von REINHARD BREUER
Könnten Pflanzen böse sein, dann würden die Fleischfresser unter ihnen einen Spitzenplatz einnehmen. Und unter den mehr als 1.000 Arten, die es davon gibt, sticht vor allem die Venusfliegenfalle heraus – nicht nur wegen ihres borstenbewehrten, gefräßigen Mauls, in dem oft noch leere Chitinpanzer von Fliegen oder Spinnen liegen. Auch das Tempo, mit dem die Falle innerhalb einer Zehntelsekunde zuschnappt, um sich ihre Beute einzuverleiben, beeindruckt nicht nur Biologen.
Für Materialforscher gilt die Venusfliegenfalle als lebendes Vorbild, vom sich einiges lernen lässt – für pflanzeninspirierte Werkstoffe ebenso wie für die Entwicklung sogenannter weicher Roboter. Denn ähnlich wie bei Lebewesen sollen neuartige Materialien künftig „autonom reagieren, fühlen und sich an die Umwelt anpassen“, sagt Thomas Speck. „Die Venusfliegenfalle ist wahrscheinlich der komplexeste Mechanismus“, meint der Biologe von der Universität Freiburg. Sie sei „mit einem Entscheidungsmechanismus und einem mechanischen Gedächtnis“ ausgestattet. Pflanzen hätten allgemein kein zentrales Nervensystem und keine zentrale Steuereinheit – und das ist von Vorteil bei autonomen Reaktionen.
Der pflanzliche Fleischfresser inspirierte den Wissenschaftler als Vorbild für eine künstliche Fliegenfalle, die Speck mit seinem Team im Rahmen des Exzellenzclusters „livMatS“ entwickelt. Daran beteiligt sind neben mehreren Instituten der Universität Freiburg auch Forscher der Freiburger Fraunhofer-Institute für Solare Energiesysteme (ISE) und Werkstoffmechanik (IWM). Ziel ist es, lebensähnliche Werkstoffe zu entwickeln – unter anderem für eigenständig agierende Roboter mit weichen Greifwerkzeugen.
Fühlen, berechnen, kommunizieren
Die Wissenschaftler in Baden stehen damit nicht allein. Anfang 2021 hat die Royal Society in London eine ähnliche Forschungsinitiative ausgerufen, in deren Rahmen „animierte Materialien“ entwickelt werden sollen. Wie in Freiburg stehen auch bei den Briten besondere Qualitäten von Pflanzen im Fokus. Materialien würden damit „lebensähnlicher“, prophezeit Mark Miodownik. Der Werkstoffexperte vom University College London erwartet dadurch große Veränderungen. An pflanzliche Eigenschaften angelehnte Verbundwerkstoffe „werden ihre Umgebung fühlen, sie werden merken, wenn sie verletzt sind, berechnen was sie als nächstes tun sollen und es dann auch tun – etwa um Energie zu speichern und sich damit selbst zu heilen“, erläutert Miodownik. „Oder sie kommunizieren miteinander.“
Solche Merkmale erschließen völlig neue Anwendungen. „Gebäude können Anstriche bekommen, die ihre Farbe wechseln, um die Menschen vor Luftverschmutzung zu warnen“, meint der Londoner Wissenschaftler. Häuser könnten je nach Temperatur ihre Farbe von hell nach dunkel wechseln, um das Gebäudeinnere entweder kühl oder warm zu halten. „So ließen sich bis zu 15 Prozent an Heizkosten sparen“, schätzt Miodownik. Um zu solchen Materialien zu gelangen, braucht es interdisziplinäre Kooperation: Die Projekte verknüpfen die Entwicklung intelligenter Materialien, selbstheilender Bio-Komposite, molekularer Maschinen mit Forschung zu Nanorobotik, Architektur, Mikroelektronik und medizinischer Gewebetechnologie.





