Am 17. August 2000 war der Milliarden-Spuk vorbei. Klaus-Dieter Scheurle, damals Chef der Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post (RegTP), drückte demonstrativ zum letzten Mal auf den Stopp-Knopf seines Chronometers. Sechs Mobilfunkbetreiber hatten Frequenz-Lizenzen für UMTS, den Mobilfunk der dritten Generation, ergattert – für insgesamt 96 Milliarden Mark. Je teurer, desto toller muss UMTS sein, dachten die Medien und pushten die Versteigerung zu einem Meilenstein der Technik hoch. Sie zeigten knallbunte Designerhandys mit Handteller großen Bildschirmen, auf denen gestochen scharfe Videos abliefen.
Heute, ein gutes Jahr danach, herrscht Katerstimmung. Dass die Lizenzen zu teuer waren und kaum zu refinanzieren sind, spüren vor allem die kleineren unter den sechs Käufern: E-Plus-Hutchison (KPN, NTT DoCoMo), MobilCom (FranceTelecom), Group 3G (Telefonica/Sonera) und Viag Interkom (British Telecom). Die beiden Großen – D2 (Vodafone) und die Telekom-Tochter T-Mobil – können angesichts fallender Aktienkurse kaum gelassener sein. Die Preistreiberei hat die Schulden der Unternehmen auf sagenhafte 300 Milliarden Mark getrieben, wie eine Studie der Investmentbank Morgan Stanley ergab. Den höchsten Schuldenberg hat British Telecom mit fast 100 Milliarden Mark.
Klaus-Dieter Scheurle, vor einem Jahr noch Feuer und Flamme angesichts der Lizenz-Erlöse, glaubt mittlerweile, dass nur Platz für vier, höchstens fünf Anbieter sein wird. Schon jetzt suchen die einst so großspurigen Konkurrenten ihr Heil in Kooperationen. Schließlich kostet der Aufbau der Infrastruktur noch einmal 50 Milliarden Mark.
Ursprünglich hatte die Regulierungsbehörde für Kooperationen enge Grenzen gesetzt: Nur Antennenstandorte, Kabel und Masten durften geteilt werden. Anfang Juni lockerte die Behörde die Zügel: Nun dürfen auch Sende- und Empfangsanlagen, die so genannten Funkbasisstationen, gemeinsam genutzt werden, sofern sie sich getrennt steuern lassen. Außerdem ist das so genannte Roaming erlaubt: In Gebieten, wo ein Betreiber kein Netz besitzt, kann er das Netz eines Konkurrenten mit nutzen. Frequenzpools werde es aber nicht geben, verspricht Matthias Kurth, neuer Chef der RegTP. „Jeder Lizenznehmer muss bis 2005 die Hälfte der Bevölkerung versorgen können”, macht Kurth klar. Wer gegen die Bedingungen verstößt, muss die ersteigerte Lizenz wieder zurückgeben.
Die erste UMTS-Ehe haben T-Mobil und British Telecom geschlossen. Sie wollen ihre UMTS-Netze in Deutschland und Großbritannien gemeinsam aufbauen. Von den erwarteten neun Milliarden Euro hofft man so bis 2010 drei Milliarden zu sparen. Auch E-Plus, Mobilcom und der Neueinsteiger auf dem deutschen Markt Group 3G verhandeln über Allianzen.
Um die Zusammenarbeit auch in der Praxis zu realisieren, arbeiten die Netzausrüster fieberhaft an der passenden Technik. Nokia will bis Ende 2002 eine Software liefern, die es mehreren Netzbetreibern ermöglicht, über dieselben Sende- und Empfangsanlagen zu funken. Auch die Konkurrenten Ericsson, Nortel und Siemens tüfteln an solchen Lösungen. Dass man sich dadurch um lukrative Aufträge bringt, befürchtet niemand. „Uns sind gesunde Kunden lieber, als solche, die sich übernehmen”, sagt Scott Wickware, UMTS-Manager von Nortel.
Bleibt nur noch eine Unbekannte in der teuren Rechnung: die Kunden. Denen steht eine große Enttäuschung bevor: Wenn die ersten von ihnen UMTS-Handys bekommen, wird sich nicht länger verheimlichen lassen, dass die im UMTS-Taumel des vergangenen Jahres gezeigten Prototypen nur Designstudien, die bunten Bildschirme nur aufgeklebte Fotos und die Videos mittels Tricktechnik eingespielt waren. Die ersten UMTS-Handys werden längst nicht so viel können wie versprochen.
