaunliche 26,7 µg/m3.
Die Messstation steht in einer beschaulichen Seitenstraße und ist umgeben von Grundstücken mit Scheitholzlagern. „Bis jetzt haben wir an 366 Standorten gemessen, dabei lag der Median bei 7,7 µg/m³“, berichtet Stefan Gilge vom DWD. „Und der 95-Prozent-Wert lag bei 19,4 µg/m³.“ Das bedeutet: Bei fünf Prozent aller Messungen wurden noch höhere Werte ermittelt. Darunter sind extreme Wochenmittel von teils über 100 µg/m3. Das ist besorgniserregend, denn laut Studien stehen kurzfristige tägliche Belastungsanstiege mit erhöhter Mortalität in Verbindung.
Fragwürdige Förderung
Bei nüchterner Abwägung der Folgen für die Luftqualität sind Holzöfen ein Auslaufmodell. Doch Bund und Länder fördern Holz als Brennstoff mit Geld und Vorgaben wie dem Erneuerbare-Wärme-Gesetz. Der politische Bonus führt dazu, dass sogar Kitas und Schulen auf Holzheizungen umsteigen und zu Feinstaubquellen werden. Noch gilt das als Beitrag zum Klimaschutz. Doch die Verbrennung von Biomasse ist nicht nur ein Problem für die Luftqualität – bei der Verbrennung von Holz wird mehr Treibhausgas frei als bei der von Kohle oder Öl. Zum Heizen ist Holz der ineffektivste Energieträger mit dem höchsten CO2-Ausstoß.
Auch bei Klimaschützern wachsen die Zweifel, denn Holz konkurriert um Fördermittel mit sauberen und klimafreundlichen Technologien wie Sonnenenergie, Erdwärme und Wärmepumpen. Der Kohleausstieg gilt zwar als Meilenstein für den Klimaschutz. Doch bei der Verstromung von Biomasse in einem Kraftwerk entweichen pro Energieeinheit 50 Prozent mehr CO2.
Die Emissionen aus der Verbrennung von Biomasse werden konsequent ignoriert: Der europäische Emissionshandel und die Erneuerbare-Energien-Richtlinie der EU (RED II) behandeln sie mit dem Emissionsfaktor Null. Auch das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA), das den Einbau von Holz- und Pelletheizungen fördert, setzt den CO2-Ausstoß mit Null an. In die Berechnung der Fördermittel fließen nur Emissionen aus Ernte und Transport ein. Das führt rechnerisch zu hohen CO2-Einsparungen.
In den Behördentabellen hat Gas einen siebenmal so hohen CO2-Ausstoß wie Holz. Tatsächlich ist es umgekehrt: Wer seine Gas- durch eine Holzheizung ersetzt, erzeugt fast die doppelte Menge an CO2-Ausstoß. Außerdem entstehen bei der Holzverbrennung die Treibhausgase Methan und Lachgas sowie Rußpartikel. Dennoch bezuschusste die BAFA Holzheizungen von 2000 bis 2018 mit über 920 Millionen Euro. Dazu kommen günstige Kredite der Kreditbank für Wiederaufbau (KfW) und Zuschüsse der Bundesländer.
Denn Holz gilt als „erneuerbarer Energieträger“. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) verweist darauf, dass nachwachsende Bäume das CO2 irgendwann wieder aufnehmen. Der Fachverband Holzenergie findet sogar, das Treibhausgas werde „bereits in der Verbrennungssekunde“ wieder vom Wald aufgenommen.
Die Mär von der Klimaneutralität
Bei einer nachhaltigen Waldbewirtschaftung wird in Summe nur so viel Holz eingeschlagen, wie auf Nachbarflächen nachwächst. Wird Holz verbrannt, setzt es nur das CO2 frei, das der Baum zuvor aufgenommen hat. Das klingt erst einmal einleuchtend. Doch die angenommene Klimaneutralität hält einer wissenschaftlichen Betrachtung nicht stand, wie der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) in seinem Umweltgutachten 2020 feststellt: Ohne Einschlag bleibt der Kohlenstoff gespeichert und die Bäume auf den Nachbarflächen wachsen dennoch weiter.
CO2-neutral sei die Holzverbrennung wirklich nur dann, „wenn es sich um sehr produktive Kulturen mit kurzer Umtriebszeit oder um die Nutzung von Rest- und Abfallholz handelt“. Sägereste und Altholz würden sich rasch zersetzen und als Treibhausgas in die Atmosphäre zurückkehren. Da macht es Sinn, wenn Biomassekraftwerke daraus Strom und Wärme erzeugen oder aus Sägeresten Pellets werden.
Doch bei der energetischen Verwendung in Deutschland dominiert frisches Stammholz aus Wäldern. Etwa zwei Drittel der Laubholzernte landen in Scheitholzöfen und -heizungen. Dabei sieht die Kohlenstoffbilanz laut SRU ganz anders aus, denn zum einen sind die Potenziale begrenzt, zum anderen muss die Dynamik des CO2-Speichers Wald berücksichtigt werden. „Bäume zu fällen, um sie zu verbrennen, ist alles andere als klimafreundlich“, sagt der Biologe Pierre Ibisch von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde, denn dabei werde Kohlenstoff freigesetzt, der sonst in den Wäldern eingeschlossen bliebe.
