Möbel mit eingebauter Computertechnik setzen der Gruppenarbeit keine Grenzen.
Kreide und Kugelschreiber in der Vorlesung, Kolben im Labor: Das waren für Generationen von Pharmazeuten und Chemikern die wichtigsten Utensilien, um ihren Beruf zu erlernen. Heute helfen Computerprogramme zu verstehen, wie Arzneistoffe in Körpervorgänge eingreifen. Doch für Gerd Folkers, Professor für Pharmazie an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich, wirft solche Simulationssoftware im Unterricht ein Problem auf: „Studenten begreifen damit nur dann etwas richtig, wenn sie selber mit ihr experimentieren können. Andererseits brauchen sie den Gedankenaustausch mit Dozenten und Kommilitonen, um die Computerprogramme effektiv einzusetzen.”
Auf Folkers Initiative hin rüstete deshalb die ETH einen Raum in der Bibliothek des Pharmazeutischen Instituts mit Möbeln aus, in die auf raffinierte Weise Informationstechnologie eingebaut ist. Forscher vom Fraunhofer-Institut für Integrierte Publikations- und Informationssysteme (IPSI) in Darmstadt hatten die Tische, Stühle und Wandelemente unter dem Namen „Roomware” konzipiert, um mit ihnen Projektarbeit und Konferenzen wirkungsvoll zu unterstützen (bild der wissenschaft 10/1998, „Die Büro-Nomaden”). Inzwischen fertigt der deutsche Büromöbelhersteller Wilkhahn aus Bad Münder die Möbel in Serie. Mit ihnen können alle im Team gemeinsam digitale Texte, Grafiken und Simulationen einsehen. Jedes Gruppenmitglied kann diese Dateien vor allen Augen mit Finger oder Stift verändern und so Ideen verdeutlichen oder Problemlösungen präsentieren.
Zum Beispiel der InteracTable: ein großer Stehtisch, um den sich bis zu acht Personen versammeln können. Seine Arbeitsfläche besteht aus einem liegenden, berührungsempfindlichen 50-Zoll-Plasmabildschirm – übliche Computermonitore haben eine Bildschirmdiagonale von nur 17 bis 20 Zoll. Über ihn hat das Arbeitsteam nicht nur jederzeit Zugriff auf lokal gespeicherte Daten und Software, sondern kann auch spontan Informationen aus dem Internet, aus Datenbanken oder firmeninternen Datennetzen einholen. „Vireal Laboratory” tauften die ETH-Wissenschaftler den Raum, den sie mit zwei InteracTables und einer elektronischen Wandtafel – CommBoard genannt – möbliert haben. Er verknüpft auf neuartige Weise die virtuelle Welt der simulierten Arzneimittelmoleküle mit der realen Welt.
„Die guten Studenten werden besser, die schlechten werden schlechter”, zieht Folkers eine erste Zwischenbilanz der Arbeit im Simulationslabor – wobei er betont, dass gut und schlecht eine Frage der Definition sei. Für ihn zählt hauptsächlich die Fähigkeit, Probleme zu lösen: „Ein guter Student muss in der Lage sein, eine unbekannte Situation zu analysieren, die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen und diese innerhalb eines größeren Zusammenhangs zu beurteilen.” Wer in diesem Sinne gut sei, profitiere vom Vireal Lab.
Von Anfang an begleiten zwei Arbeitspsychologen die Seminare der Pharmazeuten im neu möblierten Raum. Mit vier Kameras filmen sie das Verhalten der Lerngruppe und werten die Bilder anschließend mit einer speziellen Beobachtungssoftware aus. Bislang lernt nur die Hälfte aller Studenten eines Semesters mit den intelligenten Tischen und Wänden. Die anderen müssen sich mit jeweils einem Notebook bescheiden, das drahtlos mit den Rechnern der Kommilitonen vernetzt ist. Durch den Vergleich beider Studentengruppen wollen Pharmazeuten und Psychologen gemeinsam klären, ob die Roomware-Möbel tatsächlich den Lernprozess fördern.