Was leistet das „Universal Mobile Telecommunication System” wirklich? Dass UMTS bis zu 2000 Kilobit pro Sekunde schnell sein soll und damit gut 30-mal schneller als ISDN und 200-mal schneller als der heutige Mobilfunk-Standard GSM, ist reine Theorie. In der Praxis wird UMTS weniger als ein Fünftel dieses Tempos erreichen. Die Netzbetreiber wollen ihre Funkzellen so zuschneiden, dass immerhin eine Übertragungsrate von 384 Kilobit pro Sekunde möglich ist. Realistisch ist zu Beginn sogar nur die einfache bis doppelte ISDN-Geschwindigkeit: 64 bis 128 Kilobit pro Sekunde – genug für flotten Internet-Zugang, viel zu wenig für Videofilme in Echtzeit.
UMTS wird also nicht den Temposprung bringen, den die Netzbetreiber versprochen haben. Entscheidend werden deshalb die Dienste rund um UMTS sein: „Location Based Services” sollen Kunden durchs Kaufhaus zu den günstigsten Angeboten lotsen. Pannenservice, Staumeldungen, Fahrpläne und Hotelsuche könnten Autofahrer und Geschäftsreisende begeistern. Ericsson testet Videospiele, bei denen zum Spielfeld noch Bild und Stimme des Mitspielers eingeblendet werden. Ideen gibt es zuhauf – vor allem in Japan. Dort startete NTT Docomo am 1. Oktober in Tokio mit UMTS. Erste Anwendung: ein handliches Bildtelefon mit Farbmonitor und eingebauter Kamera.
Ob das reichen wird, genügend Kunden zu locken? Damit sich die milliardenschweren Investitionen in UMTS rechnen, müssen die Mobilfunkgesellschaften ihren Kunden monatlich Dienstleistungen für mindestens 100 bis 160 Mark verkaufen, prognostiziert Andreas Hoffmann, Telekommunikations-Experte bei der Unternehmensberatung Mummert & Partner. Die Gesprächsminute wird dabei in etwa ebenso teuer wie heute. Zum Vergleich: Heute legen sich 80 Prozent der Neukunden ein Handy mit einer Prepaid-Karte zu. Ihr Umsatz beträgt pro Monat etwa 20 Mark. Die übrigen Kunden haben durchschnittliche Umsätze von unter 100 Mark im Monat.
Da liegt es nahe, wie üblich bei der Einführung teurer Technologien erstmal auf Geschäftskunden zu setzen. Genau die hat Group 3G im Visier. Ein Schlüsselprodukt sei der mobile Internet-Zugang zum betriebsinternen Internet, verriet das Münchener Unternehmen, das bis September in Deutschland weder eine Marke präsentiert hatte noch einen einzigen Kunden vorweisen konnte, dafür aber eine teure UMTS-Lizenz besitzt.
Die etablierten Konkurrenten drehen schon an der Gebührenschraube – allerdings erstmals in eine ungewohnte Richtung, nämlich nach oben. Ziel: UMTS-Löcher in den Bilanzen stopfen und die Kunden langsam an höhere Preise gewöhnen. Ein Indiz: Die Subventionen für Handys werden geringer, die Zeiten, wo man beim Abschluss eines Vertrags das Handy praktisch geschenkt bekam, gehen zu Ende.
Es ist aber nicht nur die Schuldenlast, unter der die Mobilfunker ächzen. Auch die Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post sitzt ihnen im Nacken. Sie hat verfügt, dass die sechs Lizenznehmer bis Ende 2003 jeweils 25 Prozent der Bevölkerung mit UMTS versorgen müssen, bis 2005 sollen es 50 Prozent sein – das wären allerdings nur gut acht Prozent der Fläche, weil die Netzbetreiber sich die nötigen Kunden zunächst in den Ballungsräumen suchen werden. Ländliche Gebiete werden wohl noch lange auf UMTS warten.
T-Mobil-Sprecher Philipp Schindera rechnet mit dem Start in Deutschland nicht mehr vor Anfang 2003, auch Group 3G peilt das erste Quartal 2003 an. Erste nennenswerte Umsätze sind aber erst 2004 zu erwarten. Schindera spielt auf Zeit: „Wir gehen an den Start, wenn Netzabdeckung, Qualität und die Anzahl der Endgeräte stimmen.” Damit deutet er an, wer am Ende den Schwarzen Peter haben wird: die Hersteller von UMTS-Handys. Auch die Einführung von GPRS im letzten Jahr hat sich immer wieder verzögert, weil es keine Handys gab, die diesen Standard unterstützten. Erst seit diesem Herbst gibt es genügend Geräte. Trotzdem wird es GPRS schwer haben – erstens weil der versprochene Tempogewinn recht mager ausfiel und zweitens weil die geschürte UMTS-Hysterie den Eindruck erweckt, GPRS sei nur ein Zwischenschritt, um in der Durststrecke zwischen GSM und UMTS den Kunden das Geld aus der Tasche zu ziehen.