Kontroverse unter den Experten
Die Forstwissenschaftler, die das BMEL beraten, halten dagegen: Weniger Brennholznutzung würde die „energetische Substitutionsleistung“ senken, sagt Hermann Englert vom Thünen-Institut in Hamburg. Es müssten also mehr fossile Brennstoffe eingesetzt werden. „Die nicht genutzten Bäume würden gegenseitig so stark in Konkurrenz treten, dass sich die Mortalität in den Waldbeständen erhöhen würde.“ Das würde den Totholzspeicher erhöhen. „Durch natürliche Zersetzung würde das in den nicht genutzten Bäumen enthaltene CO2 wieder freigesetzt werden.“
Natürlich erreicht der Kreislauf von Werden und Vergehen auch die ältesten Baumriesen, doch „die meisten Bäume könnten noch Hunderte Jahre wachsen“, sagt Ibisch. Auch danach bleiben sie nützlich: „Totholz speichert Wasser, kühlt den Wald und trägt zu dessen Funktionsfähigkeit bei.“ Seine Zersetzung erfolgt langsam: „Studien zeigen, dass Totholz hierbei besser abschneidet als die stoffliche Nutzung“, berichtet der Eberswalder Waldexperte. Zudem trägt ein Teil des Kohlenstoffs zur Humusbildung im Boden bei.
Keinesfalls komme die CO2-Speicherung in älteren Wäldern zum Erliegen, meint Ibisch. Deutsche Wälder speichern derzeit 1,26 Milliarden Tonnen Kohlenstoff in ober- und unterirdischer Biomasse. Alte Naturwälder könnten ein Vielfaches speichern. „Das wäre der effektivste Klimaschutz.“ Die Holzverbrennung könne schon deshalb nicht klimaneutral sein, „weil Bäume nicht schnell genug wachsen“. Ein gefällter Baum speichert keinen Kohlenstoff mehr. „Es braucht Jahrzehnte, damit ein ähnlicher Baum an der gleichen Stelle steht“, erklärt Ibisch. Die Klimakrise verschärft die Unsicherheit, denn in extrem trockenen und heißen Jahren kann sich das Wachstum verzögern oder ganz ausbleiben. Dagegen sinke in alten Naturwäldern auch die Empfindlichkeit gegenüber dem Klimawandel.
Das Holz im Wald lassen!
Selbst wenn das entnommene Holz nachwachse, könne „nicht pauschal angenommen werden, dass die gewonnene Bioenergie CO2-neutral ist“, stellt auch die Leopoldina fest. Für eine Kohlenstoffbilanz müsse man „die langsamen Wachstumszyklen von Bäumen“ berücksichtigen, schreiben die Autoren der 2019 veröffentlichen Stellungnahme „Biomasse im Spannungsfeld zwischen Energie und Klimapolitik“. Statt Holz für die energetische Nutzung zu entnehmen, „könnte man es auch im Wald belassen und damit möglicherweise einen ebenso großen oder sogar größeren Beitrag zum Klimaschutz leisten“, meinen die Fachleute der nationalen Wissenschaftsakademie.
Die Unsicherheit rührt daher, dass die Speicherleistung der Wälder bei der Treibhausgasbilanzierung – etwa vom Thünen-Institut – nicht berücksichtigt wird. Daher blieb bisher offen, wie die CO2-Bilanz ausfällt, wenn das Holz nicht geerntet wird und die Bäume als Kohlenstoffsenke erhalten bleiben.
Der Wald als Kohlenstoffspeicher
Umweltexperten haben eine Methode entwickelt, mit der sich die Speicherleistung aus Waldmodellen in die Treibhausgasbilanz integrieren lässt. „Durch energetische Holznutzung ergibt sich nicht automatisch ein Vorteil für den Klimaschutz“, sagt Klaus Hennenberg vom Öko-Institut in Darmstadt. Die Erneuerbare-Energien-Richtlinie der EU fordert für Biomassekraftwerke eine Treibhausgasminderung von 70 Prozent gegenüber fossilen Energieträgern. Wird die Dynamik der Speicherleistung im Wald berücksichtigt, ergibt sich für Laubholz eine Substitutionsleistung von „maximal 20 Prozent“, die, je nach Randbedingungen, sogar in den Negativbereich rutschen kann. Für Klimaschutz und Nachhaltigkeit ist es daher meist besser, weniger Stammholz zu verbrennen, meint Hennenberg.
Das hätte auch Vorteile für die Artenvielfalt, denn die hohe Nachfrage nach Energieholz schwächt nicht nur den Kohlenstoffspeicher Wald: Sie führt auch dazu, dass alte Wälder in Deutschland sehr selten sind, obwohl viele Arten nur dort überleben. Nicht von ungefähr beschloss die Bundesregierung 2007 eine Biodiversitätsstrategie: Bis 2020 sollte die Nutzung auf fünf Prozent der Waldfläche eingestellt werden, um dort eine natürliche Entwicklung zu ermöglichen. Doch bis heute sind nicht mal drei Prozent der Wälder ungenutzt.
