von RÜDIGER VAAS
Alles neu macht der Mai? Dieser Sinnspruch für Erneuerung – der Beginn eines Frühlingslieds, das Hermann Adam von Kamp 1818 schrieb – hätte vor 66 Millionen Jahren eine äußerst brachiale Bedeutung gehabt. Vielleicht nicht im Mai, aber im Frühling, ereignete sich damals das letzte große Massenaussterben der Erdgeschichte. Für drei Viertel aller vernichteten Arten war das kein Wonnemonat. Doch der verheerende Einschnitt in die Evolution des Lebens markierte zugleich einen Wendepunkt für neue Entwicklungen. Davon profitierten besonders die Säugetiere und Blütenpflanzen, die daraufhin die Biosphäre entscheidend prägten – bis heute.
Freilich hat die endkreidezeitliche Katastrophe nicht alles grundlegend erneuert. Einerseits war der Erbstrom des Lebens nicht als Ganzes gekappt, sondern floss – wenn zunächst teilweise nur als Rinnsal – in viele Richtungen weiter. Andererseits war die Vorgeschichte vieler Arten komplexer und beeindruckender als lange angenommen. So fristeten die Blütenpflanzen und Säugetiere keineswegs nur ein peripheres Nischendasein.
Botanisches Pompeii
Bereits knapp neun Millionen Jahre vor dem Meteoriteneinschlag existierte eine reichhaltige Flora im heutigen US-Bundesstaat New Mexico, die von Blütenpflanzen dominiert wurde. Die Vorherrschaft dieser Angiospermen (Bedecktsamer), die starke Ausdifferenzierung ihrer Samen- und Fruchtformen sowie deren Verbreitung mithilfe von Tieren wurde bislang auf die Zeit nach dem Massensterben veranschlagt. Zuvor, so die Lehrmeinung, überwogen auf dem Festland die evolutionär älteren Gymnospermen (Nacktsamer); zu ihnen zählen heute beispielsweise Nadelbäume wie Kiefern und Tannen.
Doch in New Mexico hatte die Asche eines Vulkans mindestens 77 verschiedene Typen von Diasporen (Samen und Früchten) binnen weniger Tage verschüttet. Das ergab die Auswertung von mehr als 450 einzelnen Exemplaren durch ein Team um Jaemin Lee. „Man kann sich das wie ein botanisches Pompeii vorstellen“, sagt der Paläoökologie-Doktorand an der University of California in Berkeley. „Der Ascheregen brachte die Diasporen zusammen mit Blättern und Blüten vom Baumkronendach auf den Waldboden.“
Die analysierten Fossilien wurden seit den 1990er-Jahren in der verfestigten Ascheablagerung namens Dori’s Tuff in der Jose Creek Formation geborgen. Viele dieser Diasporen waren so groß wie heutige Heidelbeeren, während die meisten anderen bekannten kreidezeitlichen Samen nicht einmal ein Hundertstel des Volumens besaßen und allenfalls Mohnsamen übertrafen. (Blütenpflanzen gab es zwar schon vor mindestens 130 Millionen Jahren, doch waren dies überwiegend kleine krautige Gewächse.) Nicht einmal bei einem Zehntel der Diasporen-Typen von Jose Creek finden sich Hinweise auf flügelartige Strukturen, die typisch für eine Verbreitung über den Wind sind. Die im Juni 2026 publizierte Studie von Lees Team nimmt daher an, dass viele Angiospermen damals schon Tiere anlockten, um sich mit deren Hilfe auszubreiten. Heute fressen viele Vögel und Säugetiere Früchte mit ihren Samen, die sie anderswo wieder ausscheiden. Tatsächlich interpretiert das Team ein Drittel der analysierten Fruchttypen als mehr oder weniger weiches Obst.






