Videofans der ersten Stunde mußten sich entscheiden – drei Recorder-Systeme buhlten um ihre Gunst: Video 2000, Betamax und das Video Home System (VHS). Wer sich ein Gerät zulegte, konnte die Cassetten der Konkurrenztechnologien nicht abspielen – und hatte unter Umständen aufs falsche Pferd gesetzt. Denn nur VHS überlebte den Kampf der Systeme.
Die Geschichte könnte sich bei den Videorecordern der kommenden Generation wiederholen. Die wiederbeschreibbare Digital Versatile Disc (DVD), die auf den ersten Blick nicht von einer CD zu unterscheiden ist, wird die Nachfolge des Videobandes antreten – soviel ist sicher. Nur wie diese DVD-Technologie aussehen wird, darüber sind die Hersteller uneins. Wieder sind es drei Systeme, die gegeneinander antreten: Die DVD-RAM (Random Access Memory) wird unter anderem von Panasonic und Hitachi vorangetrieben. Die DVD-RW (ReWritable) geht vor allem auf die Initiative von Pioneer zurück. Die DVD+RW (plus ReWritable) ist eine Erfindung von Philips.
Eigentlich hätte es zu diesem Systemwirrwarr überhaupt nicht kommen sollen. Schließlich hatten die Hersteller von DVD-Geräten und -Speichermedien ein Gremium – das DVD-Forum (www.dvdforum.org) – gegründet, in dem sie gemeinsame Standards verabreden wollten. Das offizielle DVD-Logo dürfen nur Geräte tragen, die den Vereinbarungen entsprechen. Das hat Philips allerdings nicht daran gehindert, das DVD+RW-Verfahren am DVD-Forum vorbei zu entwickeln. Das Gremium hat aber auch selbst zu der unübersichtlichen Situation beigetragen, indem es gleich zwei Technologien, nämlich DVD-RAM und DVD-RW, seinen offiziellen Segen erteilte.
Der Hauptgrund ist wohl, daß beide Systeme ihre Stärken in unterschiedlichen Bereichen haben. „DVD-RAMs sind in erster Linie als Speichermedium für den PC geeignet”, beurteilt Jürgen Timm, Produktmanager für Audio und DVD bei Pioneer, die Technologie seiner Konkurrenten. Sein Unternehmen setzt auf die DVD-RW. „Das ist das weitaus bessere Verfahren für Videorecorder.”
Unumstritten ist: Wer wiederbeschreibbare DVDs für die Arbeit am PC braucht, kommt mangels Alternative an der DVD-RAM nicht vorbei. Die dazugehörigen Laufwerke sind bereits seit etwa einem Jahr in Europa erhältlich. Sie können bis zu 4,7 Gigabyte auf jeder der beiden Seiten eines Datenträgers speichern, den sie so flexibel wie eine Festplatte verwalten. Videodaten zum Beispiel lassen sich problemlos mit Hilfe eines PC auf den Discs bearbeiten.
Deshalb sind die Verantwortlichen bei Panasonic und Hitachi – anders als ihre Wettbewerber – der Meinung, die DVD-RAM sei auch der richtige Kandidat für die Nachfolge des Videobandes. Seit dem Sommer können Japaner erstmals einen Camcorder von Hitachi kaufen, der die Filmbilder auf einer wiederbeschreibbaren DVD-RAM speichert. Ab dem Jahresende soll das Gerät möglicherweise auch in Europa verkauft werden. Mitstreiter Panasonic bietet – bislang auch nur in Japan – den dazu passenden DVD-RAM-Videorecorder für den Heimgebrauch an. Die Konkurrenz ist ebenfalls in Fernost vertreten: Pioneer verkauft seit Ende 1999 einen DVD-RW-Videorecorder.
Warum also noch eine dritte Technologie? „DVD+RW wird als einziges System kompatibel zu den jetzigen DVD-Playern sein”, antwortet Klaus Petri, Philips-Sprecher. Tatsächlich können die DVD-Abspielgeräte, die heute schon in vielen Wohnzimmern stehen, nichts mit DVD-RAM oder DVD-RW anfangen. Erst bei künftigen Player-Generationen soll sich das ändern.