Holzfäller im Naturschutzgebiet
Auf Basis der Thünen-Berechnungen behauptet der Wissenschaftliche Beirat für Waldpolitik sogar, die Ausweisung von Naturwäldern diene gar nicht dem Klimaschutz. Jedenfalls dient sie nicht der Gewinnmaximierung. Und so kreischen die Motorsägen auch in Naturschutzgebieten weiter. Dabei funktioniert CO2-neutrale Holzverbrennung nur im kleinen Maßstab. „Diese klimafreundlichen Potenziale sind aber in Deutschland bereits deutlich überschritten“, sagen inzwischen auch die Experten des Umweltbundesamts.
Derweil heizt das Bundeswirtschaftsministerium die Nachfrage nach Brennholz weiter an: Seit dem 1. Januar 2020 gibt es beim Austausch einer alten Ölheizung bis zu 45 Prozent der Anschaffungskosten einer Holzheizung von der BAFA. Auf Brennholz erhebt der Fiskus zudem nur den ermäßigten Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent, während auf Holzrohstoffe und -produkte 19 Prozent fällig werden. Auch deshalb landet immer weniger Holz in langlebigen Produkten: Von 1990 bis 2016 verdoppelte sich der Holzverbrauch in Deutschland nahezu: von 64,5 auf 127,1 Millionen Kubikmeter.
Brennholz ist nicht klimaneutral
In diesem Zeitraum stieg die stoffliche Nutzung nur um 39 Prozent, während die Verbrennung um satte 219 Prozent zunahm. Dabei wäre eine stoffliche Nutzung für das Klima viel besser: Als Baumaterial ersetzt Holz Rohstoffe wie Zement oder Stahl, deren Herstellung besonders klimaschädlich ist. Bau- oder Möbelholz bindet den Kohlenstoff zudem langfristig. Allerdings: Etwa die Hälfte des in Deutschland verwendeten Holzes landet inzwischen im Ofen, und teilweise wird Brennholz auch über weite Entfernungen hinweg importiert.
Die europäische Wissenschaftsakademie (EASAC) fordert, die „perversen Anreize“ endlich zu streichen und Biomasse nicht mehr als klimaneutral zu werten. Holz sollte genauso behandelt werden wie Kohle und Gas, idealerweise durch einen einheitlichen Preis auf alle CO2-Emissionen. Nur so ließe sich eine fatale Entwicklung aufhalten, die sich derzeit vor allem im europäischen Energiemarkt abspielt: Betreiber von Großkraftwerken rüsten ihre Anlagen, unterstützt von Steuergeld, von Kohle auf Holz um.
Das englische Kraftwerk Drax östlich der Stadt Leeds beispielsweise verbrennt mehr als sieben Millionen Tonnen Industrieholzpellets jährlich. Das entspricht mehr als der jährlichen Holzproduktion Großbritanniens, kritisiert die britische Umweltorganisation Biofuelwatch. Gleichzeitig deckt das Kraftwerk Drax damit nur 0,81 Prozent des Endenergiebedarfs im Vereinigten Königreich.
Der Großteil der Industriepellets stammt aus Übersee. Die Folge sind Kahlschläge, etwa in den Tieflandwäldern des Südostens der USA, berichtet Wolfgang Kuhlmann von der Plattform Wald-Klima: „Dort werden Naturwälder im großen Stil in Plantagen umgewandelt, die im Endeffekt weniger CO2 speichern, als es die Wälder vorher getan haben.“
Angesichts des Kohleausstiegs würden auch Betreiber von Kraftwerken in Deutschland gerne umrüsten und dafür Subventionen kassieren. So ließen sich die Klimaziele auf dem Papier erfüllen. Die CO2-Emissionen würden dann aber noch stärker steigen, auch wenn der Strom für Elektroautos ein grünes Etikett erhielte. Für die Wälder weltweit könnte das fatale Folgen haben: Es drohen Verhältnisse wie zur Mitte des 19. Jahrhunderts, als Europa aufgrund des großen Holzbedarfs fast entwaldet war. Damals rettete der Brennstoff Kohle die Wälder. Heute sollte die Energie aus kohlenstoffarmen Quellen wie Sonne und Wind kommen.
Statt Pseudo-Klimaschutz mit Biomasse fordern Wissenschaftler mehr Schutz für Feuchtgebiete und Wälder sowie eine Aufforstung. „Ökosysteme sind nicht nur Kohlenstofflager“, sagt Pierre Ibisch. Naturwälder sind existenziell für den Artenschutz – und das nicht nur in tropischen Ländern wie Brasilien und Indonesien. Den Stand einer Zivilisation erkennt man nicht zuletzt daran, wie sie mit ihren Naturgütern umgeht.
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