Endgültige Ergebnisse gibt es noch nicht – aber überraschende Erkenntnisse: So schneiden die Studenten der Notebook-Gruppe nicht wesentlich schlechter ab als diejenigen, die das Los ins Vireal Lab beordert hatte. Bei Gesprächen stellte sich heraus, dass viele Notebook-Studenten ehrgeizig versuchen, ihre scheinbar privilegierten Kommilitonen zu schlagen.
Folkers jedenfalls ist überzeugt, dass Pharmaziestudenten im Vireal Lab zu einem tieferen Verständnis der komplizierten Materie gelangen können. Dafür sprechen seine Erfahrungen, die er mit acht Studenten gemacht hat. Ursprünglich in der Notebook-Gruppe, hatten sie um einen zusätzlichen Ferienkurs im Vireal Lab gebeten. „Da sind wir zu Fragestellungen vorgestoßen, bei denen ich selbst ratlos abwinken musste”, sagt Folkers.
Auch andere ETH-Wissenschaftler nutzen das Vireal Lab – außerdem buchen es Autohersteller, Architekten und Baufirmen, um darin Konferenzen abzuhalten. Manche davon haben ihr Interesse bekundet, selbst Roomware-Räume einzurichten. Das Vireal Lab als Muster für künftige Beratungsräume stößt dagegen bisher nicht auf Resonanz. Dabei hat Wilkhahn mit InteracTable & Co durchaus auch Banken und Reisebüros angepeilt. Frank Sonder, Leiter des neuen Wilkhahn-Geschäftsfelds für Roomware, prangert an, dass Berater dort bisher einen großen Teil ihrer Gesprächszeit dem Computer statt ihrem Kunden widmen, der warten muss. „Da hilft es wenig, wenn die Berater den Bildschirm drehen, um wenigstens Einblick zu gewähren”, sagt Sonder. Die Möbel nach dem Roomware-Konzept würden es erlauben, Kunden aktiv in den Beratungsprozess einzubeziehen.
Noch schöpfen weder die ETH-Wissenschaftler in ihrem Vireal Lab noch die Kunden von Wilkhahn die Möglichkeiten der intelligenten Möbel voll aus. Denn sie sind auf Standard-Software angewiesen, die für herkömmliche Computer geschrieben wurde. Will man etwa ein digitales Dokument auf einer großen elektronischen Wandtafel verschieben, so muss man es mit dem Finger berühren und ohne Verlust des Fingerkontakts einige Meter laufen, bis es sich auf seiner neuen Position befindet. „Unsere BEACH-Software ermöglicht es dagegen, durch eine Geste ein digitales Objekt wie von einer Pinnwand abzunehmen und an anderer Stelle wieder anzuheften”, sagt Dr. Norbert Streitz vom Fraunhofer-Institut IPSI. „Alternativ können sich zwei Sitzungsteilnehmer, die vor der interaktiven Wand stehen, die digitalen Objekte auch gegenseitig gleichsam zuwerfen.” Noch ist BEACH kommerziell nicht erhältlich, Pilot-Installationen sind gleichwohl möglich.
Das gilt auch für das „Passage for Windows” (p4w)-System, das die IPSI-Forscher vergangenen Herbst auf der Büromöbelmesse Orgatec in Köln vorstellten. Benutzer können mit p4w digitale Texte, Präsentationen oder Videosequenzen wie ein Papierdokument zur Besprechung beispielsweise am InteracTable mitnehmen. Zwar lassen sich dazu prinzipiell auch Disketten oder CDs einsetzen, doch haben diese nur eine beschränkte Kapazität, und der Zugriff auf die richtige Datei erfordert Zeit. Das neue System dagegen ordnet die digitalen Daten einem realen Gegenstand, beispielsweise einem Schlüsselbund, zu, der mit einem kleinen etikettenförmigen Transponder – einem Mikrochip mit Antenne – versehen wurde. Legt der Benutzer diesen Schlüsselbund auf einen bestimmten Bereich der Roomware-Komponente, zeigt sich auf dem zugeordneten Bildschirm sofort das gewünschte digitale Dokument.
Dr. Frank Frick