Techniker von Philips und anderen Firmen basteln deshalb an DVD+RW, einer verbesserten RW-Variante, die schon in den jetzigen Playern funktioniert. Außerdem soll sie besser für den PC-Einsatz gerüstet sein. Einziger Haken: Bislang existieren nur Prototypen der +RW-Geräte.
„Wir hoffen, daß es nicht zum Krieg der Systeme kommt”, sagt Roland Fritsch, Produktmarketing-Manager bei Hitachi. Inzwischen mehren sich die Anzeichen, daß die Firmenchefs einen Verdrängungswettbewerb vermeiden wollen. So verabschiedeten die Mitglieder des DVD-Forums Ende Juni wieder einmal einen Standard, hinter dem ausnahmsweise kein neues System steckt. „DVD Multi” heißt er, und Geräte, die sein Logo tragen, sollen fast alle konkurrierenden DVD-Technologien gleichzeitig beherrschen. Nur die DVD+RW bleibt außen vor, weil dieser Entwicklung die offizielle Anerkennung als Standard fehlt.
„Das sind gute Neuigkeiten für die Konsumenten”, frohlockt Koji Hase, stellvertretender Vorsitzender des DVD-Forums. Nicht alle Experten teilen die Euphorie. „DVD Multi ist ein hehres Ziel, aber das Vorhaben ist sicher schwer umzusetzen”, gibt Jürgen Timm von Pioneer zu bedenken. „Die Frage wird immer sein: Wieviel ist der Kunde bereit, dafür zu zahlen?” Schließlich koste der Einbau mehrerer Technologien in ein Gerät zusätzliches Geld. Einige Experten glauben deshalb auch, daß zwei der drei Systeme durchaus nebeneinander bestehen könnten.
Möglicherweise entwickelt sich aber auch ein viertes Format zum Renner: die DVD-R, die nur einmal beschreibbare DVD. Darauf deutet zumindest die Entwicklung bei der Compact Disc, der „ kleinen Schwester” der DVD, hin: Weil einmal beschreibbare CD-R-Rohlinge inzwischen sehr billig geworden sind, interessiert sich heute fast niemand für die teurere, dafür aber mehrfach beschreibbare CD-RW.
So werden Videos auf wiederbeschreibbaren DVDS gespeichert Ob DVD oder CD, das Grundprinzip aller wiederbeschreibbaren optischen Speichermedien ist gleich: Beim Schreiben der Information erhitzt ein Laserstrahl gezielt einzelne Punkte in der Speicherschicht der Silberscheibe. Dadurch bilden sich beim Abkühlen winzige Zonen, in denen das Material abwechselnd in kristallinem oder amorphem Zustand vorliegt. Diese Regionen reflektieren Licht unterschiedlich. Ein schwacher Laserstrahl kann so die Strukturen abtasten und die gespeicherten Daten auslesen.
Die einzelnen DVD-Systeme unterscheiden sich darin, wie sie digitale Film-Daten auf der Scheibe anordnen: Bei der DVD-RW werden die digitalen Videodaten in der Regel in zusammenhängenden Sektoren der Speicherschicht abgelegt – etwa so wie auf einem Videoband. Nach dem Aufnehmen läßt sich die Scheibe am Recorder mit Hilfe einer sogenannten Playlist nachbearbeiten. Mit ihr kann man die Reihenfolge beliebiger Szenen verändern und auch Sequenzen auslassen. Auf der DVD+RW werden Filmdaten ebenfalls zusammenhängend gespeichert. Die Nachbearbeitung am Videorecorder ist allerdings nur bedingt möglich: Allenfalls einzelne Szenen sollen sich überspringen lassen. Ein erweiterter Videoschnitt ist am PC möglich. Die DVD-RAM ist das flexibelste DVD-Speichermedium. Filmdaten werden wie auf einer Computer-Festplatte in freien Sektoren gespeichert, die auf der DVD verstreut liegen können. Alle Szenen können nachträglich beliebig verschoben, kopiert und gelöscht werden.
Frank Fleschner