Das Schlimmste, was UMTS passieren könnte, wäre daher, dass schon jetzt zu laut über mögliche Nachfolger gesprochen wird. Doch die gibt es bereits. Unterstützt vom Bundesforschungsministerium arbeiten Unternehmen wie Alca- tel, DaimlerChrysler, Deutsche Telekom, Ericsson, Siemens und etliche deutsche Hochschulen in einer Arbeitsgruppe namens UMTSplus am Mobilfunkstandard der übernächsten Generation.
Ein Kandidat wäre Wireless Local Area Network (drahtloses lokales Funknetz), eine Technologie, die bereits heute erfolgreich zur Vernetzung von Laptops in großen Betrieben und immer häufiger auch an öffentlichen Plätzen genutzt wird. Das Kempinski Hotel Vier Jahreszeiten in München oder die Universität Göttingen sind bereits mit WLAN vernetzt. Steckkarten für den Laptop gibt es für wenige hundert Mark im PC-Laden.
WLAN ist bislang nur für eng begrenzte Gebiete bis 300 Meter Durchmesser geeignet, hätte aber zwei riesige Vorteile: Die Frequenzen im 2400 Megahertz-Bereich, wo auch der Kurzstrecken-Funkstandard Bluetooth sendet, werden von der Internationalen Fernmelde-Union (ITU) verwaltet und sind für die kostenlose Nutzung freigegeben. Und: Das engmaschige Funknetz ist mit 11 Megabit (11000 Kilobit) pro Sekunde extrem schnell – selbst Videos könnten ohne Verzögerung übertragen werden.
Wahrscheinlich besteht die Zukunft des Mobilfunks aber in einer Mischung verschiedener Technologien, insbesondere mit digitalem Radio und TV. Dieser Trend wurde deutlich auf dem Symposium „Zukunftsperspektiven der Mobilkommunikation” Ende Mai in Bonn. Verschiedene Szenarien sind denkbar: Prof. Bernhard Walke, Inhaber des Lehrstuhls für Kommunikationsnetze an der RWTH Aachen, plädiert für eine Freigabe von Fernsehfrequenzen, um den mobilen Empfang zum Beispiel von Videos mit Handys zu beschleunigen. Nur acht Prozent der Deutschen nutzen diese Frequenzen überhaupt noch, der Rest schaut über Kabel oder Satellit in die Röhre. Eine Verschwendung, findet Walke – und ein immenser Wert: Würde man die Bandbreite fürs TV in die Lizenzgebühren umrechnen, die vergangenes Jahr für UMTS gezahlt wurden, käme man auf einen Wert von fast 280 Milliarden Mark.
Ralf Keller, Forschungsleiter von Ericsson in Deutschland, geht noch weiter: „Wir werden mehrere Systeme – GSM, UMTS und terrestrisches Digital-TV (Digital Video Broadcasting, DVB) zusammenbinden müssen.” Das würde nicht nur einen enormen Temposprung für den Mobilfunk bedeuten, sondern auch völlig neue Perspektiven für TV und Radio eröffnen. Visionen von einem interaktiven Fernsehen und intelligenten Radios machten die Runde. Was schwerer wiegt: Nach dem Internet-Boom würden die Karten auf dem deutschen Medienmarkt schon wieder neu gemischt.
Mobilfunk: Die Übertragungsstandards
GSM (Global System for Mobile Communi-cation): Die heutigen Mobilfunknetze in Europa arbeiten nach dem GSM-Standard auf den Frequenzbändern 900, 1800 und 1900 Megahertz. Der Mobilfunkstandard der zweiten Generation (die erste Generation waren die alten analogen Netze) basiert auf dem Zeitmultiplex-Verfahren: Mehrere Handys (bis zu acht) funken auf derselben Frequenz, allerdings in kurzen Zeitschlitzen nacheinander. Der Wechsel erfolgt so schnell, dass der Nutzer nichts davon bemerkt. Nachteil: Jede Verbindung blockiert einen Teil der Netzkapazität, auch wenn gerade nicht gesprochen wird. Mit 9,6 beziehungsweise maximal 14,4 Kilobit (1000 Bit) pro Sekunde ist GSM zu langsam für Internet-Anwendungen, selbst mit dem abgespeckten WAP-Standard (Wireless Application Protocol), der sich als Flop entpuppt hat.
HSCSD(High Speed Circuit Switched Data): Diese Aufrüstung für GSM-Netze bündelt bis zu vier Kanäle und erhöht so die Datenrate auf maximal 57,6 Kilobit pro Sekunde. Nachteil: Die Kanäle sind belegt, selbst wenn gar nichts übertragen wird, und müssen auch bezahlt werden.
GPRS (General Paket Radio Service): Bei dieser alternativen Aufrüstung für GSM-Netze werden die Daten in kleine Pakete aufgeteilt und mit den Paketen anderer Teilnehmer verschickt. Vorteil: Empfängt ein Handy gerade keine Daten, wird das Netz nicht belastet. Der Nutzer kann immer online bleiben und zahlt nur für die tatsächlich übermittelte Menge an Daten. Nachteil: In Stoßzeiten sinkt die Geschwindigkeit gegen Null. Mit derzeit rund 30 Kilobit pro Sekunde ist GPRS weit langsamer als ursprünglich angekündigt (versprochen waren über 100 Kilobit pro Sekunde) – für WAP ist das Tempo aber ausreichend.
EDGE (Enhanced Data Rates for Global Evo-lution): Diese Technologie erhöht die Kapazität der Zeitschlitze in GSM- Netzen – maximal sind 384 Kilobit pro Sekunde möglich. Damit ist EDGE für Netzbetreiber interessant, die keine UMTS-Lizenz haben. Es dürfte vor allem in den USA zum Einsatz kommen.
UMTS (Universal Mobile Telecommunication System): Dieser Übertragungsstandard nutzt zwei Frequenzbänder (1920 bis 1980 und 2110 bis 2170 Megahertz). Er arbeitet mit dem WCDMA-Verfahren (Wideband Code Division Multiplexing Access). Dabei werden alle Daten aller Nutzer innerhalb einer Funkzelle gleichzeitig übertragen. Die Daten werden „markiert”, damit Sender und Empfänger sie aus dem Wellensalat herausfiltern können. Vorteil: UMTS-Nutzer sind immer online und zahlen nur die tatsächlich übertragene Datenmenge. Wegen der Breite des Frequenzbandes ist die Geschwindigkeit höher – realistisch sind zwischen 64 (ISDN-Geschwindigkeit) und 384 Kilobit pro Sekunde. Nachteil: Die Übertragungsrate sinkt mit dem Abstand vom Antennenmast und bei hohen Geschwindigkeiten. Im Auto bei Tempo 120 beträgt die Datenrate nur noch ein Fünftel, in einem ICE bei Tempo 300 nur noch ein Vierzehntel.
Krankmacher UMTS?
Mehr als 600 Bürgerinitiativen kämpfen hier zu Lande gegen den Bau von Mobilfunk-Antennen, aus Furcht vor gesundheitlichen Schäden durch die Funkstrahlung. Mit UMTS dürfte sich das Problem noch verschärfen: Mindestens 60000 neue Standorte benötigen die Netzbetreiber, wenn Deutschland flächendeckend versorgt werden soll. Allein um den Widerstand gegen den Antennenwildwuchs zu entschärfen, werden die sechs Netzbetreiber nicht um Kooperationen herumkommen. Der Verband Deutscher Baubiologen (VDB) beklagt, dass mit UMTS erneut eine neue Mobilfunktechnologie auf den Markt geworfen wird, ohne eingehende Untersuchung gesundheitlicher Risiken. Der VDB geht trotzdem davon aus, dass UMTS biologisch verträglicher sein müsste als der heutige GSM-Standard. Dessen Signale werden nicht kontinuierlich durch den Äther geschickt, sondern in kurzen Impulsen mit einer Frequenz von 217 Hertz. Diese Impulse sind nach Ansicht des Verbands für Schlafstörungen und ein erhöhtes Krebsrisiko verantwortlich, was aber durch Studien nicht belegt ist. Da UMTS ein viel breiteres Frequenzband nutzt, kommt es ohne Impulse aus. Dennoch fordert der Bund für Umwelt und Naturschutz auch für UMTS einen Mindestabstand von 60 Metern zu Wohnhäusern. Bundeswirtschaftsminister Werner Müller hat bereits reagiert: Bestehende Gesetze sollen erneuert und die Bürger besser informiert werden.
Kompakt
• 96 Milliarden Mark haben die Lizenzen für die nächste Mobilfunkgeneration UMTS gekostet. Riesige Schuldenberge drücken die sechs Lizenznehmer. • Fest steht: UMTS kommt verspätet und wird nicht den angekündigten Tempogewinn bringen. • Neue Technologien für die Zeit nach UMTS werden schon erforscht. Mobilfunk und digitaler Rundfunk werden in Zukunft zusammenwachsen.
bdw-Community
INTERNET Von GSM zu UMTS – informative Broschüre von Ericsson, als pdf-Datei: www.ericsson.de/broschueren/ von_gsm_zu_umts.pdf Artikel zu UMTSplus und LAN-Technologien: wiwo.de/WirtschaftsWoche/Wiwo_CDA/0,1702,13786_59080,00.html
Vorträge beim Symposium Zukunftsperspektiven der Mobilkommunikation: www.dlr.de/IT/KT/Symposium/ tagesordnung.html
Elektrosmog durch Mobilfunk aus Sicht der Baubiologen:www.baubiologie.net
Bernd Müller





